
Mit Investitionen von 60 Milliarden Euro, Partnerschaften und neuen Prioritäten im Markenportfolio will sich der Autohersteller Stellantis aus der Krise befreien. Am Donnerstag präsentierte der Konzern an seinem amerikanischen Sitz in Auburn Hills bei Detroit einen neuen Strategieplan für den Zeitraum bis 2030. Opel ist in der neuen Rangordnung nur noch eine regionale Marke. Die „vier globalen Marken mit der größten Reichweite und dem höchsten Gewinnpotential“ sind dagegen Jeep, Ram, Peugeot und Fiat. Sie sollen mit „ihrer multiregionalen Präsenz als Erste neue globale Produkte und Technologien einführen“, sagte Konzernchef Antonio Filosa. 70 Prozent der künftigen Investitionen sollen sich auf diese vier Marken und auf die Nutzfahrzeugsparte konzentrieren.
Die regionalen Marken – neben Opel auch Chrysler, Dodge, Citroën und Alfa Romeo – sollen von den globalen Plattformen profitieren und in ihren jeweiligen Märkten „stark positioniert werden“. Die Marke DS soll dafür künftig von Citroën und Lancia von Fiat geführt und als Spezialmarke weiterentwickelt werden. Die krisengeplagte Luxusmarke Maserati will Stellantis behalten und mit zwei neuen E-Modellen weiterentwickeln.
Sechs Milliarden Euro weniger Kosten jährlich
Kosteneinsparungen sind ebenfalls vorgesehen: Bis 2028 werden jährlich sechs Milliarden Euro eingespart werden, kündigt der Konzern an. Werke sollen nicht geschlossen werden, doch in Europa soll sich die Produktionskapazität um 800.000 Autos verringern, während sie in den USA zunehmen soll. Für Werke in Spanien und Frankreich plant Stellantis, sie künftig zusammen mit chinesischen Partnern zu nutzen.
Bei den Anlegern kam der Plan indes nicht an. Die Stellantis-Aktie gab am Donnerstagnachmittag in Mailand um mehr als 5 Prozent nach, wodurch sich der Verlust seit Jahresbeginn auf 37 Prozent addiert. Nach Ansicht einiger Analysten ist die geplante Gewinnsteigerung nicht ehrgeizig genug.
Angekündigt hat Stellantis die Zusammenarbeit mit vier anderen Autoherstellern: Mit dem chinesischen Autohersteller Leapmotor, an dem Stellantis selbst 20 Prozent besitzt, soll gemeinsam mit Opel ein Elektroauto entwickelt und gebaut werden. Mit dem ebenfalls chinesischen Partner Dongfeng sollen in China je zwei Modelle von Peugeot und Jeep gebaut werden, umgekehrt Dongfeng-Modelle in Stellantis-Fabriken in Europa. Eine Partnerschaft mit Jaguar Landrover (JLR) soll in Nordamerika eine Kooperation für neue Produkte und die Fertigung von JLR-Modellen – ohne Zollkosten für die Kunden – ermöglichen. Schließlich will Stellantis mit der JLR-Muttergesellschaft, dem indischen Tata-Konzern, auf dem indischen und dem südamerikanischen Markt sowie im Nahen Osten, in Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum zusammenarbeiten.
Von den insgesamt geplanten 60 Milliarden Euro an Investitionen will Stellantis in den kommenden fünf Jahren rund 24 Milliarden Euro in globale Plattformen, Antriebssysteme und neue Technologien investieren. Weitere 36 Milliarden Euro sind für Marken- und Produktinvestitionen vorgesehen. Von diesen sollen wiederum 60 Prozent nach Nordamerika fließen.
Kern der neuen Modellstrategie sind vor allem zwei Elemente: Zum einen gehe es darum, Lücken im Produktangebot zu schließen. Die Abdeckung der verschiedenen Marktsegmente soll in Nordamerika um 50 Prozent erhöht werden, in Europa um 25 Prozent. Zweitens soll die Zahl der Plattformen und die Zahl der Antriebe reduziert werden. 50 Prozent der Modelle sollen bis 2030 auf nur drei Plattformen gebaut werden, insgesamt soll die Zahl der genutzten Plattformen um die Hälfte reduziert werden. Für Europa ist von Bedeutung, dass künftig alle Modelle vom Kleinwagen bis zum Mittelklasseauto auf einer einzigen, variablen Plattform gebaut werden sollen.
