
Prahlada Nagendrappa steht, ganz in weiß gekleidet, vor dem Römer: Das Hemd und der zu einer Art Rock gewickelte Dhoti, die typische südindische Tracht, strahlen Reinheit aus. Bevor das neue Mitglied der Ausländervertretung das Rathaus betritt, knackt der indische Vermögensberater eine Kokosnuss vor den Stufen des Römers. Das hinduistische Ritual symbolisiert die Zerschlagung des harten Egos, des Stolzes, bevor man einen Tempel, das Heilige betritt. Mehr als 11.000 Menschen haben ihm auf Instagram dabei zugesehen, wie zeremoniell er seinen ersten Abend in der Interessenvertretung der Ausländer beginnt: „Es ist eine Ehre, Teil der Ausländervertretung zu sein“, sagt der Vertreter der indischen Liste Global Unity in Germany (GUG).
Drinnen im Plenarsaal sucht sich Nagendrappa mit den anderen 21 Neuen seinen Platz an einem der Doppeltische. Am Donnerstagabend sind 35 der 37 gewählten Mitglieder der Kommunalen Ausländervertretung (KAV) zur konstituierenden Sitzung gekommen, fast die Hälfte davon sind Frauen, sie stammen unter anderem aus der Ukraine, Indien, China, Afghanistan oder der Türkei. Was auffällt: Sie alle rücken zusammen, sodass der Saal halb leer wirkt. Von den Charakteren, die in den vergangenen Jahren das Gremium wortgewaltig beherrschten, manchmal so auch lahm legten und häufig einen Doppeltisch für sich allein beanspruchten, sind viele freiwillig ausgeschieden oder nicht wiedergewählt worden.
Überraschender Kampf um den Vorsitz
Auf den Besucherrängen haben diesmal auch Stadtverordnete als seltene Gäste Platz genommen: CDU, SPD, Grüne und später auch BIG sind vertreten. Die Wahl des Vorsitzenden der KAV verspricht Spannung, da der langjährige Repräsentant des Gremiums, Jumas Medoff, überraschend einen Gegenkandidaten hat. Parwiz Amiri, Nachrücker auf der Liste der Partei Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG), für die er auch auf seinem Instagram-Profil geworben hat, stellt sich am Rednerpult überraschend als parteiloser Bewerber vor. Er wolle eine KAV schaffen, die erreichbar und ansprechbar in allen Stadtteilen sei, die die Sorgen und Wünsche der Menschen in die Gremien der Stadtpolitik trage. Sein Wunsch, mehr migrantische Frauen auch im Beruf zu fördern, Jugendliche bei der Berufsfindung zu unterstützen und sich für bezahlbaren Wohnraum einzusetzen, klingt dann allerdings eher nach bundespolitischem Wahlprogramm.
Der Statthalter im Amt hat es dagegen leicht, auf die Errungenschaften, vor allem auf Veranstaltungen für die migrantischen Communities und auf Anträge der KAV zu verweisen, die später teils von den Stadtverordneten unter eigener Fahne veröffentlicht worden seien. Allerdings galoppiert Medoff so sehr durch seine Aufzählung, dass ihm vielleicht nicht alle, deren Muttersprache eine andere als Deutsch ist, so schnell folgen können. „Ich sehe, dass wir Dinge bewegen, auch wenn wir nur ein Beratungsgremium sind. Unsere Arbeit wirkt“, sagt Medoff.
Jumas Medoff zum dritten Mal als Vorsitzender gewählt
In der Folge werden beiden Bewerbern viele Fragen gestellt, meist von langjährigen KAV-Mitgliedern. Etwa, wie man die niedrige Wahlbeteiligung von 12,1 Prozent verbessern könne? Offenbar erreiche und überzeuge die Kommunale Ausländervertretung, die 220.000 wahlberechtigte Ausländer repräsentiert, nur einen kleinen Teil davon. Zum Vergleich: Die Stadtverordnetenversammlung dürfen mehr als 515.000 Menschen mit deutschem Pass in Frankfurt wählen, die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent. Medoff antwortet: „Die Fraktionen haben Macht, haben Geld“, damit könnten sie mehr bewegen. Der KAV stünden gerade mal 10.000 Euro im Jahr für ihre Arbeit zur Verfügung. Letztlich ist die Ausländervertretung ein Beratungsorgan, jedoch ohne Entscheidungsmacht. Als Sieger der geheimen Wahl geht Jumas Medoff mit 25 Stimmen hervor, Amiri erhält 10. Medoff kann damit seine dritte Amtszeit als Vorsitzender antreten.
Es folgt die Wahl des Präsidiums, in dem in den vergangenen Jahren viel inhaltliche Arbeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geleistet wurde. Das Gremium war vor fünf Jahren auf zwölf Personen erweitert worden. Am Ende des Abends werden es elf Menschen sein, die künftig Anträge an die Stadtverordnetenversammlung richten und Veranstaltungen vorbereiten werden. Vor der geheimen Wahl taucht sogar noch kurz der Stadtverordnete Haluk Yildiz von der BIG-Partei auf, um seine Gefolgsleute bei der Aufstellung der Kandidatenliste zu beraten. Letztlich werden sechs Frauen und fünf Männer, darunter Parwiz Amiri, gewählt, die künftig zusammen mit Medoff die Arbeit der Kommunalen Ausländervertretung maßgeblich bestimmen werden.
