Im Juni bebte in Venezuela die Erde, Iran, Israel und die USA setzten ihren Krieg fort, Deutschland ächzte
unter den Folgen der Erderwärmung und im Freibad von Ziegenhain,
Schwalm-Eder-Kreis, Nordhessen, zog ein Mann seine Bahnen, der die Welt
verbessern wollte, wenigstens ein bisschen.
Es sei ein
herrlicher Morgen gewesen, erzählt er ein paar Wochen später, »das Wasser
hübsch warm, 25 Grad, für mich gerade super«. Dennoch habe er das Becken fast
für sich allein gehabt und sich gefragt, wie das überhaupt sein kann, mitten im
Sommer. Warum hier nicht viel mehr Leute herumplanschen, so wie er es von
früher kannte.
Schlagzeilen vom
28. Juni 2026:
»Venezuela:
Zahl der Toten steigt nach Erdbeben auf mehr als 1400«
(Süddeutsche Zeitung)
»Irans Klerus
drängt auf Abbruch der Gespräche mit den USA«
(Spiegel)
»Extreme Hitze
bringt Sachsen Waldbrände und Verkehrsprobleme«
(Sächsische Zeitung)
»Anonymer
Spender zahlt freien Eintritt ins Freibad für alle unter 16«
(Hessische/Niedersächsische Allgemeine)
Bei der
Anonymität, das war die Bedingung für unser Treffen, soll es bleiben. Selbst sein Alter will der Spender nicht in der
Zeitung lesen, obwohl das sowieso wenig Aufschluss gibt. Er hatte es am Telefon
kurz erwähnt, und dann wäre man am Bahnhof in Treysa, wo er zum Abholen bereitstand, fast an ihm vorbeigelaufen, weil er mindestens zehn Jahre jünger
aussieht. Erwähnt werden darf, dass er
als kleines Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt hat, was noch eine
Rolle spielen wird.
»Gucken Sie mal auf Instagram, da haben Sie 60.000 Herzchen«
In der Natur der
Sache liegt, dass sein Äußeres hier nicht beschrieben wird. Und dass sich das
meiste, was er an Persönlichem erzählt, kaum überprüfen lässt, will man seinen
Wunsch nach Diskretion respektieren. Die Hauptsache allerdings ist unstrittig:
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren baden in diesem Jahr während der
hessischen Sommerferien in Ziegenhain auf seine Kosten. Das bestätigt auch der Bürgermeister von
Schwalmstadt, über den der Kontakt zum Spender zustande kam. Er war gerade im
Urlaub in Spanien, als der ganze Wirbel losging.
Es ist nämlich
so: Nach dem kleinen Bericht in der Lokalzeitung ging die Nachricht im Netz
ziemlich viral. Nicht, dass der
Spender das gleich mitbekommen hätte. Die Redakteurin, bei der er sich für den
Bericht bedanken wollte, hat es ihm erzählt. Gucken Sie mal auf Instagram, habe
sie gesagt, da haben Sie 60.000 Herzchen. Er kenne sich nicht so aus, sagt der
Spender, er sei ja selbst nicht auf Social Media. Die überschwängliche Reaktion
habe ihn jedenfalls überrascht.
Dabei liegt sie,
wenn man mal darüber nachdenkt, eigentlich ziemlich nahe. In Zeiten von Krisen,
Konflikten und dem zunehmenden Abbau des Sozialstaats wächst die Sehnsucht
nach Gutem, Wahrem, Schönem. Dem jüngsten Reuters Institute Digital News Report
zufolge gaben 72
Prozent der Befragten an, Nachrichten gelegentlich aktiv zu
vermeiden. Im vergangenen
Jahr waren es noch 71 Prozent gewesen, von denen
49 Prozent der Älteren angaben, es werde zu viel über Kriege und Konflikte
berichtet, während 19 Prozent der Jüngeren das Gefühl hatten, die Informationen
seien für ihr Leben nicht relevant. Da ist die Nachricht von jemandem, der in einer
Ellbogen-Welt die Arme ausbreitet, ganz einfach Gold.