Vier neue Opel-Modelle bis 2030
Die zahlenmäßig reduzierten Plattformen sollen dann auch alle Arten von Antriebsformen ermöglichen. Bis 2030 sollen mehr als 60 neue Modelle angeboten werden, darunter 39 mit Verbrennungs- oder Mildhybridmotor, 29 mit rein batterieelektrischem Antrieb sowie 15 mit Plug-in oder Range-Extender. Dazu soll nun in wichtigen Marktsegmenten auch noch die Möglichkeit eines Vollhybrid-Motors kommen, dazu sind 24 neue Modelle angekündigt. Opel-Chef Huettl kündigte an, dass unter der von ihm geführten Marke bis 2030 vier neue Modelle auf den Markt kommen sollen. Huettl sagte: „Wir werden bestehende Bestseller wie den Corsa und Astra erneuern und unsere Präsenz im C‑SUV‑Segment ausbauen.“
Gewerkschaftsvertreter zeigten sich am Donnerstag beunruhigt angesichts der angekündigten Sparpläne. „Einsparungen von sechs Milliarden Euro und Kürzungen der Kapazität um 800.000 Fahrzeuge in Europa – diese Ankündigungen machen uns große Sorgen“, sagte Ciro D’Alessio, für die Autoindustrie zuständiger Vertreter der italienischen Gewerkschaft Fiom-CIGL. In Italien, der Heimat der führenden Stellantis-Manager Filosa und des Verwaltungsratsvorsitzenden John Elkann, ist die Beunruhigung über die Zukunft des zweitgrößten europäischen Autokonzerns nach Volkswagen besonders ausgeprägt. In Italien ging der Marktanteil der Stellantis-Marken in den vergangenen fünf Jahren von fast 40 auf knapp 29 Prozent zurück, mehr als in anderen europäischen Ländern, berichtete die italienische Gewerkschaft Fiom-CGIL am Mittwoch in Rom.
Gewerkschaften: Gehirn des Konzerns in den USA
Frankreich ist indes der Markt, in dem die Stellantis-Verkäufe in den vergangenen fünf Jahren absolut gesehen am stärksten fielen: Um 197.000 Fahrzeuge, wodurch das Unternehmen im vergangenen Jahr bei einem Marktanteil von 28 Prozent ankam, knapp 9 Prozentpunkte weniger als 2020. Deutschland kommt im europäischen Ländervergleich dagegen relativ glimpflich davon: Dort sanken die Stellantis-Marktanteile mit Opel im Mittelpunkt nur von 13 auf 12,1 Prozent. Der Konzern verkaufte auf dem deutschen Markt im vergangenen Jahr 379.000 Fahrzeuge.
Als positive Nachricht sehen die italienischen Gewerkschaften die Nachricht, in Pomigliano bei Neapel von 2028 an einen neuen vollelektrischen Kleinwagen zu bauen, der rund 15.000 Euro kosten könnte. Doch das gilt bei weitem nicht als ausreichend, um die Rückgänge der Vergangenheit auszugleichen. In das gleiche Horn stößt die französische Gewerkschaft CFDT. Sie hatte schon zu schlucken, dass Stellantis die Fahrzeugproduktion im traditionsreichen Werk von Poissy bei Paris einstellt und dort nur noch Komponenten bauen lässt. Jetzt winkt jedoch dem Standort in Rennes eine höhere Auslastung, denn der chinesische Partner Dongfeng soll künftig dort ein Modell herstellen lassen. „Dieses Projekt darf keinen anderen Standort in Frankreich in Frage stellen, es muss die ganze Kette bis Vertrieb und Forschung stärken“, fordert die CFDT.
Allgemein beklagen viele Arbeitnehmer und ihre Vertreter in Europa, dass sich Stellantis zu stark auf die USA konzentriere, wo sich auch der Konzernchef Filosa die meiste Zeit aufhalte. „Das Gehirn des Unternehmens befindet sich in den Vereinigten Staaten“, sagt Gewerkschafter D’Alessio.
Einziger Lichtblick war bei der regionalen Betrachtung von 2020 bis 2025 Südamerika: Dort stiegen die Verkäufe in fünf Jahren um mehr als zwei Drittel auf fast eine Million Autos und die Marktanteile erhöhte sich um 3,5 Prozentpunkte auf 22,6 Prozent.
