Vor dem Stadion der Bohemians Prag, über dem Eingangstor, empfängt es jeden, der hinein will: das große grüne Känguru. Drinnen, in der Geschäftsstelle des Vereins, stand früher sogar ein echtes, ausgestopftes. Es hieß „Tonda“, so wie man auch Antonín Panenka ruft, den berühmtesten Bohemian. Doch derzeit wird alles ausgeräumt für den Umbau der Spielstätte, und man findet niemanden, der weiß, wo es gelandet ist. Draußen, auf der alten, kleinen Tribüne mit 5000 Plätzen, hat man freien Blick auf viele weitere Bilder des sprunghaften Beuteltiers. Es steht im Wappen des Vereins, seit die Bohemians vor fast 100 Jahren bei der Rückkehr von einer Australien-Tournee als Geschenk für Staatspräsident Tomás Garrigue Masaryk zwei lebende Kängurus im Gepäck hatten.
Im Stadion steht jenes Tor, an dem der berühmteste Elfmeter der Welt erfunden wurde. Diesen Schuss Genialität, der heute nach ihm benannt ist, hat Antonín Panenka dort nach jedem Training mit Torwart Zdenek Hruska geübt. Es war ein Duell, jeweils über fünf Elfmeter.
Mit schlauem Elfmeter Geld sparen
„Wenn ich alle traf, musste er mir nach dem Training das Bier und die Schokolade bezahlen. Schon wenn er nur einen der fünf hielt, musste ich für ihn bezahlen. Und ich habe ständig bezahlt.“ So erzählt er bei einem Gespräch auf der Reservebank vergnügt von der Entstehungsgeschichte des Panenka-Mythos. „Da habe ich überlegt, wie ich mit einem schlauen Elfmeter Geld spare.“ Was ein bisschen an einen anderen Prager Charakterkopf erinnert, den braven Soldaten Schwejk, der sich mit schelmischer List durchs Leben schlägt. Panenka gefällt der Vergleich: „Schwejk? Ja, so bin ich auch ein bisschen. Das ist unsere Natur.“

Und so erfand also Panenka laut Panenka den Panenka. Den man übrigens, logischerweise, weil er ja in der Mitte des Tores landet, auf der mittleren Silbe betont. Sein Erfinder hat die Idee, als sie ihm gekommen war, im Elfmeterduell mit Hruska erst ausprobiert und dann immer wieder überraschend eingestreut zwischen die klassischen Schussvarianten in eine der Torecken. Seine Ausgaben habe das tatsächlich verringert, zugleich aber sein Körpergewicht gesteigert, erzählt er weiter, inzwischen mit immer breiterem Grinsen. „Weil der Torwart mir immer mehr Bier und Schokolade bezahlen musste.“
Bierernst muss man vielleicht nicht alles an dieser Geschichte nehmen. Denn Antonín Panenka ist nicht nur ein sehr guter Geschichtenerzähler, sondern auch ein sehr kluger Kopf. Die Logik hinter seiner Erfindung erklärte er uns schon vor 20 Jahren, bei einem ersten Treffen in Prag. „Kein Torwart bleibt stehen“, sagte er. „Es gab kein Risiko.“ Was Panenka Mitte der Siebzigerjahre erdachte, war die konsequente Auflösung der Elfmetersituation. Der Torhüter denkt, er habe nur eine Chance, wenn er schnell in eine Ecke kommt – der Schütze aber schießt den Ball ganz langsam dorthin, wo der Torhüter garantiert nicht mehr ist.
Ohne Hechtsprung ging es nicht
Heute gibt das Regelwerk dem Torwart mehr Spielraum – nur ein Teil eines Fußes muss noch auf der Torlinie sein, wenn der Schütze den Ball trifft. Damals aber durfte er sich bis dahin keinen Zentimeter vom Fleck bewegen. Weil der Ball, sofern sauber getroffen, für die knapp zwölf Meter vom Elfmeterpunkt bis in eine der Torecken nur etwa eine halbe Sekunde braucht, kein Mensch aber aus dem Stand die gut dreieinhalb Meter von der Tormitte ins Eck in solch kurzer Zeit schafft, war der Keeper gezwungen, sich vorab für eine Ecke zu entscheiden. Und vielleicht ein, zwei Zehntelsekunden, bevor es eigentlich erlaubt war (so genau sah man das damals mangels Überwachungstechnik noch nicht), also knapp vor dem Schuss, schon zum Hechtsprung dorthin anzusetzen. Er musste hoffen, dass es erstens die richtige Ecke war und zweitens der Schütze den Ball nicht perfekt platziert hatte. Ein sozusagen doppelter 50:50-Joker mit dem Resultat, dass Pi mal Daumen auf lange Sicht 75 Prozent der Elfmeter reingehen, 25 Prozent aber nicht.

