In Thailand stehen Menschen Schlange, um von Mathias Wigge ein Autogramm zu bekommen. In seiner Heimat Lippstadt kann er ganz in Ruhe einkaufen gehen, und niemand erkennt ihn. „Warum auch?“, fragt der Fünfundvierzigjährige. Wigge ist kein Popstar, kein Fernsehgesicht. Berühmt ist er nur in einer unscheinbaren Welt: in der internationalen Brettspielszene.
Der Autor des Zoobauspiels „Arche Nova“ gehört in dieser Welt zu den bekanntesten Namen. Also bei all jenen, die Expertenspiele mit umfassenden und komplexen Regeln spielen. „Selbst innerhalb der Brettspielszene ist das eine spezielle Nische“, sagt Wigge.
Klein ist diese Nische allerdings nur auf den ersten Blick. Denn wer in ihr erfolgreich ist, kann ein weltweites Publikum erreichen. Wigge ist das mit seinem Erstlingswerk gelungen. „Arche Nova“, 2021 erschienen, ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden und wird auf digitalen Plattformen rund um den Globus gespielt. Wenn er auf Spielemessen in Amerika oder in Südostasien unterwegs ist, wissen die Leute genau, wer vor ihnen steht.
Spieler haben 2025 online 403 Jahre mit „Arche Nova“ verbracht
„Arche Nova“ ist auf der Website Board-Game-Geek das am zweitbesten bewertete Spiel der Top 100 hinter „Brass Birmingham“. Schon bald könnte es den Spitzenplatz auf der größten Onlineplattform der Hobbybrettspieler erobern. Auf der Plattform Board Game Arena mit rund zehn Millionen Mitgliedern ist es schon das meistgespielte Spiel. Im vergangenen Jahr haben die Spieler insgesamt 403 Jahre damit verbracht, ihren eigenen Zoo zu bauen. Zum Vergleich: „Terraforming Mars“ liegt mit einer Spielzeit von 236 Jahren mit weitem Abstand auf Platz zwei. Der Erfolg hat Wigge beflügelt: Zum 1. Januar 2023 hat er sich selbständig gemacht.

Pro gespielter Onlinepartie bekommt Wigge wie bei einem Streamingdienst als Autor einen Betrag überwiesen. Das Spiel ist schon in 20 Sprachen übersetzt und weltweit 350.000 Mal verkauft worden. Das ist für ein Expertenspiel enorm. „Wir haben in dem Zusammenhang erstmals mit einem finnischen, serbischen und türkischen Partner zusammengearbeitet“, sagt Stefan Rink, Geschäftsführer des Verlags Feuerland Spiele, in dem „Arche Nova“ erschienen ist. Zwar ist „Flügelschlag“ das meistverkaufte Spiel im Verlag, aber in der Community werde man verstärkt auf „Arche Nova“ angesprochen.
In seiner Jugend spielte er „Warhammer“ und „Magic“
Dabei war die Erfindung von „Arche Nova“ weder als Karrierestart gedacht, noch war das Spiel als globales Erfolgsprodukt geplant. Wigge sagt, er habe einfach nur ein Spiel machen wollen, das ihm persönlich gefällt. „Es ist nicht die Norm, wie das gelaufen ist.“ Er hat Wirtschaftsinformatik studiert, ist 2008 in einem großen Versicherungskonzern gelandet und hat später zehn Jahre lang in der Kreditversicherungsabteilung gearbeitet. „Bis ‚Arche Nova‘ kam.“
Das Spielen hat ihn seit seiner Kindheit beschäftigt. Mit seiner Mutter spielte er immer das neue „Spiel des Jahres“. Mit seinen Großeltern Kartenspiele wie Mau-Mau und Rommé. Als Jugendlicher begann er, „Warhammer“ zu spielen, ein Tabletop-Spiel, bei dem mit Miniaturen ohne festes Spielbrett strategische Schlachten geschlagen werden. Während des Studiums folgten einige Jahre kompetitiven Spielens im Sammelkartenspiel „Magic – The Gathering“: „Da habe ich einige Pro-Touren gespielt und bin einmal in Dortmund beim Grand Prix Dritter geworden.“
Mit dem Eintritt ins Berufsleben hatte Wigge jedoch kaum noch Zeit dafür. Das Spiel „Agricola“ von Uwe Rosenberg habe ihn dann wieder zurück zu seinem alten Hobby gebracht. Ein Spiel, in dem man seine eigene Farm aufbaut und kompetitiv um Siegpunkte streitet. „Das war der Moment, wo ich gesehen habe: Oh, auf diesem Level sind Brettspiele schon!“ Mit einer Runde, die sich jeden Donnerstag trifft, habe er dann sehr viel gespielt.
„In einer perfekten Welt gibt es keine Zoos“
Dabei kam er immer häufiger an den Punkt, an dem er unzufrieden mit Mechaniken wurde und konkrete Verbesserungsideen hatte. Irgendwann im Jahr 2017 reifte dann der Gedanke, es selbst zu probieren, statt nur über Spiele zu meckern. Wigge nahm sich ein Notizbuch und legte los. Er wollte, dass man sieht, wie sich am Tisch etwas aufbaut.

