Ob Paula heute die Apotheke bewacht, fragt ein Rentner gut gelaunt Inhaber Dennis Nigge, nachdem er einen großen Schritt über die Hündin gemacht hat. Die schneeweiße Golden-Retriever-Hündin liegt entspannt, den Kopf zwischen die Vorderpfoten gesteckt, auf der Fußmatte hinter der Eingangstür. Wie ein Wachhund verhält sie sich allerdings nicht, eher ist sie an den Streicheleinheiten der eintretenden Kunden interessiert. Nigge, der die Barbara Apotheke im Ortsteil Heeren der westfälischen Stadt Kamen seit gut sechs Jahren führt, kennt solche Kommentare. Nur Medikamente holen möchten hier die wenigsten Kunden. „Manche kommen nur wegen Paula“, sagt der Pharmazeut.
Er hat sie vor rund anderthalb Jahren mit seinem Kumpel, dem Videografen Max Kümper, zu einem kleinen Instagram-Star gemacht. Rund 44.000 Menschen folgen dem Account der Barbara Apotheke auf der Plattform. Viele von ihnen schicken haufenweise Fanpost und Leckerlis.
Mittwochs, wenn die Apotheke früher schließt, wird gedreht. In den kurzen Videos erscheint Paula stets in einen weißen Kittel gekleidet und zeigt den Alltag in der Apotheke – mal hinter dem Tresen im „Kundengespräch“, mal wie sie im Auto Medikamente ausliefert oder am Computer Bestellungen aufgibt. Gesprochen wird die Hündin von Kümper, der dafür „ganz viel“ Helium einatmet. Nigges Rolle ist, Paula bei medizinischen Themen aufzuklären: Was gelber Schleim bedeutet und wie man richtig Fieber misst zum Beispiel. Dabei sei es wichtig, nicht gegen das Heilmittelwerbegesetz zu verstoßen. „Wir wollen die Apotheke zeigen, wie sie wirklich ist“, sagt der Zweiundvierzigjährige. „Nicht verstaubt, wie alle meinen.“

In einer Zeit, in der reihenweise Apotheken schließen, trifft der Apotheker aus NRW einen Nerv. Denn die Bedingungen am Markt haben sich mit dem Aufkommen von Onlineanbietern wie Shop Apotheke und Doc Morris, zu denen neuerdings auch Drogeriemarktketten wie dm und Rossmann gehören, grundlegend geändert. Zusätzlich belasten hohe Kosten für Personal, Miete, bürokratische Auflagen und Digitalisierung die Betriebe, während die Honorare jahrelang kaum angestiegen sind.
Seit Jahren kämpfen die Apotheken dafür, dass das Fixum je abgegebener Medikamentenpackung von derzeit 8,35 Euro auf 9,50 Euro erhöht wird. Bisher erfolglos – obwohl es der schwarz-rote Koalitionsvertrag vorsieht. In der kürzlich vom Bundestag beschlossenen Apothekenreform heißt es, dass das Gesundheitsministerium sich dazu mit dem Wirtschaftsministerium abstimmt. Letzteres müsste eine Rechtsverordnung erlassen. Diese soll auch regeln, dass das Honorar künftig zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem Deutschen Apothekerverband direkt ausgehandelt wird.

Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) ist die Zahl der Apotheken zwischen den Jahren 2022 und 2025 deutschlandweit um zwölf Prozent oder 2310 Betriebe gesunken. Ende März 2026 gab es noch 16.541 Apotheken. Auch ihre Erlöse schrumpfen. So erwirtschaftete eine durchschnittliche Apotheke im vergangenen Jahr einen Nettoumsatz von rund vier Millionen Euro. Währenddessen geht das Geschäft der Versandapotheken durch die Decke: Marktführer Redcare Pharmacy, besser bekannt als Shop Apotheke, hat nach Daten der Beratungsgesellschaft Sempora Consulting im Jahr 2025 allein in Deutschland rund 1,6 Milliarden Euro umgesetzt – etwa doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Die Erlöse des Schweizer Anbieters Doc Morris wuchsen hierzulande ebenfalls auf mehr als eine Milliarde Euro.