Die Idee, den Zugzwang des Torwarts so zu nutzen, dass die Chance des Schützen auf fast 100 Prozent steigt, klingt rückblickend wie das Ei des Kolumbus. Jeder hätte darauf kommen können: Einfach in die Mitte schießen! Und Panenka war keineswegs der Erste, der das tat. Johan Neeskens etwa schoss im WM-Finale 1974 den Elfmeter zum 1:0 für die Niederlande scharf in die Mitte des Tores. Wäre Sepp Maier eine Zehntelsekunde später zur Seite gesprungen, der Ball hätte ihn getroffen.
Panenka hatte eine bessere Idee. Dabei bekommt der Torwart mehr Zeit, sich fortzubewegen von dort, wo der Ball hin soll: indem dieser nicht mit einem schnurgeraden harten Spannstoß, sondern mit einem weichen Chip mit sanfter Flugkurve auf den Weg geschickt wird. „Mein Vorteil war: Bis dahin hatte niemand so geschossen. Und niemand außer mir kam auf die Idee, dass das gehen könnte“, sagt er. „Ich wusste, dass es funktioniert. Deshalb war ich kein bisschen nervös.“ Einer aber war es, der Torwart Ivo Viktor, sein Freund und Zimmerkollege bei der Europameisterschaft 1976. Als Einziger im Team wollte er Panenka die Idee ausreden. Doch der hörte weg.
Fast entsteht der Panenka-Elfmeter schon im Halbfinale
Eine EM war damals noch ein Mini-Turnier mit vier Teams und vier Partien. In diesem Quartettspiel war die Tschechoslowakei 1976 „der krasse Außenseiter“, erinnert sich Panenka. Obwohl sie sich in der Qualifikation gegen England durchgesetzt hatten und seit 16 Spielen ungeschlagen waren, „kannte uns keiner, keiner hat uns etwas zugetraut“. Im Halbfinale wirkten die Niederländer, mit Weltstar Johan Cruyff und fast derselben Elf wie im WM-Finale 1974 angetreten, von Beginn an überheblich auf Panenka: „Die dachten, sie schlagen uns mit vier, fünf Toren.“ Aber schon für dieses Spiel hatte er seine bahnbrechende Elfer-Idee fest im Hinterkopf.
Und tatsächlich, nach zwei Toren des slowakischen Kapitäns Anton Ondrus, eines ins gegnerische, eines ins eigene Tor, bewegte sich die ruppige Partie im Regen von Zagreb lange auf ein Elfmeterschießen zu – bis Zdenek Nehoda nach 114 Minuten das 2:1 köpfte und vier Minuten später Frantisek Veselý das 3:1 besorgte. So hatte Panenka seinen Joker weiter in der Hinterhand. „Für mich perfekt“, sagt er. „Dass es das Elfmeterschießen Gott sei Dank erst gegen die Deutschen gab.“
„Tonda, lass das mit deinem Elfer!“
Und das, wie später bekannt wurde, sogar auf deren Wunsch. Erst kurz vor dem Finale hatte der Deutsche Fußball-Bund beantragt, dass es bei Remis kein Wiederholungsspiel, sondern ein Elfmeterschießen geben sollte. Begründung: Die Spieler sollten rechtzeitig ihren geplanten Urlaub antreten können. Die deutschen Spieler erfuhren erst beim Aufwärmen vom möglichen Showdown am Punkt. Keiner von ihnen war darauf vorbereitet. Ein listiger Tscheche umso mehr.
Beinahe hätten die Tschechoslowaken das Elfmeterschießen gar nicht benötigt. Nach 25 Minuten führten sie im EM-Finale 2:0 gegen den Weltmeister. Doch die Deutschen, die das Halbfinale gegen Jugoslawien nach frühem 0:2-Rückstand 4:2 gewonnen hatten, dank dreier Tore des eingewechselten Debütanten Dieter Müller, glichen nach Müllers Anschlusstreffer durch einen Kopfball von Bernd Hölzenbein noch aus, in der 90. Minute. Torwart Viktor raufte sich die Haare.
Nach torloser Verlängerung kam es zu jenem Elfmeterschießen, für das Viktor Böses geahnt und seinem Bettnachbarn gedroht hatte: „Tonda, lass das mit deinem Elfer! Wenn du ihn verschießt, schließe ich von innen ab. Dann schläfst du in der Rezeption.“ Aber in jener Nacht, die dem schon vor dem Krieg für seine Spielkunst bewunderten „Donaufußball“ im Dreieck der Metropolen Wien, Prag, Budapest seinen größten Triumph bringen sollte, brauchte am Ende in Belgrad ohnehin kaum ein Tscheche ein Bett.
