Der Ort, wo Götter geboren werden, und der Ort, wo man sie zu Grabe trägt, liegen nicht weit voneinander entfernt. So jedenfalls glaubten es einst die Kreter. „Hier drüben ist das Diktigebirge mit der Höhle von Psychro“, sagt Danae Kontopodi und deutet auf eine Kette hoch aufragender Berge. „Und da drüben, da liegt der Juchtas.“ Die kretische Archäologin steht zwischen jahrtausendealten Mauerresten auf einem Hügel rund 30 Kilometer südöstlich der Inselhauptstadt Heraklion. Im Winter sind die Berge des Dikti und des Psiloritis, Kretas höchsten Gebirgsmassivs, schneebedeckt. Am Ende des Sommers flimmern ihre über 2000 Meter aufragenden Silhouetten schon am Morgen in der sengenden Hitze.
Was wiegt mehr: kulturelles Erbes oder Massentourismus?
Der Papoura-Hügel, auf dem Kontopodi steht, rückte erst 2024 ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Die Freilegung der mehr als 4000 Jahre alten, verschachtelten Anlage war eine Sensation, über die internationale Medien berichteten. Papoura liegt ziemlich exakt zwischen dem mythischen Geburts- und Sterbeort des Zeus. Die Kreter der Antike verehrten seine Wiege in der Psychro-Höhle am Fuß des Dikti. Den Festlandgriechen zum Graus sollen die Insulaner jedoch auch ein Grab für den Unsterblichen ausgemacht haben, das später auf dem Juchtas verortet wurde.

Das neu entdeckte kreisförmige minoische Bauwerk auf dem Papoura-Hügel ist einzigartig – im gesamten Mittelmeerraum, ein Labyrinth, das seinesgleichen in der antiken Welt sucht. „Sie bevorzugten die herausragendsten Orte“, sagt Kontopodi über die mysteriöse nach dem legendären König Minos benannte erste Hochkultur Europas, „und sie hatten Sichtkontakt über weite Entfernungen hinweg.“ Papoura erreicht fast 500 Höhenmeter und ist von mehreren minoischen Gipfelheiligtümern umgeben. „Giristi, Kofinas, Rozitis, Karfi und Juchtas – man kann sie alle von hier aus sehen“, sagt die Ausgrabungsleiterin.
Und dann ging die Hölle los
Über die Steinreihen auf dem Hügel streift ein wohltuender Wind und treibt Brisen von Wildkräutern herbei. Man muss kein spiritueller Mensch sein, um zu spüren, dass Papoura etwas Erhabenes innewohnt. „Wir haben hier Tierknochen und unzählige Scherben von Tongefäßen gefunden“, erzählt Kontopodi, während sie sich durch ein Gewirr enger, kreisförmig angelegter Gänge dem Zentrum der Ausgrabungsstätte nähert. „Sie haben jedenfalls eine Menge getrunken.“ Die Funde lassen auf eine besondere rituelle Bedeutung des Gebäudekomplexes schließen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„2023 wurden wir beauftragt, Papoura möglichst rasch für den neuen Flughafen in Kastelli zu untersuchen“, erzählt Kontopodi. Der Ort wurde für den Bau einer Radaranlage vorgesehen, die die Sicherheit von Kretas geplantem neuen internationalen Drehkreuz gewähren soll. Spätestens 2028 soll Kastelli den Flughafen in Heraklion ersetzen – ein ehrgeiziges Multimillionenprojekt. „Dann stießen wir hier auf den Gebäudekomplex. Und die Hölle ging los.“
Älter als die Palastmauern von Knossos
Die Anlage auf Papoura ist noch älter als die Palastmauern von Knossos, Kretas berühmtester Touristenattraktion. Erst in den Augen eines der Geier, die bisweilen über der Gegend kreisen, wird deutlich, warum sich der Ort von allen anderen Ausgrabungsstätten Kretas abhebt. Aus der Vogelperspektive wird eine etwa 50 Meter breite Baustruktur sichtbar, die aus acht konzentrischen Steinringen besteht. Die Ringe sind in kleine Kammern mit schmalen Durchgängen unterteilt. Unweigerlich weckt der Anblick Assoziationen zum Labyrinth des Minotauros, dessen sagenhaftes Verlies bisher in Knossos verortet wird.
