
In der Pharmaindustrie könnte eine Megafusion anstehen. Der Aktienkurs des britischen Arzneimittelherstellers Astra-Zeneca ist am Montag um mehr als sechs Prozent gefallen, nachdem Gespräche mit dem US-Wettbewerber Bristol Myers Squibb (BMS) über einen möglichen Zusammenschluss der beiden Unternehmen bekannt geworden waren. Analysten und Investoren reagierten mit Skepsis. Astra-Zenecas Börsenwert sank zeitweise um mehr als 13 Milliarden Pfund (15 Milliarden Euro). Die Aktie von BMS hingegen gewann vorbörslich um rund fünf Prozent.
Sollte es zu dem Zusammenschluss kommen, wäre es einer der größten in der Pharmabranche seit Jahrzehnten. Der kombinierte Börsenwert läge bei annähernd 400 Milliarden Dollar, umgerechnet etwa 350 Milliarden Euro. Damit käme das fusionierte Unternehmen unter die Top drei der global größten Pharmakonzerne, hinter Eli Lilly und Johnson & Johnson.
Das britische Unternehmen ist dabei deutlich größer und besitzt eine etwa doppelt so hohe Bewertung wie der US-Konkurrent. Als erstes Medium hatte die „Financial Times“ am Sonntagabend über die Gespräche zwischen den beiden Unternehmen berichtet. Astra-Zeneca wollte dies nicht kommentieren. Aus Unternehmenskreisen hieß es jedoch, dass es sehr vorläufige Überlegungen über ein Zusammengehen der beiden forschungsstarken Arzneimittelhersteller gegeben habe. Es wäre ein bemerkenswerter Sinneswandel, denn Astra-Zenecas Vorstandschef Pascal Soriot hatte noch vor Kurzem Überlegungen für Großübernahmen öffentlich eine Absage erteilt.
Investoren reagierten skeptisch
Analysten und Investoren reagierten erstaunt und skeptisch auf die Nachrichten über angebliche Fusionsgespräche. „Eine Fusion mit Bristol ist weder strategisch noch finanziell sinnvoll“, sagte Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, das ein Aktionär von Astra-Zeneca ist. „Viele Megafusionen der Vergangenheit haben Wert vernichtet, und es gibt keinen offensichtlichen Grund für Astra, dies zu tun“, fügte Manns hinzu. Auch andere Analysten bezweifelten, ob ein Zusammenschluss aus Sicht der Briten strategisch Sinn ergebe. Michael Leuchten von der US-Investmentbank Jefferies kommentierte den Bericht über die Fusionsgespräche, er sei „etwas perplex“. Astra-Zeneca habe angesichts seines starken Wachstums und Innovationsprofils eine Fusion nicht nötig.
Andere Analysten wiesen auf hohe regulatorische und kartellrechtliche Hürden hin. Besonders in der Onkologie, der Behandlung von Krebserkrankungen, gibt es große Überschneidungen im Portfolio der beiden Konzerne. Dieses Gebiet steuerte zuletzt rund 44 Prozent zu Astra-Zenecas Umsatz bei, Biopharmaka und Herz-Kreislauf-Medikamente machten gut 21 Prozent aus. Die Pipeline neuer Medikamente ist stark gefüllt, fast zwei Dutzend befinden sich in weit fortgeschrittenen klinischen Tests.
Es wäre denkbar, dass die Kartellbehörden ihre Zustimmung an den Verkauf größerer Geschäftsteile knüpfen. Die amerikanischen Kartellbehörden verfolgen zwar grundsätzlich unter dem Präsidenten Donald Trump einen eher fusionsfreundlichen Kurs. Andererseits könnten sie der Übernahme eines der größten heimischen Pharmakonzerne durch einen ausländischen Wettbewerber kritisch gegenüberstehen.
Konzern könnte Expansion in USA noch beschleunigen
Astra-Zeneca ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Vorstandschef Soriot gab als Ziel aus, den Umsatz bis 2030 auf 80 Milliarden Dollar zu steigern. Als er dies 2023 ankündigte, lag der Umsatz erst bei 45 Milliarden Dollar, im vergangenen Jahr erreichte er annähernd 60 Milliarden Dollar. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Einnahmen währungsbereinigt um sechs Prozent. Soriot betonte, für das Erreichen des 80-Milliarden-Ziels seien keine Übernahmen nötig. Er hat Investitionen in den USA, aber auch in China in zweistelliger Milliardenhöhe angekündigt.
Durch einen Zusammenschluss mit Bristol Myers Squibb könnte der Konzern aus Cambridge die Expansion in den USA noch beschleunigen. Dort beschäftigt Astra-Zeneca schon jetzt gut ein Fünftel seiner fast 100.000 Mitarbeiter. Doch vor einer Fusion müsste erst die US-Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde FTC zustimmen. Die Federal Trade Commission könnte als kartellrechtliche Bedingung den Verkauf von größeren Geschäftsteilen vorschreiben.
BMS hat in der jüngeren Vergangenheit selbst einige größere Übernahmen hinter sich gebracht. 2019 kaufte der Konzern für 74 Milliarden Dollar den Wettbewerber Celgene, das war eine der teuersten Akquisitionen aller Zeiten in der Branche. Vor zwei Jahren zahlte BMS 14 Milliarden Dollar für Karuna. Die Übernahmen halfen den Amerikanern, ihr Portfolio an Medikamenten auszubauen.
In der vergangenen Woche hat BMS bessere Quartalsergebnisse als erwartet vorgelegt und seine Umsatzprognose für das laufende Jahr nach oben korrigiert. Gerade einige der jüngeren Medikamente des Unternehmens haben ein deutliches Umsatzwachstum eingebracht. Das half, wegfallende Umsätze des Krebsmittels Revlimid auszugleichen, das sich mittlerweile der Konkurrenz billiger Nachahmermedikamente gegenübersieht. In den kommenden Jahren droht BMS auch das Auslaufen des Patentschutzes für den Blutverdünner Eliquis und das Krebsmittel Opdivo. Diese beiden Präparate stehen derzeit für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs von BMS um mehr als 20 Prozent gestiegen. Die Aktie kostet allerdings immer noch etwas weniger als vor fünf Jahren. Der Kurs von Astra-Zeneca legte in diesem Zeitraum dagegen um rund 50 Prozent zu.
