Es hätte für die deutschen Basketballerinnen sehr viel Grund gegeben, nervös zu sein. Vor dem dritten WM-Spieltag war noch alles möglich in der Gruppe A: Alle vier Teams hatten je einen Sieg. Die Deutschen konnten mit einem Sieg gegen Mali noch Gruppenerste werden und sich somit fürs Viertelfinale qualifizieren. Sie konnten mit einer Niederlage aber auch ausscheiden, was bei der Heim-WM in Berlin zum einen doch sehr traurig und zum anderen sehr enttäuschend gewesen wäre.
Aber die deutsche Mannschaft war nicht nervös. Sie hat nach der Watschn in Spiel eins am Freitag gegen Spanien in dieses Turnier gefunden. Am Samstag hatte sie Japan souverän geschlagen. Am Montag spielte sie gegen Mali die Anfangsnervosität endgültig raus. Im Spanienspiel, das mit 30 Punkten verloren ging, habe sein Team noch viel gezweifelt, sagte der Bundestrainer Olaf Lange nach dem 83:58-Sieg gegen Mali. Jetzt »haben wir unser Selbstvertrauen gefunden«. Und die Forward Frieda Bühner sagte: »Wir sind alle ein bisschen entspannter geworden.« Das Team vertraue sich nun gegenseitig. Alle wüssten, dass sie gemeinsam auch schlechte Phasen überstehen können.
Die gab es gegen Mali aber kaum. Der größte Trumpf der Deutschen ist ihre Verteidigung. Sie nutzen ihre Größe und Physis geschickt. »Man sieht unseren Spirit, unseren Zusammenhalt«, sagte Lange. Selbst die Malierinnen, die auch die Physis zu ihren Stärken zählen, hatten damit Probleme. Jeden Korb mussten sie sich sehr hart erarbeiten. Mali, das bisher 89,5 Punkte im Schnitt erzielt hatte, schaffte diesmal nur 58.
Und auch offensiv sahen die deutschen Spielerinnen ganz anders aus als noch gegen Spanien, als sie sich kaum gute Würfe erarbeitet hatten. Einen Riesenunterschied macht die Rückkehr der Spielmacherin Alexis Peterson-Smalls. Gegen Spanien spielte sie kraftlos, später erfuhr man, warum: Eine Lebensmittelvergiftung raubte ihr Energie, im zweiten Spiel setzte sie aus. Gut, dass sie zurück ist. Die Mannschaft braucht ihr Tempo, ihr Ballhandling und ihr Auge. Nach einem schönen Pick and roll und anschließendem Pass auf Luisa Geiselsöder formte sie mit ihren Fingern eine Brille.
Geiselsöder wiederum, 1,93 Meter groß, Center in der WNBA bei Portland Fire, gilt als eine der talentiertesten deutschen Basketballerinnen. Bei Portland hatte die 26-Jährige eine schwierige Saison, spielte zuletzt nicht mehr so viel. Auch ins Turnier fand sie schwer. Diesmal zeigte sie, dass sie eine moderne Centerspielerin ist, die passen, dribbeln und sogar von außerhalb der Dreipunktlinie treffen kann. 17 Punkte gelangen ihr gegen Mali, danach bekam sie vom Kapitän der Männernationalmannschaft, Dennis Schröder, die Trophäe für die beste Spielerin des Spiels überreicht.
Die hätte, wie schon gegen Japan, auch Frieda Bühner verdient gehabt. Ihren Namen riefen während des ganzen Spiels immer wieder zwei Parteien. Zum einen Trainer Olaf Lange, weil Bühner mal wieder »dies und das nicht richtig« gemacht hatte, wie der Bundestrainer auf der Pressekonferenz erzählte. Die 22 Jahre alte Bühner sei eben noch sehr jung, sie lerne noch in jedem Spiel, werde laut Lange aber auch von Tag zu Tag besser. Im ersten Gruppenspiel ließ er sie starten, seither bringt Lange Bühner von der Bank. Und seither läuft es bei ihr.
Gegen Mali machte sie die meisten Punkte aller Deutschen, 21. Und auch deswegen war ihr Name immer wieder in der Halle zu hören. Nach jedem ihrer vier Dreier rief der Hallensprecher ihren Namen: »FRIEDA!« Und die Fans antworteten: »BÜHNER!«
Ab jetzt gilt: Es gibt kein Danach
Bühner gilt vielen als Supertalent des deutschen Frauenbasketballs. Mit 14 Jahren debütierte sie in der zweiten Bundesliga, mit 16 wurde sie erstmals in den Nationalmannschaftskader berufen. Nun ist sie 22 und spielt seit dieser Saison in der WNBA, bei Portland ist sie Geiselsöders Teamkollegin. Während der WM hat sie sich zum Fanliebling entwickelt. Dass die Fans ihren Namen am lautesten schreien, habe sie noch gar nicht mitgekriegt, sagte sie nach dem Sieg. Aber es freue sie natürlich sehr. »Ich bin für die Fans da«, sagte sie und riss dabei beide Arme nach oben.
In der ZDF-Doku Macherinnen beschreibt sich Bühner als schüchternen Menschen. »Ich bin nicht so jemand, der sagt: ›Ich bin jetzt hier – und wo ist das Klavier?‹, sondern ich lasse das immer ein bisschen mehr auf mich zukommen.« Und genau so, sagte sie, habe sie auch gegen Mali das Spiel auf sich zukommen lassen. Mit dem Sieg qualifizierte sich Deutschland als Gruppenzweiter für die K.-o.-Runde.
Weil sich nur die Gruppenersten direkt fürs Viertelfinale qualifizieren, spielen die Deutschen am Dienstag um 20.45 Uhr gegen Südkorea um den Einzug unter die besten Acht. Im März hatten sie im ersten Spiel unter Olaf Lange Südkorea klar geschlagen (76:49). Der sagte, er erwarte Ähnliches wie gegen Japan – also viele schnelle Spielerinnen, die viele Dreipunktwürfe nehmen. Es wird für die Deutschen das vierte Spiel in fünf Tagen sein. Das ist selbst für Basketballerinnen ein außergewöhnlich enger Spielplan. Aber eigentlich gibt es gar keine Zeit, darüber lange nachzudenken. Denn ab jetzt kann jede Partie die letzte sein. Oder wie es die gebürtige US-Amerikanerin Alexis Peterson-Smalls sagte: »There is no day after.« Es gibt kein Danach.