Das Zoothema war schnell gefunden. „In einer perfekten Welt gibt es keine Zoos“, sagt Wigge, der eine Jahreskarte für den Zoo in Münster hat und mit seiner Frau und den beiden Töchtern dort gern Zeit verbringt. Aber Zoos können auch einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten. In seinem Spiel sollte es daher nicht nur darum gehen, den größten oder profitabelsten Zoo zu bauen. Der Artenschutz sollte relevant sein: „Ohne Artenschutzprojekte kann man das Spiel kaum gewinnen.“
Als Kind lieh er das Spiel „Wild Life“ aus der Bücherei aus. Mit einem Würfel lief man über eine Weltkarte, kaufte Tierkarten und versuchte, ein Quartett zu sammeln und den anderen ihre Quartette möglichst zu vermiesen. „Ein fürchterliches Spielkonzept“, sagt er heute über das 1964 erschienene Spiel. „Die echten Tierfotos auf den Karten fand ich aber immer cool.“
Der große Wiederspielreiz liegt in der Varianz
Die ersten Karten für sein Spiel, das zunächst einfach nur „Zoo“ hieß, entwarf er in Word. Bald stand fest, dass es am Ende mehr als 200 Karten sein würden. „Das wollte ich auch, weil Karten geil sind“, sagt er und lacht. „Und durch die Varianz der Karten ergibt sich der Wiederspielreiz.“ Nach sehr vielen Nachtschichten an einer Excel-Tabelle, um die Karteneffekte gleichwertig zu gestalten, testete er irgendwann seinen Prototyp mit der Spielerrunde. „Wir haben es dann irgendwann lieber gespielt als die Neuheiten.“

Da begann er, daran zu glauben, dass es auch veröffentlicht werden könnte. Im Kopf hatte er Feuerland Spiele, der Verlag hat vor allem bei komplexeren Kennerspielen und Expertenspielen einen guten Ruf. Er griff zum Telefon und rief dort an. Die Antwort: Er solle erst einmal die Anleitung schicken. „Das fand ich nicht so richtig zielführend.“
„Du kannst dich schon auf die Preissaison freuen“
Der entscheidende Schritt kam ein paar Monate später. Im Gütersloher Spieleladen „Wolpertinger“ fand ein Prototypennachmittag statt. So kam er wieder in Kontakt mit Feuerland. Und nachdem er diesmal wirklich die Anleitung dorthin geschickt hatte, kam nach einigen Wochen der Anruf aus dem Verlag: Man wolle „Arche Nova“ machen. Wigge traf sich mit den Feuerland-Machern in Gütersloh, im Büro von Uwe Rosenberg, jenem Autor, dessen „Agricola“ ihn Jahre zuvor selbst wieder tiefer in das Hobby hineingezogen hatte. Dann begannen die Arbeiten an dem Spiel. Feuerland wollte den Entwurf noch zugänglicher machen: Die Komplexität wurde reduziert, einzelne Mechaniken wurden verändert, Abläufe verschlankt.
„Das hat menschlich einfach gepasst“, sagt Wigge. Eigentlich hätte „Arche Nova“ schon auf der Messe Spiel in Essen 2020 erscheinen sollen. Wegen der Corona-Pandemie wurde es aber auf 2021 verschoben. Das Spiel kam hervorragend an. Bei der Präsentation sei ihm gesagt worden: „Du kannst dich schon auf die Preissaison freuen.“
Vier Millionen Euro für 3D-Edition im Crowdfunding gesammelt
„Arche Nova“ gewann 2022 den Deutschen Spiele Preis, viele internationale Auszeichnungen und schaffte es auf die Empfehlungsliste zum „Kennerspiel des Jahres“. Die starken Bewertungen auf Board-Game-Geek und die Onlineadaption auf Board Game Arena machten das Spiel noch populärer.

Aus dem Erfolg ist sogar ein eigenes Geschäftsmodell entstanden. 2023 kam die Erweiterung „Wasserwelten“ auf den Markt. Zusätzlich gibt es „Arche Nova“ als App und auf der Gamingplattform Steam zu kaufen. Vor einem Jahr hat Wigge die Firma Kekpop-Spiele gegründet, um eine 3D-Edition mit Zubehör von „Arche Nova“ auf den Markt zu bringen. Auf der Crowdfunding-Plattform Gamefound sammelte das Projekt mehr als vier Millionen Euro ein. Noch in diesem Jahr soll alles fertig gedruckt und verschickt werden. Bei der Messe Spiel in Essen im Oktober wird er einen eigenen Stand haben, um die Modelle zu präsentieren. „Das war auch schon immer ein kleiner Traum“, sagt Wigge.
Der Erfolg des Spiels hat ihm die finanzielle Freiheit gebracht, sich ganz dem kreativen Schaffen widmen zu können. Seit diesem Jahr nimmt ihm ein Assistent vieles ab. Wer mit einem Erstling einen solchen Treffer landet, muss sich daran messen lassen. „Sich unter Druck zu setzen, bringt aber nichts“, sagt Wigge. Ein Baustein des Erfolgs sei, dass „Arche Nova“ ohne Druck und mit viel Leidenschaft entstanden sei.
Dem Erfolg des Erstlings will er nicht hinterherlaufen
Vor einem Jahr hat er „Artengarten“ veröffentlicht. Er wollte ausprobieren, ob sich „Arche Nova“ auch kleiner, zugänglicher und mit weniger Komplexität denken lässt. Das Spiel hat es ebenfalls auf die erweiterte Liste des „Kennerspiels des Jahres“ 2025 geschafft. „Es ist wieder der komplexeste Titel auf der Liste. Dabei war ursprünglich die Idee, es als Familienspiel zu machen“, sagt Wigge.
Derzeit arbeitet er an einer zweiten „Arche Nova“-Erweiterung. Über den Inhalt verrät er nichts. Parallel tüftelt er an weiteren Expertenspielen. Aber dem Erfolg seines Erstlings will er nicht hinterherlaufen. Er müsse mit einem Spiel selbst zufrieden sein, sagt Wigge. Vielleicht wird irgendwann auch noch das Familienspiel kommen. „Das steht noch auf meiner Bucketlist.“
