Wenn Kateřina Tučková Leser ihres Romans „Gerta. Das deutsche Mädchen“ durch ein Viertel von Brünn führt, das unmittelbar ans Zentrum grenzt, zeigt sie eine Synagoge, mehrere ehemalige Fabriken, ein zugehöriges Kraftwerk und die Häuser, die von den Industriellen für ihre Angestellten errichtet wurden. Als Tučková als Studentin in dieses Viertel zog, stieß sie auf Spuren der ehemaligen Bewohner, etwa verblasste deutsche Aufschriften, von denen einige noch heute zu sehen sind. Über die Deutschen, die vor 1945 ungefähr ein Drittel der Stadtbevölkerung ausmachten, wurde nicht viel gesprochen, auch nicht über ihre gewaltsame Vertreibung nach dem Krieg. Diejenigen, die bleiben durften, hatten Grauenhaftes erlebt und schwiegen darüber, auch über ihre Zugehörigkeit zur deutschen Kultur.
Tučková gelang es, Zeitzeuginnen zu finden und zum Sprechen zu bringen. Aus ihren Berichten schuf sie den Roman „Gerta“, der 2009 erschien. Er erzählt von einer jungen Brünnerin, deren Vater Deutscher ist, die Mutter Tschechin. Sie wächst zweisprachig in diesem Viertel um die heutige Bratislavská-Straße auf, zwischen den Kulturen, während ihr Vater ein Anhänger der deutschen Nationalsozialisten ist. Als klar wird, dass der Krieg verloren ist, Gertas Bruder als in Russland verschollen gemeldet wird und zudem Gertas Mutter stirbt, ertränkt der Vater seinen Kummer in Alkohol und vergewaltigt seine Tochter, die dadurch schwanger wird.
Anfeindungen gegen die Autorin
Auch sie wird mit den übrigen Brünner Deutschen auf einen langen Marsch zur österreichischen Grenze geschickt, den viele nicht überleben – wer entkräftet am Wegrand zusammenbricht, wird erschossen, Krankheiten grassieren, Frauen werden unterwegs vergewaltigt. Gerta wird mit anderen zusammen auf einem südmährischen Hof als Arbeitssklavin gehalten, bevor es ihrem früheren Liebsten, dem Tschechen Karel, der mittlerweile bei den Kommunisten Karriere gemacht hat, gelingt, sie nach Brünn zurückzuholen. Dort zieht sie ihre Tochter auf, die peinlich darauf achtet, ihren deutschen familiären Hintergrund zu verschleiern.
Tučkovás glänzend geschriebener Roman, der 2018 auch auf Deutsch erschien, verkaufte sich enorm und machte seine Autorin schlagartig bekannt. Er führte letztlich dazu, dass sich 2015 der Brünner Bürgermeister bei den Vertriebenen entschuldigte, und als in diesem Frühjahr zum ersten Mal der Sudetendeutsche Tag auf tschechischem Boden stattfand, fiel die Wahl auf Brünn. Umgekehrt wurde Tučková für ihr Buch auch massiv angefeindet, und rechtsnationale tschechische Politiker machten Stimmung gegen die deutsche Veranstaltung in der mährischen Metropole. Diese wurde allerdings nur möglich, weil sich auch die sudetendeutsche Seite in den letzten Jahren unübersehbar bewegt hat: Anstelle stereotyp die Rückgabe verlorenen Eigentums zu fordern, sind die in den Verbänden organisierten Nachkommen der Vertriebenen überwiegend daran interessiert, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Nun wird auf Arte ein Film gezeigt, der von Tučkovás Roman „inspiriert“ worden ist, wie es im Abspann heißt: „Gerta und die Welt am Abgrund“. Er erzählt im Wesentlichen die Geschichte der Protagonistin des Buchs, setzt aber von Anfang an einen eigenen Akzent, indem er die alt gewordene Gerta zeigt, wie sie die „Samtene Revolution“ von 1989 erlebt, einen Herzinfarkt erleidet und vom Krankenbett aus immer wieder in ihre Vergangeheit gleitet. Ihre Tochter Barbora ist inzwischen selbst erwachsen und Mutter einer Tochter geworden, die wiederum besser mit ihrer Großmutter Gerta auskommt als Barbora. Die Enkelin ist es auch, die später Gerta wiederum nach ihrer so lange verschwiegenen Geschichte fragt.
Was wir davon sehen, ist in sorgfältig komponierten Bildern eingefangen: die NS-Zeit in Brünn mit allen Insignien, später der Bombenkrieg, der die Straßenzüge in Gertas Umgebung verheert, die gediegen ausgestattete Wohnung mit dem Flügel, an dem Gerta sitzt und mit Karel vierhändig Wagner spielt, und das dann in jeder Hinsicht zerstörte Heim: Der Aufwand, der hier von den Ausstattern des Films betrieben wurde, teilt sich mit.
Allerdings liegt in dieser Zeit auch der Schwerpunkt der Erzählung, sodass die im Buch so wichtige Zeit, die auf Gertas Rückkehr nach Brünn folgt, im Film etwas unterbelichtet ist. Dabei stellen sich hier die Weichen, was für eine Art von Erinnerung als zulässig betrachtet wird und was nicht. Im Roman werden anhand von Gertas Freundinnen unterschiedliche Weisen durcherzählt, sich der Vergangenheit zu stellen – hier kommt das nur am Rande vor. Dafür wird das Drama zwischen Gerta und Barbora hier in jeder Hinsicht grell ausgeleuchtet, die Vergewaltigung durch den Vater inklusive, und Barboras Insistieren auf Gertas Ablehnung ihrer Tochter, das womöglich zeigen soll, dass alles private Leiden in der großen Politik wurzelt, lenkt eben davon ab.
Was für ein Film hätte das werden können, wenn er sich mehr Zeit genommen hätte als die zweimal 90 Minuten, die er nun einnimmt! Wenn er sich den vielen Nebenfiguren des Romans gewidmet hätte, wenn er den „Säuberungen“ in den Fünfzigerjahren mehr Aufmerksamkeit gezollt hätte und Karels tragischem Schicksal, wenn er zudem der Rezeption der Vertreibungsgeschichte in den Neunzigerjahren, angefangen mit Václav Havels großartiger Rede zum Thema, mehr Beachtung geschenkt hätte! So bleibt es bei einer immerhin schön eingefangenen Radiodiskussion, bei der ein Experte das Leid der Deutschen herunterspielen, der andere es würdigen will, während Gerta eine Rückfrage stellt, die lange nachhallt: Wie viele Tote braucht es denn, damit die Historiker den Begriff „Massengrab“ auf ihre Ruhestätte anwenden? Wie viele müssen leiden, damit dieses Leid gewürdigt wird?
Dass jedenfalls ein solches Buch breit rezipiert und ein solcher Film möglich wird, zeigt, wie viel sich im Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen getan hat. Und das ist, bei allen gegenwärtigen nationalistischen Verwerfungen überall auf der Welt, ein Hoffnungsschimmer.
„Gerta und die Welt am Abgrund“ läuft vom 2. Oktober an in der Arte-Mediathek.
