Zwei mittelalte Deutsche, beide heißen mit Vornamen Matthias, stehen in Funktionskleidung am Eisfjord. Höhepunkt einer Grönland-Rundreise. Viele träumen davon, das einmal im Leben zu sehen, am besten samt einer der tiefdunklen Nächte Grönlands. Doch werden die so dunkel bleiben? Mehr Leute, das bedeutet in aller Regel auch: mehr Lichtverschmutzung. Und damit weniger gute Sicht auf Aurora Borealis, das farbige Lichtwunder am Himmel Grönlands. Immer mehr Touristen kommen auf die größte Insel der Welt, das UNESCO-Weltnaturerbe Eisfjord, 2004 ernannt, wird zum buchstäblichen Hotspot, ein neuer Flughafen wird gebaut. Eine Einnahmequelle und eine Bedrohung der Natur zugleich. Welche Art von Tourismus also sollte Grönland bieten? Dazu gibt es verschiedene Ansichten.
Die Ausstellung „Kalaallit Nunaat Forever – Grönland Not For Sale“ im Frankfurter Kunstverein schlägt sich auch in der Frage des Tourismus auf keine Seite, sondern zeigt die Vielfalt der Meinungen und fängt damit auch die Schwierigkeiten, die Widersprüche von Entwicklungen ein. Das an sich ist schon eine Stärke in einer Gesellschaft, in der die Komplexitäts- und Ambiguitätstoleranz von Leuten schwindelerregend schnell schwindet. Grönland hat reichlich Ambivalenz aufzuweisen. Das ewige Eis ist schon lange nicht mehr ewig, im Gegenteil, rund 250 Milliarden Tonnen Eis gehen Grönland laut dem Alfred-Wegener-Institut jährlich verloren.
Das hat dramatische Auswirkungen auf den Meeresspiegel, auf das Klima, auch bei uns. Zugleich aber erlauben die Folgen der Erwärmung den Grönländern, die jahrhundertelang von Fisch, Meeressäugern und Wild lebten, plötzlich den Anbau von Gemüse, Getreide und Obst. Und die enormen Bodenschätze lassen sich leichter abbauen. Beides positiv für eine traditionell arme Gegend. Der schwindende Lebensraum wiederum bringt die Eisbären näher an Mensch und Vieh – etwa so, wie sich bei uns der Wolf wieder ansiedelt.
Grönland hätte also auch ohne die amerikanischen Touristen Donald Trump und J. D. Vance mehr als genug schwierige Fragen zu lösen. Doch seit 2025 ein weiteres Mal, und diesmal noch mit viel größerem Druck, der wiedergewählte amerikanische Präsident Besitzansprüche seines Amerikas an Grönland geltend gemacht hat, ist die „Grönlandkrise“ in aller Munde. Grund für den Frankfurter Kunstverein, den Interessenschwerpunkt von Direktorin Franziska Nori an Umwelt- und Klimathemen im Zusammenspiel mit dem Menschen mit politischen und künstlerischen Fragen zu verbinden. Bis 2028 will der Kunstverein politische Ausstellungen zeigen, so die Ankündigung.
Die Widersprüche aushalten
Die Ausstellung des Alpinen Museums der Schweiz in Bern, kuratiert von dessen Direktor Beat Hächler und dem Filmemacher Gian Suhner, kuratorisch für die Kunst flankiert von Nori, setzt unmissverständlich Zeichen: „Kalaallit Nunaat“, so heißt Grönland auf Grönländisch und bedeutet in etwa „Land der Menschen“, was samt dem Untertitel der Ausstellung sowohl die Amerikaner in die Schranken verweist als auch in Bezug auf die Kolonialgeschichte Grönlands eine enorme Bedeutung hat. Ist das Land doch seit dem 18. Jahrhundert dänisch regiert und die Bevölkerung unterdrückt worden. Was das für die indigene Bevölkerung der Kalaallit bis heute bedeutet, zeigt exemplarisch das künstlerische Werk Julie Edel Hardenbergs. Die Besucher werden mit ihrem von schwarzem Haar durchsetzten Danebrog konfrontiert, „Nipangersitassaanngitsut (Those who can’t be silenced)“ (2017) heißt die Arbeit.

Sprache und Aussehen in Verbindung mit Rassismuserfahrungen setzt Hardenberg künstlerisch in Fotografien und Collagen um, manchmal bitter, oft sehr witzig, aber so, dass das Lachen im Halse stecken bleibt. Bis auf Hardenbergs Arbeiten, die so ein Debüt in Deutschland darstellen. Dazu eine Collage von Musikvideos auf Kalaallisut, Grönländisch, und den kecken Song des grönländischen Rappers Tarrak im Foyer allerdings gibt es geradezu bestürzend wenig Kunst oder Künstlerisches in diesen neun Stationen der Ausstellung. Stattdessen eine Flut von Informationen für die Besucher, die in den allermeisten Fällen nicht viel über Grönland wissen dürften. Und etwa erfahren, was man Grönländer nicht fragen sollte. Ob sie in Iglus leben zum Beispiel.
Schließlich solle es, so Nori, darum gehen, die Grönländer selbst sprechen zu lassen. Hächler und Suhner haben genau das ernst genommen und gute 30 Videos erstellt, die von der Schafzüchterin über die von der Schweiz aus gesteuerte Eisforschung bis zum Kontrast von Stadt- und Landleben die Grönländer von Land, Leuten, Lebensarten und sehr unterschiedlichen Sichten berichten lassen. Der Clou: Jeder Besucher hat sein eigenes Headset und aktiviert die Videos selbst, so verpasst man nichts, muss nicht warten und kann sich seinen eigenen Parcours gestalten.
Im Untergeschoss läuft als Loop der Dokumentarfilm „Stella Polaris Ulloriarsuaq“ aus dem Jahr 2016. Regisseur Yatri Niehaus und sein Team hatten 2012/13 „Lichtbotschaften“ von Grönländern im Polarlicht aufgenommen und sie mit Wünschen und Sorgen zu Wort kommen lassen. Die Frage nach den Auswirkungen des Klimawandels jenseits der zu erwartenden Verschlimmerungen der Lebensbedingungen auf der Welt sind höchst bedenkenswert, die Frage danach, was das mit den Seelen der Menschen macht, auf Grönland und anderswo. Leider ist der anderthalb Stunden lange Film, der sich zwischen Dokumentation und Inszenierung bewegt, extrem pathetisch – ein Zug, der erfreulicherweise den meisten Botschaftern in den Videos der drei Etagen fehlt.