Kontopodi ist bedacht, einen nüchternen Blick auf die Ausgrabungen zu werfen. „Ich weiß, dass manche sogar mutmaßen, es könne sich um eine riesige astronomische Anlage handeln“, sagt sie, „dafür haben wir bisher jedoch keine klaren Anhaltspunkte, wir können es aber auch nicht ausschließen“. Andere wollten einen Lunisolarkalender in dem Aufbau erkennen, „aber dafür haben wir bisher keine Anhaltspunkte“. Die Faszination, die Menschen weltweit für das Bauwerk aufbringen, teilt die Archäologin jedoch uneingeschränkt. „Papoura ist magisch. Allein die Tatsache, dass die Erbauer einen Plan für diese symmetrische Anlage entwarfen, ist für diese Zeit absolut irre.“

Geht es nach den Plänen der am Flughafen beteiligten Baufirmen und der Politik, sollten auf dem Papoura-Hügel längst Bagger und Bulldozer angerückt sein, um die Flanken um das Monument abzutragen. Für sie ist bereits ein alternativloser Kompromiss gefunden: Die Radaranlage soll mit 30 Meter Abstand beidseitig der freigelegten Anlage entstehen. Demnach würden bald schon Explosionen Krater in den Fels reißen, um Platz für zwei große Plateaus mit Radartürmen und Funktionsgebäuden unmittelbar neben der Ausgrabungsstätte zu schaffen. Was interessieren schon minoische Mauerreihen und kultische Sichtachsen, wenn ein Großflughafen auf seine Realisierung wartet?

„Das Monument besteht aus Steinen und Erde“, sagt Kontopodi. „Wir versuchen jetzt schon mit Mühe die Steinreihen zu erhalten.“ Niemand wisse zudem, was der Hügel noch verbirgt. Die Explosionen zur Errichtung des Fundaments der Radaranlage könnten vieles für immer zerstören. „Ich bin nur eine Staatsangestellte, die Anordnungen befolgen muss“, sagt Kontopodi, „aber schon die ersten Menschen auf Papoura respektierten die Natur, und auch ich möchte die Umwelt respektieren.“
Die Gemeinde Minoa Pediada, auf deren Gebiet der Hügel liegt, hatte im Frühjahr gemeinsam mit Bürgerinitiativen und dem Verband griechischer Archäologen beim Staatsrat, dem obersten Verwaltungsgericht Griechenlands, Klage gegen die Radaranlage eingereicht. Vergangene Woche fiel das Urteil. Die Klage wurde abgelehnt. Viele Kreter halten das für einen Skandal oder wittern gar Korruption.
Der Kampf um einen archäologischen Schatz
„Die Auffassung wurde bestätigt, dass wirtschaftliche Interessen heute dominieren und keinerlei Rücksicht auf die Geschichte und die archäologischen Schätze genommen wird, den größten Reichtum unseres Volkes“, sagt Vasilis Kegkeroglou, Bürgermeister von Minoa Pediada. Doch er will nicht aufgeben. „Der Kampf um den Schutz des kulturellen Erbes muss fortgesetzt werden.“
Das griechische Kulturministerium, in dessen Verantwortung Papoura fällt, ließ zwar seit seiner Entdeckung verlauten, sich für den Erhalt der Anlage einsetzen zu wollen, die Kläger werfen den Politikern jedoch vor, noch nicht einmal eine stichhaltige Prüfung alternativer Standorte für die Radaranlage nachweisen zu können. Laut eines Gutachtens der Nationalen Technischen Universität Athen wurden sieben weitere Orte für die Luftraumüberwachung als geeignet eingestuft, vier sogar als noch besser als Papoura. Olympia Vikatou, die zuständige Generalsekretärin für Kultur, ließ eine Anfrage der F.A.S. unbeantwortet.

