
Mit einem aufgedrehten Wasserhahn hat sich David Tattersall, Sänger, Gitarrist und Liedschreiber des britischen Indierock-Trios The Wave Pictures, einmal verglichen: Fortwährend ströme Musik aus ihm heraus. Davon künden gut zwanzig Alben und zahlreiche EPs und Singles, die er und seine Mitstreiter, der Bassist Franic Rozycki und der singende Schlagzeuger Jonny Helm, in den vergangenen 25 Jahren veröffentlicht haben. Von den zahlreichen Kollaborationen Tattersalls noch ganz zu schweigen, die den kreativen Output wahrscheinlich glatt verdoppelten.
Über eine solche Veröffentlichungsflut nicht redundant oder gar langweilig geworden zu sein, sondern mit dem Ende Februar veröffentlichten Album „Gained/Lost“ die nächste, ganz wunderbar gestaltete Patchwork-Decke ausgebreitet zu haben, ist große Kunst, die sich auch aus Tattersalls Talent zur Absorption speist. Wie ein Schwamm hat er Inspiration aus Literatur und Filmen aufgesogen, was sich in den mal lakonisch, mal ganz liebevoll Milieus beobachtenden Texten seiner Songs niederschlägt. Noch wichtiger ist aber seine Verinnerlichung einer Musiktradition, die weit über den Rock-’n’-Roll-Kosmos hinausreicht. Vermutlich kann Tattersall auf der Gitarre alles spielen, so bestechend ist sein technisches Können, was ganz wesentlich zum hinreißenden Charme der Liveauftritte der Wave Pictures wie nun im gut besuchten kleinen Saal des Frankfurter Clubs Zoom beiträgt.
Selbst wenn man um Tatersalls und auch Rozyckis Virtuosität auf ihren Instrumenten weiß, ist es doch stets aufs Neue ein Aha-Erlebnis, wenn aus dem fröhlich vor sich hinrumpelnden, an Modern Lovers spielen Velvet Underground erinnernden minimalistischen Rock plötzlich Soli anheben, die auch David Gilmour oder Rory Gallagher, zwei sehr unterschiedliche Vorbilder Tattersalls, zur Ehre gereichen würden. Dabei geht es den gänzlich uneitlen Wave Pictures nicht um die Demonstration einer Meisterschaft. Eher sind die kleinen Saitenkunststücke, die auch mal Reverenz an Neil Young, Dick Dale oder Tom Verlaine sein können, der Hinweis darauf, wie doch die Musiken über dieselben Akkorde miteinander verbunden sind und wie sehr die jeweilige Persönlichkeit eines Musikers für ihre unterschiedliche Wahrnehmung sorgt.
Wie zur Probe aufs Exempel spielen die Wave Pictures denn auch ihre Coverversion des Creedence-Clearwater-Revival-Krachers „Green River“, der in der verlangsamten Aufführung seine Bedrohlichkeit verloren hat und eher an eine Reflexion über die Unheimlichkeit denken lässt, die in der Rückschau aber nicht mehr ängstigt. Sie ist verblasst wie das T-Shirt im wunderbaren neuen Song „Faded Wave Pictures T-Shirt“, das zu den Höhepunkten des knapp anderthalbstündigen Konzerts gehörte und unterstrich, dass es gewiss keine Verschwendung ist, wenn der Wasserhahn David Tattersall auch in Zukunft munter weiter vor sich hin sprudelt.