Ungewohntes Format für beide Seiten
Aus den Tausenden Elfmeterschießen, die seitdem stattfanden, hat man die Faustregel destilliert, für den ersten Elfer am besten den zweitsichersten Schützen zu wählen, für einen soliden Start; den sichersten jedoch für den fünften und nominell letzten, für einen nervenstarken Abschluss. 1976 hatte noch niemand Erfahrung mit dieser nervtötenden neuen Versuchsanordnung, die aus einem Teamsport, einer gemeinschaftlichen Anstrengung also, eine Abfolge einsamer individueller Duelle macht.
Panenka aber sagte schon damals zu Trainer Václav Jezek: „Ich will den letzten schießen, den fünften.“ Warum er das tat? „Bis heute weiß ich es nicht“, beteuert er. „Es ist ja riskant, den besten Schützen als letzten schießen zu lassen. Es kann sein, dass vorher ein, zwei andere verschießen. Dann ist es vorbei, bevor du dran kommst. Aber ich hatte Glück. Alle vor mir haben getroffen.“
Nur der letzte Schütze der anderen, unmittelbar vor ihm, traf nicht. Bundestrainer Helmut Schön hatte nur vier Freiwillige fürs Elfmeterschießen gefunden. Auch Kapitän Franz Beckenbauer drückte sich. So überredeten sie Uli Hoeneß, der auch nicht wollte, sich aber erweichen ließ – und den Ball in ähnlichem Winkel, mit ähnlicher Fußstellung traf wie eine Minute später Panenka. Nur tat er es unkontrolliert und mit großer Wucht. Und sah den Ball schließlich „immer höher steigen“, wie er es später beschrieb, „wie eine Weltraumrakete von Cape Kennedy sauste er in Richtung Wolken“.

So war durch einen völlig missratenen Schuss die Bühne bereitet für den Elfmeter, den Panenka zwei Jahre lang perfektioniert hatte. Nicht irgendeine Bühne, sondern die größtmögliche: als entscheidender Schütze im Elfmeterschießen des Endspiels der Europameisterschaft gegen den Weltmeister. Wie immer machte er einen langen, schnellen Anlauf, „mindestens sieben, acht Meter“, holte wuchtig aus – und schlenzte den Ball ganz sanft in hohem Bogen in die Mitte des Tores. Dort hatte sich gut eine Sekunde zuvor noch ein Torwart befunden. Nun lag Sepp Maier machtlos in der rechten Ecke. Während Panenka dem Ball, schon jubelnd, hinterherlief, als wolle er ihn ins Tor begleiten.
Ein halbes Jahrhundert später mag man sich fragen, warum Maier, warum der deutsche Trainerstab nicht vorbereitet war auf diese Variante. Zunächst hatte Panenka seinen innovativen Elfmeter zwar nur im Training und in Testspielen praktiziert, doch dann, wenige Wochen vor der EM, in einem Ligaspiel gegen Dukla Prag vorgeführt. Nur gab es noch kein Internet, keine Trainer-Laptops, keine Fernsehbilder fürs Ausland. Und es existierte auch eine gewisse Arroganz der großen Fußballnationen. „Dort interessierte man sich nicht dafür“, sagt Panenka, „wie in einem Land wie der Tschechoslowakei gespielt wurde.“

An diesem 20. Juni 1976 aber lernte die Fußballwelt den Panenka kennen. Und nie wieder würde es so einfach sein, ihn zu verwandeln. Trotzdem hielt Panenka an ihm fest. Dass Torhüter nun nicht mehr nur die Wahl zwischen rechts und links hatten, sondern auch die Möglichkeit der Mitte beachten mussten, erhöhte die Chancen des Elfmeterschützen. Zwar nicht mehr auf fast 100 Prozent, wie bei der Premiere, aber doch auf deutlich mehr als davor. „Ich habe ihn weiter so geschossen“, sagt er. Nicht immer, aber immer wieder.
Und das auch in wichtigen Spielen, wie gegen Frankreich im entscheidenden Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft 1980 in Italien (wo die CSSR das Spiel um Platz drei dann gegen Italien ebenfalls im Elfmeterschießen gewann, Panenka seinen Elfmeter gegen Dino Zoff aber nicht als Lupfer, sondern scharf ins rechte Eck schoss).