Onlineapotheken geben Rabatte, obwohl es verboten ist
Dabei wächst jüngst der Anteil, den Onlineapotheken mit verschreibungspflichtigen Medikamenten erwirtschaften, seit in Deutschland das E-Rezept eingeführt wurde. Bislang nutzten Kunden vor allem die online gebotenen Rabatte auf frei verkäufliche Mittel wie Schmerz- und Magentabletten oder Erkältungsmittel wie Nasenspray, sogenannte „Over the Counter“-Arzneimittel. Für stationäre Apotheken, die rund 85 Prozent ihres Umsatzes mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln machen, wird das zum Problem. Zumal Versandapotheken darauf auch oft sogenannte Boni geben.
In Deutschland sind solche Preisnachlässe eigentlich verboten. Zuletzt hielt der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“ 2020 fest, dass für gesetzlich Versicherte der gleiche Preis für verschreibungspflichtige Arzneimittel gelten soll – unabhängig davon, ob sie diese in der Filialapotheke oder über eine EU-Versandapotheke beziehen. Allerdings unterliegen Onlineapotheken nach EU-Recht dem Land, in dem sie sitzen. In den Niederlanden, wo die Anbieter überwiegend ihre Zentralen haben, sind Rabatte generell erlaubt. Überhaupt profitieren Redcare Pharmacy und Co. dort von lascheren Vorschriften. Zum Beispiel beträgt auch die Mehrwertsteuer auf frei verkäufliche Arznei in den Niederlanden nur neun Prozent, während in Deutschland volle 19 Prozent erhoben werden. An der für die Filialapotheken schwierigen Wettbewerbslage hat sich somit nicht viel geändert.
Sanitätshaus ist wichtige Einnahmequelle
Nojan Nejatian gibt sich damit nicht zufrieden. Der Apotheker, der in der südhessischen Gemeinde Erzhausen zusammen mit seiner Frau Saba Maleki-Nejatian die Heegbach Apotheke führt, überrascht sein Team regelmäßig mit neuen Ideen. Vor fünf Jahren entschied er, nebenan ein Sanitätshaus zu eröffnen. Für den gebürtigen Iraner ein logischer und zugleich lukrativer Schritt: „In Iran ist es normal, dass Rollstühle in der Apotheke abgegeben werden.“ Heute trägt das Sanitätshaus rund 20 Prozent zum Rohgewinn bei. Darüber hinaus gründete der Achtunddreißigjährige einen Großhandel, um schon beim Einkauf von Medikamenten „die Zitrone zu quetschen“, wie der Apotheker sagt. Ihre Einkaufskosten hätten sie seitdem um fünf Prozent reduzieren können. Auch hat Nejatian erst vor wenigen Monaten seine Marke Vitanord gelauncht, ein Nahrungsergänzungsmittel für die Augen. „Du kannst nicht überleben, wenn du heute nur Apotheker bist“, sagt der Unternehmer.
Sein bisher wichtigstes Projekt ist das Erzhäuser Pflegenetzwerk, das Nejatian im Jahr 2022 initiierte und für das er im vergangenen Jahr mit einem Apothekenpreis ausgezeichnet wurde. Die Idee dahinter: Ärzte, Therapeuten, Pflegedienste und -einrichtungen sowie Ehrenamtliche lokal miteinander zu vernetzen und enger zusammenzuarbeiten, um Patienten und Angehörigen besser zu helfen. Die Heegbach Apotheke fungiert dabei als Anlaufstelle und vermittelt Kontakte. Einmal im Jahr findet ein Aktionstag statt, bei dem Fachvorträge gehalten werden, Betroffene über ihre Krankheit aufklären und sich junge Leute zudem über Pflege- und Apothekenberufe informieren können. In diesem Jahr war das Event dem Thema Schmerz gewidmet und zog rund 200 Teilnehmer an. Nejatian verschafft das Projekt viel Aufmerksamkeit – auch über Erzhausen hinaus.

In die Apotheke kommen trotzdem vor allem seine Stammkunden. So auch an einem Mittwoch im April, als sich schon am Vormittag reihenweise meist Ältere hinter dem Verkaufstresen anstellen. Die Klingel, die im Backoffice ertönt, deutet an, dass Hilfe benötigt wird. Nejatians Zeichen. Vorne begrüßt er vertraut eine ältere Dame, die über Schmerzen in der Hüfte klagt. „Und der Orthopäde hat keine Zeit?“, fragt der Apotheker, während er einen Blick in den Computer wirft. Die Kundin hat ein Rezept für Augentropfen dabei, neben der Hüfte plagt sie auch ein Gerstenkorn. „Immerhin das kriegen wir schnell in den Griff“, besänftigt Nejatian und erklärt, wie die Kundin die Tropfen einnehmen muss. Einen Raum weiter zieht er dann eine der meterlangen Holzschubladen auf, um das richtige Medikament zu holen.
