
Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit weiter zu. Das ist ein enormes Problem. Derzeit gehen rund sechs Prozent aller Infektionen mit Bakterien in Deutschland auf Keime zurück, gegen die kein Antibiotikum etwas ausrichten kann. Rund 9700 Menschen sterben an den direkten Folgen resistenter Keime, berichtet das Robert-Koch-Institut in Berlin. Auf der Welt seien es 1,14 Millionen Todesfälle.
Schuld an den Resistenzen ist der übermäßige und falsche Einsatz von Antibiotika, vor allem von hochwirksamen Reservemedikamenten. Bei den Mikroorganismen entsteht ein Selektionsdruck: Bakterienstämme, die resistent gegenüber dem Medikament sind, überleben und können sich weiter ausbreiten.
Bedarf an Antibiotika nimmt zu
Wie der Antibiotikaeinsatz auf der Welt verteilt ist, haben nun Wissenschaftler um Aislinn Cook von der City St George’s, University of London berechnet. Sie schätzen in „The Lancet“, wie hoch der Verbrauch in 186 Ländern eigentlich sein sollte. Basiert wurde das auf den ermittelbaren Fällen von Krankheiten, der Resistenzlage und den Lebensbedingungen.
Demnach wurden 2019 weltweit 43 Milliarden Tagesdosen Antibiotika benötigt. Das ist ein geschätzter Wert. Jeder Mensch auf der Welt hätte demnach etwa eine Antibiotikatherapie im Jahr erhalten können. Verglichen mit tatsächlich gemeldeten Daten aus dem Jahr 2018 ist der Verbrauch gestiegen, damals wurden rund 40,2 Milliarden Tagesdosen an Antibiotika genutzt.
Global betrachtet entspricht der Verbrauch von Antibiotika grob dem Bedarf, berichten die Forscher. Das Problem liegt woanders: Der Einsatz verschiedener Antibiotikaklassen sei weltweit ungleich verteilt.
Antibiotika werden von der Weltgesundheitsorganisation anhand der AWaRe-Klassifikation in drei Klassen eingeteilt. Dabei zählen die Breite ihres Wirkspektrums und der Einsatzbereich. Die üblichsten Mittel bei häufigen Infektionen werden als „Access“-Antibiotika bezeichnet, dazu gehört etwa Penicillin. Sie haben das geringste Potential, resistente Keime zu erzeugen.
Diese sollten bis zum Jahr 2030 etwa 70 Prozent der verwendeten Antibiotika ausmachen, wie die Vereinten Nationen beschlossen haben. Das Forscherteam schätzt in der aktuellen Auswertung, dass 77 Prozent aller Antibiotika aus dieser Gruppe stammen sollten. In Deutschland wurde in der Antibiotika-Resistenzstrategie, DART, festgelegt, dass bis 2030 etwa 65 Prozent der verwendeten Antibiotika zur Access-Klasse gehören sollten. 2024 lag der tatsächliche Wert laut Robert-Koch-Institut bei 62,5 Prozent.
Daneben gibt es die sogenannten „Watch“-Antibiotika. Diese Arzneien haben ein breiteres Wirkspektrum und sind für die Erst- oder Zweitlinientherapie einiger spezifischer Infektionen vorgesehen, vor allem, wenn Access-Antibiotika versagen. Dazu zählten 2024 in Deutschland 36,2 Prozent aller eingesetzten Antibiotika.
In die Klasse „Reserve“ hingegen fallen Antibiotika, die vom Robert-Koch-Institut als „Last Resort“ bezeichnet werden. Sie sind gegen multiresistente Keime aktiv, sollten aber nur zurückhaltend eingesetzt werden. Bildeten sich Resistenzen, wäre man den Erregern machtlos ausgeliefert. In Deutschland machte diese Gruppe vor zwei Jahren 0,5 Prozent der verwendeten Antibiotika aus.
Fast alle untersuchten Länder nutzen zu viele Watch-Antibiotika
Von 67 Ländern oder Regionen, von denen konkrete Daten vorlagen, würden laut den Forschern in 48 zu viele Antibiotika verwendet, besonders in wohlhabenden Regionen. 99 Prozent aller Länder nutzten mehr „Watch“-Antibiotika, als optimal wäre. Und in 42 Prozent wurden zu wenige der herkömmlichen Antibiotika genutzt. Das ist auch in Deutschland der Fall.
In ärmeren Ländern kamen zudem zu wenige Reserve-Antibiotika zum Einsatz im Vergleich zum vermuteten Bedarf, schätzen die Forscher, der höher liegt als in wohlhabenden Regionen. Das traf auf 54 Prozent der Länder zu.
Die Länder wurden zur Beurteilung des Bedarfs in vier Cluster eingeteilt, unter anderem abhängig vom Einkommen. Zu Cluster eins, den ärmsten Regionen, zählten etwa Länder in Subsahara-Afrika. Zu dem wohlhabendsten Cluster vier gehörten Deutschland und Italien, aber auch Neuseeland, Russland und Französisch-Guayana. Als Maßstab oder „Benchmark“ für diese Gruppe wurde die Schweiz gewählt.
Diese Methoden werfen jedoch Fragen auf. „Grundsätzlich halte ich den Ansatz für interessant, für 186 Länder einen ‚optimalen‘ Antibiotikaverbrauch anhand von Krankheitslast, Resistenzdaten und sozioökonomischen Faktoren zu schätzen und mit dem tatsächlichen Verbrauch zu vergleichen“, sagt Mathias W. Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena gegenüber dem Science Media Center, SMC. Er sehe das Manuskript dennoch an mehreren Stellen kritisch. Etwa gebe es innerhalb der Länder eine extreme Heterogenität, die in der Analyse komplett verloren gehe. „In den Benchmark-Ländern wie zum Beispiel der Schweiz ist der Antibiotikaverbrauch in einigen Teilen des Landes ganz anders als in anderen.“ Das gelte auch für Deutschland.
Außerdem werde nicht berücksichtigt, dass ökonomische Gründe eine Rolle spielen dafür, dass Reserve-Antibiotika in ärmeren Ländern nicht eingesetzt werden. Bei einigen Mitteln gilt noch der Patentschutz. Sie sind demnach kostspieliger.
In Ländern wie Deutschland hingegen können durch eine deutlich bessere Versorgung auch infektionsanfällige Patienten etwa in der Onkologie oder mit Implantaten behandelt werden. Die benötigten jedoch mehr Antibiotika. Pletz sagt: „Dieser Mechanismus wird im Manuskript an keiner Stelle diskutiert.“
Experten bemängeln zudem, dass die Datenverfügbarkeit für die ärmsten Länder in Cluster eins sehr eingeschränkt sei, und sehen die Cluster-Bildung kritisch. „Die Zusammenlegung von skandinavischen Ländern und Italien und Griechenland in einem Cluster ist kühn“, sagt Winfried Kern, ehemaliger leitender Arzt der Abteilung Infektiologie und emeritierter Professor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Freiburg gegenüber dem SMC. Sein Fazit der Studie lautet: „Sehr viele Annahmen, sehr viele Imputationen, sehr viele Modelle – fraglich sinnvolles Clustering mit schlechten Daten vor allem für Cluster eins.“ Dennoch nennt er die Botschaft der Studie „stark“ und weltpolitisch relevant: „Viele ressourcenarme Länder haben bezüglich Antibiotikaeinsatz dürftige Ressourcen und Knappheit“.
In Deutschland seien laut der Studie jedoch keine großen Probleme erkennbar, sagt Kern. „Außerdem hat sich die Verschreibungsqualität hier in den vergangenen zehn Jahren gebessert – sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich.“