Insgesamt, schätzt er, habe er 25 bis 30 Panenkas geschossen, auf jeder Ebene, vom Testspiel bis zum Europapokal und EM-Finale. Und nur einen einzigen verschossen, einen ganz frühen. Es war bei der Saisonvorbereitung im Sommer 1975 in Südböhmen, ein Testspiel gegen einen Dorfklub. „Vor dem Spiel hatte es viel geregnet“, so Panenka. „Das Wasser stand vor dem Tor und auf der Torlinie.“ Er chippte den Ball perfekt Richtung Tormitte. Dort aber stand der Keeper immer noch und fing den Ball. Da begriff der verblüffte Schütze, was er nicht bedacht hatte. „Der Tormann hatte keine Lust, in die Pfütze zu springen“, sagt er und lacht. „Deshalb war er stehengeblieben.“ Als Einziger hat ein unbekannter Torhüter des FK Vodnany einen Panenka von Panenka gehalten. Ein Original vom Original.
Die besten Spieler der Welt schießen einen Panenka
Überraschend lange blieb die Idee ohne Nachahmer. Kläglich scheiterte 1992 Gary Lineker beim Versuch, auf diese Weise in seinem letzten Länderspiel für England den Torrekord von Bobby Charlton einzustellen – der Ball flog viel zu flach und dann nicht einmal in die Mitte. 2000 machte es der Italiener Francesco Totti im EM-Halbfinale gegen die Niederlande besser, ebenso 2004 Hélder Postiga im EM-Viertelfinale Portugal gegen England. Und 2006 wagte Zinédine Zidane den Panenka sogar im WM-Finale. Vor allem war es der wohl lässigste aller Lupfer, durch Andrea Pirlo im EM-Viertelfinale 2012 gegen England, der Panenkas Idee eine Renaissance bescherte. Sie dauert bis heute an.
„Ich habe nie geahnt, dass diese Art Elfmeter in die Fußballgeschichte eingehen würde“, sagt Panenka. „Doch es macht mich stolz, dass die besten Spieler der Welt Elfmeter auf meine Art geschossen haben: Messi, Ronaldo, Ibrahimovic, Pirlo, Ramos, Benzema.“ Und Hunderte andere. „Ich bin sehr glücklich, dass meine Idee nicht gestorben ist. Heute weiß jeder im Fußball, was ein Panenka ist.“
Torhüter pokern inzwischen auf die Mitte
Dabei hat sich seit der Premiere 1976 die Lastverteilung umgekehrt zwischen Schütze und Torwart. Für Panenka war es in einer schwierigen Situation „das leichteste Tor“. Heute jedoch sei es „sehr schwierig geworden“. Denn alle Torhüter kennen inzwischen diesen Schuss – und bleiben manchmal einfach stehen. Weil sie pokern. Oder weil sie sehen, wie Tempo und Körperspannung des Schützen kurz vor dem Schuss nachlassen, aus Furcht, den Ball zu fest zu treffen und übers Tor zu schaufeln (oder an die Latte, wie das selbst Lionel Messi 2024 bei der Copa América passierte).
Mancher Schütze verrät sich im Anlauf, enthüllt zu früh seine eigentliche Intention. Oder hat es vielleicht schon davor getan, mit seiner Haltung, der Körpersprache, vielleicht einem Feixen oder einem Blitzen in den Augen. So wie Franck Ribéry, der französische Bayern-Star und Spaßvogel, vor seinem Panenka 2009 in Stuttgart. Jens Lehmann fing den Ball. Warum er stehenblieb? „Ich hatte das Gefühl, dass er mich verarschen wollte.“
Solche Fälle verraten dem Panenka-Erfinder, dass nicht alle ihn wirklich verstanden und verinnerlicht haben, seinen Elfmeter. Es funktioniere nicht so, dass man einfach kurz vorher denke: „Heute mache ich mal den Panenka.“ Er trainierte ihn zwei Jahre fast täglich, bis er ihn „auch dann verwandelt hätte, wäre ich mitten in der Nacht geweckt worden“.
Versöhnung mit Sepp Maier nach 25 Jahren
Denn für den perfekten Panenka muss man nicht nur ein guter Fußballspieler sein, sondern auch: ein guter Schauspieler. „Mit allem, meinen Bewegungen, dem, was meine Arme tun, meine Hände, meine Augen, muss ich den Tormann überzeugen, dass ich einen ganz normalen Elfmeter schieße.“ Und ihm nie das Gefühl vermitteln, ihn lächerlich machen zu wollen. Das wollte Panenka nie, wie er beteuert, „auch wenn Sepp Maier danach 25 Jahre kein Wort mit mir sprach“. Sie vertrugen sich dann. Bei der letzten Begegnung vor ein paar Jahren in Prag „tranken wir ein Bier zusammen und spielten Golf“.