„Die meisten Kunden kenne ich persönlich“, sagt der Achtunddreißigjährige. Nicht alle Begegnungen sind nett und harmlos. Der Apotheker stellt eine Tasche auf den Tisch. Darin: Packungen mit hoch dosiertem Schlafmittel, Antidepressiva und Mittel gegen den Kaltentzug von Drogen. Vor Kurzem hat ein Vater sie vorbeigebracht. „Sein Sohn hat die Medikamente im Internet bestellt und Suizid begangen“, erzählt Nejatian mit ernster Miene. Er kennt die Familie des Jungen seit etlichen Jahren. Nun kümmert er sich darum, die Mittel zu entsorgen. „Welche Onlineapotheke würde das tun?“ Eine Frage, die Nejatian noch häufiger stellt. Auch im Labor. Dort fertigt die pharmazeutisch-technische Assistentin Amirshahi Parvaneh am Nachmittag eine Salbe an, die ein Hautarzt verordnet hat. Sie mischt das vorher abgewogene Antibiotikum Metronidazol mit einer Basiscreme, anschließend rührt eine Maschine drei Minuten lang beides zusammen. Vor dem Abfüllen und Etikettieren überprüft ein Gerät die Substanz.

Heute geht es schnell – was gut ist, denn längere Laborzeit wird nicht besser vergütet. Der Verdienst richtet sich nach den Materialkosten sowie der Art und Menge der Zubereitung. Generell erhalten Apotheken je Rezeptur einen festen Zuschlag von 90 Prozent der Kosten für Wirkstoffe und Verpackung. Für die Herstellung bekommen sie zusätzlich zwischen 3,50 und acht Euro. Salben bis 200 Gramm bringen zum Beispiel sechs Euro, Kapseln acht. Obendrauf kommt noch das Fixentgelt in Höhe von 8,35 Euro. Am Ende wird der Apothekenabschlag von 1,77 Euro, den Gesundheitsministerin Nina Warken demnächst auf über zwei Euro anheben will, wieder abgezogen.
Die Krankenkasse wird die verschreibungspflichtige Salbe später rund 30 bis 35 Euro kosten – gesetzlich versicherte Patienten zahlen noch mindestens fünf Euro zu. Für Apotheken beginnt damit ein bürokratischer Kampf; sie müssen in Vorleistung gehen. Laut Nejatian erhielten sie oft erst anderthalb Monate später eine Rückzahlung der Kasse. „Wir laufen Forderungen ständig hinterher“, sagt Nejatian und witzelt: „Wir sind sozusagen das Inkassounternehmen der Krankenkassen.“ Onlineapotheken haben damit weniger Sorgen. Rezepturen fertigen sie nicht. „Die sind nur auf das schnelle Geschäft aus“, meint der Pharmazeut.
Fehlerhafte Rezepte: Krankenkassen weigern sich zu zahlen
Ähnlich sieht das auch Dennis Nigge aus Kamen. Für ein herzkrankes Kind fertigt seine Mitarbeiterin spezielle Kapseln an, einen Blutverdünner. Die Aufgabe erfordert viel Konzentration, sagt er. „Leider sind viele Rezepturen für uns ein defizitäres Geschäft.“ Sie täten es trotzdem. Auch während der Pandemie, als Desinfektionsmittel und Fiebersäfte für Kinder knapp waren, sprang die Barbara Apotheke ein. Gleiches tat die Heegbach Apotheke aus Erzhausen.
Nigge ärgert derweil noch etwas anderes: Retaxationen. Das sind Strafzahlungen, die Apotheken an Krankenkassen leisten müssen, wenn Medikamente fehlerhaft abgegeben wurden. Im schlimmsten Fall bleiben Apotheker auf den kompletten Kosten sitzen. Eine häufige Ursache sind etwa falsch ausgestellte Rezepte, eine fehlende Arztunterschrift oder unvollständige Angaben zum Medikament.

