Mit der Wahl des „Parzival“ als Eröffnungsstück der Bad Hersfelder Festspiele und ihrer ersten Spielzeit sind die neue Intendantin Elke Hesse und ihr Stellvertreter Michael Schachermaier ein hohes Risiko eingegangen. Nicht nur, weil das um das Jahr 1200 von Wolfram von Eschenbach verfasste Werk kein Theaterstück, vielmehr ein Versepos ist. Auch, weil es eine Stoffmenge umfasst, die im Grunde einen Theaterabend sprengen würde. Richard Wagner hat es einst gewagt, diese gewaltige Dichtung in seinem Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ als musikdramatisches Werk auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses zu stemmen.
Kann Michael Schachermeier als Autor und Regisseur aus dem Werk ein echtes Theaterstück machen, fragten manche denn auch und nicht ohne Sorge. Er konnte, lautete nach der Premiere von „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“ die erlösende Antwort. Ja, der Oberspielleiter hat die richtigen Passagen des Epos ausgewählt und eine nachvollziehbare Handlung konstruiert, nämlich den Selbstfindungsmarathon des Parzival, der als tumber Tor allein mit seiner Mutter Herzeloyde im Wald aufwächst und ihr das Herz bricht, als er sich entschließt, die Welt hinter den Bäumen zu entdecken und dort in der höfischen Welt ein echter Ritter zu werden. Die Angst der Mutter, ihren Sohn zu verlieren, und ihren Schmerz, als er sich in dem von ihr geschneiderten Narrenkleid auf den Weg macht, hat Varia Sjöström als Herzeloyde ausdrucksvoll und nuancenreich in Stimme und Ausdruck gezeichnet.
Ein Ritter will der unbedarfte Parzival werden, allerdings ein Muskelritter, einer, der als Haudrauf alle Gegner besiegen und durch bloße Kraftprotzerei die Minne der Frauen erobern möchte. König Artus und seine Ritter können über diesen naiven Waldmenschen nur lachen, der ihnen als Eintrittspreis ins Ritterdasein den Gral zu bringen verspricht. Dieser Gral wird zu Parzivals Obsession, ihm jagt er nach, ohne zu wissen, dass er von Gott und dem Schicksal tatsächlich zum Gralskönig bestimmt ist: allerdings erst, wenn er sich selbst gefunden hat und zum mitleidenden Menschen geworden ist. Die Zauberin Kundrie hat das alles schon früh erkannt, ohne eingreifen zu können. Diese Gralshüterin wird ganz großartig von Melita Jurisic dargestellt, die ein fremdartiges Hexenwesen zeigt, das in vielerlei Sprachen prophezeit und singt.
Wenn der Gralszauber im Nebel entschwindet
Tatsächlich hört der Besucher in der Stiftruine nicht nur sie singen, sondern weitere Songs, intoniert von den drei Musikern der Liveband namens Dark Knights. Die musikalische Untermalung hat funktioniert. Ob es allerdings die englischsprachigen Songs wirklich gebraucht hätte? Zumindest der Gesang von Jurisic war jedenfalls faszinierend.
Manchen Fehltritt begeht Parzival auf seiner Reise zu sich selbst. Der schlimmste passiert ihm auf der Gralsburg, wo der von seiner blutenden Wunde schmerzgeplagte König Anfortas auf Parzivals mitfühlende Frage hofft. Aber der fragt nicht. Vielmehr: Parzival fragt etwas, jedoch nur egoistisch: „Kannst du mich zum Ritter schlagen?“ Worauf der Gralszauber, zack, im Nebel entschwindet.

Die Stiftsruine, entstanden ungefähr zu Lebzeiten Wolframs von Eschenbach, ist der ideale Ort für diese Gralsburg. Bühnenbildner Volker Hintermeier taucht die romanische Kirche ganz in Rot, als ob Anfortas’ Blut sich über den Schauplatz ergossen hätte: ein leuchtender roter Mond ganz hinten im Chor der Basilika, rechts und links sichelförmige Bögen, als ob der Blutmond sich gespalten hätte, rote Lichtspuren an den vier hohen Stahlrohrgerüsten, die als Kulisse dienen. Solche großen Bilder sind in die DNA der Ruine eingeschrieben, man muss sie nur herauskitzeln.
Die innere Wandlung des Parzival vom tumben Kraftprotz zum mitfühlenden und mitleidenden Menschen beginnt mit der Begegnung mit dem Einsiedler Trevrizent, der zu seinem Seelenführer wird. Parzival lässt das Schwert sinken und legt die Waffe auf die Erde. Später, als ihm alle, denen er Leid zugefügt oder die er enttäuscht hat, in den vielen Gestalten des Zauberers Klingsor begegnen, bricht Parzival innerlich zusammen. Er wirft die Rüstung von sich, zieht die Stiefel aus und steht zuletzt nackt und bloß da. Mit Thieß Brammer hat Regisseur Schachermaier einen Darsteller für die Hauptfigur gefunden, der all diese Veränderungen des suchenden und scheiternden Parzival im feinen Spiel auszudrücken weiß. Die Rolle verlangt Brammer wahrlich einen Kraftakt ab, er hat ihn bestanden.
So wie sein Parzival die ultimative Bewährungsprobe meistert. Als er sich am Ende wieder in der Gralsburg findet und der leidende Anfortas vor ihm steht, fragt er bei Wolfram: „Herre, wie steht iwer not?“ – „Herr, was fehlt Euch?“ In diesem letzten Teil von Parzivals Reise zum Licht lässt der Regisseur die Emotionen aufwallen in dem Bestreben, die Zuschauer mitzunehmen. In der Stiftsruine sind sie bei der Premiere mitgegangen. Das Risiko, zum Jubiläum der 75. Spielzeit in Bad Hersfeld den „Parzival“ zu wählen, hat sich gelohnt, die Rechnung der neuen Intendanz auf ein Mittelalterspektakel ist aufgegangen.
Nun muss der Intendantin Hess nur noch die von ihr erhoffte stärkere Einbindung der Hersfelder Stadtgesellschaft in die Festspiele gelingen. Einen erfolgversprechenden Anfang bildete am Eröffnungstag der fröhliche Festzug durch die Stadt, zu dem trotz der sengenden Hitze viele Hersfelder gekommen waren und zu dessen Gelingen einige bürgerschaftliche Initiativen beitrugen. In ihrem 75. Jahr erlangten die Festspiele nun auch die Anerkennung aus der Hauptstadt Berlin in Person von Wolfram Weimer, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Beim Festakt in der Stiftruine hielt allerdings nicht er, sondern der frühere hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), ein alter Freund der Festspiele, die Eröffnungsrede.
Parzival, Bad Hersfelder Festspiele, nächste Vorstellungen am 4., 9. und 19. Juli in der Stiftsruine