Was aber wäre passiert, hätte Panenka nicht getroffen? Über die Frage hat er beim ersten Treffen vor 20 Jahren lange nachgedacht und dann, halb im Scherz, gesagt: „Die vergangenen 30 Jahre hätte ich wohl als Fabrikarbeiter verbracht.“ Die Betonköpfe der kommunistischen Staatspartei hätten Panenkas Elfmeter, ein feines Beispiel aufmüpfiger Kreativität, die im Staatsvolk der CSSR nicht kleinzukriegen war, dann wohl kaum goutiert. So aber blieb ihnen nichts anderes übrig. Denn danach waren die Fußballspieler Helden des Volkes.
Sie sprechen über seinen Elfmeter – sonst nichts
„Als Schüler hatte ich immer, wenn ein Präsident oder Parteichef aus dem Ausland kam, mit den anderen aus der Schule an der Straße vom Flughafen in die Stadt Spalier stehen müssen, um den hohen Besuch zu begrüßen“, erzählt Panenka. „Da standen wir dann mit unseren Fähnchen und jubelten auf Bestellung.“ Als sie 1976 als Europameister zurückkamen aus Belgrad – „da sah ich wieder die ganzen zehn Kilometer lang die Menschen an der Straße stehen und jubeln, aber nicht, weil sie mussten, sondern weil sie glücklich und stolz waren“.
Heute ist Antonín Panenka eine Kultfigur des Fußballs. Sneaker sind nach ihm benannt und eine spanische Fußballzeitschrift. Doch all das macht ihn auch „ein bisschen traurig“, wie er gesteht. „Darüber, dass alle immer nur über den Elfmeter sprechen. Nicht über meine anderen Tore, die Freistöße, die Pässe, die überraschenden Aktionen. Die Dinge, die Zuschauer begeistern. Ich wollte im Fußball immer überraschen, verblüffen, etwas anderes tun als das, was alle erwarten, ein Entertainer sein.“
Sein Glück fand er in Wien
Und das ist ihm, dem kreativen Spielmacher und famosen Freistoßschützen, in vielen Partien eben nicht nur mit Elfmetern gelungen. Als er mit 32 Jahren ins westliche Ausland wechseln durfte, entschied er sich trotz besser dotierter Angebote aus Spanien und Belgien für den österreichischen Klub Rapid Wien, weil seine Kinder dort auf eine tschechische Schule gehen konnten.
Sein Spielwitz, den er auch aus dem Stand zu entfalten vermochte, wie bei seinem berühmtesten Tor für Rapid, einem ansatzlosen Heber gegen Wacker Innsbruck, der den Torwart und alle Umstehenden wie zu Salzsäulen erstarren ließ, macht ihn bis heute zu einem der großen Fan-Lieblinge der Wiener. Dort habe er, wie er sagt, „die schönste Zeit meines Lebens verbracht“.
Doch es zog ihn zurück nach Prag, wo er eine mährische Weinstube betrieb, dann eine Konditorei. Und heute mit dem Pensionärsleben in einem Dorf, 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, zufrieden ist. Golf und Tennis spielt er noch und natürlich Fußball, auch wenn die „Alten Herren“, bei denen er aktiv ist, manchmal erst 35 sind. „Den Fußball liebe ich immer noch, nur nicht das Laufen, das leider damit verbunden ist.“
Am Ende des kurzweiligen Wiedersehens schießt Antonín Panenka, fidele 77 Jahre alt, für den Fotografen noch einmal den Panenka, der auch bald schon 50 ist und gut gealtert. Die Ausführung auf das Tor, an dem alles begann, gerät zunächst ein wenig kraftlos. Doch beim dritten Versuch setzt der Ball perfekt hinter der Torlinie auf. Ohne Torwart zwar, gerade keiner da, doch so, dass die Kunst daran immer noch gut erkennbar wird: die richtige Flugkurve. Sie steigt, bis der unsichtbare Torwart unten ist, sinkt dann dorthin, wo er nicht mehr ist. Und man sieht es und schaut auf die gemalten Kängurus auf den Plakaten und Wänden dahinter und denkt: Da ist er, der Zusammenhang!

Beim Panenka fliegt der Ball so, wie das Känguru springt.
Hat womöglich also seine Erfindung einen ganz anderen Ursprung? Verdankt sich am Ende der Geschichte die Inspiration des berühmtesten aller Elfmeter der Omnipräsenz eines Beuteltiers? Wir wagen nicht, ihn das noch zu fragen. Wissen aber: Sollte es so sein, Antonín Panenka würde es, schmunzelnd wie Schwejk, für sich behalten.