Ärger hat die Barbara Apotheke derzeit vor allem mit Retaxationen bei Rezepturen. So gebe es bei der Abrechnung von Fertigarzneimitteln, die für die Herstellung einer Rezeptur gebraucht werden, unterschiedliche Auffassungen. Krankenkassen wollen nur die Menge bezahlen, die tatsächlich genutzt wurde. Apotheken müssen die Reste des angebrochenen Mittels jedoch meist entsorgen, weil sie ablaufen. Sie möchten daher, dass die komplette Packung erstattet wird. Nigge beschreibt das als „Hickhack.“ Zwar könne er Widerspruch einlegen, oft werde der Antrag aber abgelehnt. Dann bleibt nur noch ein gerichtlicher Prozess – ein großer Aufwand für den Apotheker. „Es gibt eine Machtasymmetrie im Gesundheitswesen“, sagt der Westfale. Er wirft den Kassen unkollegiales Verhalten vor.
Vier Prozent gegen 1,7 Prozent Kosten
Schaut man auf die Zahlen, sind Apotheken ein vergleichsweise kleiner Kostenfaktor für die gesetzlichen Krankenkassen. Laut ABDA lagen die verursachten Kosten im Jahr 2025 bei rund sechs Milliarden Euro, was etwa 1,7 Prozent der GKV-Gesamtausgaben entspricht. Am teuersten sind die Krankenhausversorgung (111,4 Milliarden Euro), Ausgaben für Arzneimittel (rund 58 Milliarden Euro) sowie die stationäre Versorgung durch Ärzte (rund 54 Milliarden Euro). Auch die eigene Verwaltung schlägt mit rund vier Prozent der Gesamtausgaben zu Buche. Der GKV-Spitzenverband nennt die gut 13 Milliarden Euro teure Verwaltung einen „relevanten, aber letztlich nur relativ geringen Anteil“.
Nojan Nejatian regt das auf. Ihm fallen mehrere Hebel ein, die die Betriebskosten der Kassen drücken könnten: zum einen ein Werbeverbot. „Kassenleistung ist immer gleich. Trotzdem wird Geld für Werbemaßnahmen ausgegeben, das im Gesundheitswesen fehlt“, so der Apotheker. Zum anderen stört er sich an den hohen Managergehältern. Er findet ungerecht, dass in der kürzlich vom Kabinett beschlossenen GKV-Finanzreform die Krankenkassen ohne Sparanstrengung auskommen. „Jeder muss seinen Beitrag leisten. Das ist richtig. Aber wo ist der Beitrag der Krankenkassen?“, fragt er. Dass die Honorarerhöhung noch immer nicht durch ist und Apotheken stattdessen einen höheren Abschlag schultern sollen, der sie jährlich fünfstellige Summen kosten wird, wertet er als Vertrauensbruch. „Wir haben seit 13 Jahren keine Honorarerhöhung bekommen“, entrüstet sich Nejatian, der ebenfalls im Hessischen Apothekerverband und der Landesapothekerkammer sitzt.

Der GKV-Spitzenverband ist anderer Meinung. Die Vizevorstandsvorsitzende Stefanie Stoff-Ahnis spricht von einer „Mär“, die nicht zutreffe. Bis 2024 sei die jährliche Vergütung an die Apotheken um 26 Prozent gestiegen auf 7,1 Milliarden Euro – Leistungen wie die Herstellung von Salben, Infusionen oder Durchführung von Impfungen nicht eingerechnet. Ihr Argument: Dadurch, dass die Kosten für Medikamente jährlich anziehen würden, hätte auch das Apothekenhonorar entsprechend zugelegt. So verdient eine Apotheke je abgegebener Packung einen Zuschlag in Höhe von drei Prozent des Einkaufspreises. Dazu kommen höhere Zuschläge für Nacht- und Notdienste sowie Pauschalen für Botendienste. Der Deutsche Apothekerverband hält dagegen, dass trotz höherer Medikamentenpreise die Zahl der abgegebenen Packungen zurückgeht.