„Die finanzielle Gesamtbelastung für die Flugsicherungssysteme wird Berichten zufolge auf annähernd 112,4 Millionen geschätzt – bei einem ursprünglichen Budget von 75 Millionen Euro“, sagt die Architektin Konstantina Mpoumpoulaki, eine der Initiatorinnen der Bürgerinitiative „Save Papoura“, „bei Verzögerungen drohen außerordentlich hohe Vertragsstrafen.“ Sie hat in den vergangenen Monaten Proteste und Menschenketten um das Monument organisiert.
Gerade Griechenlands größte Insel birgt in ihrem Inneren unzählige kulturelle Schätze. Wer die wahre Magie der Minoer erleben will, zwängt sich jedoch nicht in Touristenschlangen durch Knossos. 2024 und 2025 besuchten jährlich jeweils etwa eine Million Menschen die Ausgrabungsstätte, weit mehr, als die gesamte Insel Einwohner hat. Allein der neue Flughafen Kastelli soll künftig bis zu 15 Millionen Menschen jährlich abfertigen können.
In Knossos und an den Küsten wird es künftig noch enger werden. Doch es gibt Alternativen: entlegene Ausgrabungsstätten wie Roussolakos, Vassiliki oder Gournia, versteckte Kulthöhlen wie Milatos, Trapeza oder Skotino und etwa 30 geheimnisumwitterte Gipfelheiligtümer. Etliche davon hat man als Wanderer selbst in der Hauptsaison ganz für sich allein. Papoura jedoch könnte sie alle überstrahlen – so es denn erhalten bleibt.
Papoura wird zum Symbol für eine Frage, die in Griechenland längst nicht nur Kreta bewegt. Was wiegt mehr: die Bewahrung kulturellen und natürlichen Erbes oder Millionen für die Bauwirtschaft und den Massentourismus? Die Tourismusbranche beschwört in Dauerschleife die Abkehr von der Masse hin zum nachhaltigen lokalen Erlebnis. Auf Kreta wie anderswo will sie den seit Jahren anschwellenden Übertourismus an den Küsten durch authentische Angebote im Landesinneren ausgleichen.
Etwas unterhalb der Außenmauern trifft Danae Kontopodi auf Kollegen, die unter Sonnenschirmen nach Scherben graben. In der Ferne ist der neue Flughafen gut zu erkennen. Neben der zweiten Landebahn steigt eine Staubwolke auf. Lastwagen karren Bauschutt weg. Noch ist der Blick hinüber zu den Gipfelheiligtümern der Minoer, zur Wiege und zum Grab des Zeus, nicht von den Radartürmen der Flugsicherung, Beton und Stacheldraht verstellt. Aber wie lange noch?
„Das Denkmal ist von Natur aus Teil des Kulturerbes sowohl Griechenlands als auch der Welt“, sagt Kegkeroglou. Er werde daher nicht davor zurückschrecken, auch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg anzurufen. Es könnte die letzte Chance für den Erhalt der Gesamtanlage sein. „Die Menschen, die hierherkommen, fühlen, dass dieser Ort etwas Besonderes ist. Dass er erhalten werden muss“, sagt Kontopodi. Nun müssten nur noch die Politiker kommen, die über seine Zukunft entscheiden. „Bisher waren nur wenige hier.“
Anreise Verschiedene Airlines fliegen ab den meisten deutschen Flughäfen nach Heraklion. Zur Erkundung verschiedener entlegenerer minoischer Ausgrabungsstätten empfiehlt sich ein Leihwagen.
Unterkunft Das Village Heights liegt zwischen Olivenhainen auf einem Hügel mit Weitsicht über die Nordküste bei Hersonissos. Von hier aus erreicht man im Umkreis einer halben Stunde Papoura sowie mehrere minoische Ausgrabungsstätten, Kulthöhlen und Gipfelheiligtümer. www.villageheights.gr
Vom Designhotel Phāea Cretan Malia ist es nicht weit zum Palast von Malia – wie Knossos ebenfalls UNESCO-Welterbe, aber weit weniger besucht. Das Hotel legt Wert auf lokale Küche und zieht vor allem Familien an. Mehr unter phaeacretanmalia.com.
Weitere Informationen unter discovergreece.com
