Die deutsche Industrie hat im
Juni überraschend viele Aufträge erhalten. Das Neugeschäft wuchs
wegen vieler Großaufträge um 3,1 Prozent im Vergleich zum
Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt mit. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen
hatten nur mit einem Plus von 0,3 Prozent gerechnet.
Es ist der
zweite Zuwachs in Folge: Im Mai hatte es bereits ein Plus von
revidiert 0,3 Prozent gegeben, das damit deutlich kleiner
ausfiel als zunächst mit 1,9 Prozent geschätzt. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium sind die staatlichen Beschaffungen für Bundeswehr und Infrastruktur ein Hauptgrund für das Auftragsplus.
Die Statistiker erklärten, die positive Entwicklung sei zu einem großen Teil auf die deutlichen Anstiege im Maschinenbau (plus 12,7 Prozent) und in der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (plus 22,7 Prozent) zurückzuführen. In beiden Bereichen meldeten eine Reihe von Unternehmen Großaufträge. Auch der Zuwachs in der Autoindustrie mit einem Plus von 3,8 Prozent wirkte sich positiv aus. Im sonstigen Fahrzeugbau
– dazu gehören Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge –
fielen die Bestellungen um 41,7 Prozent im Vergleich zum hohen Auftragsniveau des Vormonats.
Experte sieht Trendwende
»Die guten Auftragseingänge legen die Grundlage für eine
mittelfristige Produktionsausweitung«, sagte der Chefvolkswirt
der VP Bank, Thomas Gitzel. »Die deutsche Wirtschaft hat damit
die Trendwende vollzogen und dürfte auf Sicht der kommenden
Jahre wieder höhere Wachstumszahlen ausweisen.«
Die Konjunktur
laufe etwas besser als noch vor kurzem gedacht, sagte auch der Ökonom der
Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Jens-Oliver Niklasch. Er
verwies aber auf Risiken: »Freilich schwebt das Ölpreis-Risiko
latent über allem, und mit den Pegelständen der großen Flüsse
ist ein neues Abwärtsrisiko dazugekommen.«
Das Niedrigwasser auf
Europas wichtigster Wasserstraße, dem Rhein, behindert seit Tagen die
Binnenschifffahrt und kann Lieferketten unterbrechen, was
wiederum die Produktion ausbremsen könnte.
Schwankungen bei Bestellungen aus dem Ausland
Die Auslandsaufträge stiegen im Juni um 0,2 Prozent. Dabei
brachen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 14,0 Prozent ein,
während die aus dem übrigen Ausland um 10,2 Prozent zunahmen. Die Inlandsaufträge stiegen um 7,8 Prozent. Werden Großaufträge
ausgeklammert, sanken die gesamten Bestellungen jedoch um 0,5
Prozent. Im weniger schwankenden Dreimonatsvergleich lag der
Auftragseingang im zweiten Quartal um 1,3 Prozent höher als in
den drei Monaten zuvor, ohne Großaufträge blieb er unverändert.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht deshalb noch
keinen kräftigen Aufschwung. »All’ das erinnert wieder einmal
daran, dass sich die deutsche Wirtschaft selbst dann nur
zögerlich erholen dürfte, wenn das Öl wieder durch die Straße
von Hormus fließt«, sagte Krämer. »Letztlich leiden die
deutschen Unternehmen weiter unter einer schlechten
Standortqualität, die die geplanten Reformen der Bundesregierung
nicht wesentlich verbessern dürften.«