Nigge wünscht sich besonders für seine 15 Mitarbeiter, dass die Honoraranpassung bald kommt. Bei dem bundesweiten Protesttag im März hat er deshalb mitgemacht und die Barbara Apotheke für einen Tag geschlossen. Ein großer Effekt blieb aus. „Da müssen wir schon zwei Wochen zumachen“, so Nigge. Noch lieber wäre ihm ein jährlicher Inflationsausgleich.
In der Zwischenzeit versucht er mit anderen Mitteln, das fehlende Honorar auszugleichen. Seit gut einem halben Jahr verkauft er in der Barbara Apotheke medizinisches Cannabis. „Das ist eine Einnahmequelle, die ich unternehmerisch nutzen kann“, sagt der Apotheker. Allerdings bedeute das nicht, Cannabisblüten unkontrolliert rauszugeben. Der Zweiundvierzigjährige betont: „Immer mit pharmazeutischem Sachverstand.“ Er berate seine Kunden vor Ort und prüfe, ob die Blüten auch zum Krankheitsbild passen. Gerade Rezepte, die von Telemedizinanbietern kommen, würden genaustens gecheckt.
Die meisten seiner Kunden seien Selbstzahler. Damit trifft Nigge auch weniger, dass nach den Plänen von Gesundheitsministerin Warken künftig nur noch Extrakte von gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, nicht mehr Blüten. Einen Vorteil haben Vor-Ort-Apotheken zudem gegenüber Versendern: Die Bundesregierung hat vor, den Versandhandel mit Medizinalcannabis komplett zu verbieten.
Was Nina Warken mit ihrer Apothekenreform zusätzlich angehen will, sind mehr pharmazeutische Dienstleistungen. Seit Januar 2023 können sich Patienten schon gegen Grippe und das Coronavirus in der Apotheke impfen lassen. Auch Blutdruckmessungen oder die Beratung von Krebspatienten werden mitunter angeboten. In Zukunft sollen nun alle Totimpfstoffe in Apotheken verabreicht werden und Kompetenzen wie Blutabnahmen hinzukommen. Das Ziel: Ärzte entlasten und mehr Patienten ermuntern, sich ohne großen Aufwand präventiv mit ihrer Gesundheit zu beschäftigen.

Zwar finden die beiden Apotheker Nigge und Nejatian grundsätzlich gut, die pharmazeutische Expertise besser zu nutzen und mehr Geld in die Vorsorge zu stecken. Probleme sehen sie allerdings beim hohen Zeit- und Personalaufwand, der oft nicht im Verhältnis zur Bezahlung stehe. Nejatian gibt ein Beispiel: „Für eine Blutdruckmessung bekommen wir rund elf Euro und sind mindestens eine Viertel- bis halbe Stunde beschäftigt. Das rechnet sich nicht.“
„In unserem Beruf geht es nicht immer um Marktlogik“
Ans Aufgeben denken die beiden Pharmazeuten nicht. Nigge, der ursprünglich BWL studiert hatte, entschied sich bewusst nach Jahren, die er für ein Mittelstandsunternehmen in der Industrie tätig war, für ein Pharmaziestudium. Für ihn stand fest, dass er selbständig sein wollte. Gerade promoviert er nebenher an der medizinischen Fakultät der Universität Witten/Herdecke. Sein Thema: eine Fieberstudie bei Kindern. „Ich mache das für mich“, sagt er.
Auch Nejatian, der schon einen Doktortitel hat, brennt für seinen Beruf, mit allem, was dazugehört. „Manchmal denkt man, es gibt nur diesen einen Weg, als Apotheker zu enden“, sagt er. „Ich finde, wir müssen schauen, was wir sonst noch machen können.“ Für ihn waren das ein Sanitätshaus, eine eigene Marke und ein Pflegenetzwerk. Nigge will vor allem aufmerksam machen auf die Apotheke – mit seiner Hündin Paula als Botschafterin. Einen großen wirtschaftlichen Nutzen bringe das Instagram-Geschäft für den Apothekenbetrieb nicht, sagt er, trotz des Zuwachses an Followern. Laufende Werbepartnerschaften, zum Beispiel mit einer Tierversicherung und dem Pflasterhersteller Hansaplast, finanzierten nur die Videodrehs. Doch würden potentielle Mitarbeiter, die dringend gesucht werden, aufmerksam. „In unserem Beruf geht es nicht immer um Marktlogik. Vor allem sind wir Heilberufler, und das sollte man leben.“