Während der
Betreiber eines Strandbads in Sachsen-Anhalt nur noch Besuchern mit deutschen Sprachkenntnissen Einlass gewähren will, während in der ganzen Republik
in diesem Sommer wegen Personalmangel oder überfälliger Sanierungen etliche Freibäder geschlossen bleiben mussten, stellt sich in
Ziegenhain einer hin und sagt: Komm, ich mach’ das eben. Hach.
Mittlerweile
stehen wir vor dem Eingang des Freibads von Ziegenhain. Das Wasser im 50 Meter
langen Edelstahlbecken glitzert im strahlenden Sonnenschein. Ein
handgeschriebenes Schild beziffert die Badetemperatur auf 27 Grad. Der
laminierten »Entgeltordnung für die Badesaison 2026« am
Schalterfenster sind die Eintrittspreise für Tageskarten zu entnehmen:
»Personen mit Vollendung des 16. Lebensjahres: 3,00 €; Personen ab 4 Jahre,
Schüler u. Studenten mit Ausweis: 1,00 €; Schwerbehinderte u. Transferleistungsbezieher
(Empfänger von Hartz IV, Grundsicherung und Sozialhilfe) mit Nachweis: 1,00 €;
Schulklassen unter Aufsicht eines Lehrers: 0,50 €.«
Seine Saisonkarte kostet 67 Euro, »viel zu billig«, wie er findet
Im Schwimmbad
wissen sie natürlich, dass die Spende von ihm kommt. Der Spender ist hier
Stammkunde, seit 1982, als das Bad eröffnet wurde, schwimmt im
Sommer so gut wie jeden Morgen seine 500 Meter und besitzt eine Saisonkarte für
67 Euro, »viel zu billig«, wie er findet, »ich schwimme hier schließlich an die
90 Mal im Jahr«.
Der Bademeister
hat uns die Teeküche des Personals für unser Gespräch überlassen, was in
gewisser Weise schade ist.
Lieber hätte man mit ihm
draußen am Kiosk gesessen, unter dem blau-rot-blinkenden Curry-Wurst-Schild,
mit Blick auf das Treiben im Freibad, die Damen und Herren unter der
Pflichtdusche, die Jugendlichen beim Tunken, die Kinder mit ihren
Schwimmtieren. Aber gut, hier lässt es sich ungestörter sprechen.
1.100 – diese
Zahl lässt der Bademeister bei uns im Raum stehen, ehe er die Tür hinter sich
schließt. 1100 Kinder und Jugendliche haben den kostenlosen Eintritt bisher
genutzt, macht aktuell 1.100 Euro Spende. Das Angebot gilt noch bis zum Ende der
hessischen Sommerferien am 9. August. »Wenn noch viele kommen«, sagt der
Spender, »geht’s ein bisschen an mein Portemonnaie, aber die Freude überwiegt.«
Er habe ja seine Rente, er komme zurecht.
Sowas Schönes
wie ein Schwimmbad, habe er an jenem Morgen im Juni gedacht: Das müsste man doch
eigentlich mehr unter die Leute bringen, damit die das öfter besuchen. Erst hat
er überlegt, den Eintritt für alle zu übernehmen, aber das wäre wahrscheinlich
zu teuer geworden, so dicke hat er’s dann auch nicht. »Und dann hatte ich die
Idee: Es gibt ja Kinder, die gar nicht in die Ferien fahren können, aus
finanziellen Gründen. Wenn die hier jeden Tag ins Schwimmbad könnten, weil es sie nichts
kostet, wenn die hier ihre Freunde treffen, soziale Kontakte knüpfen und
vielleicht weniger am Handy hängen – das wär doch was!«
»Ich will mich nicht interessant machen«
Als »Gutmensch«
sehe er sich nicht, auch wenn er regelmäßig für die Tafel ausfahre. »Das ist ja
nur ein- bis zweimal im Monat und ist dann auch mal schön, man sieht andere
Leute, das ist alles prima.« Und es sei, erzählt er, auch nicht das erste Mal,
dass er Geld spendet. Er habe da nämlich diese Vereinbarung mit seinem
Schutzengel. »Immer wenn etwas Schlimmes hätte passieren können, es dann aber
noch einigermaßen gut gegangen ist, dann spende ich was, normalerweise 200 Euro
oder so.« An die SOS-Kinderdörfer, die Christoffel-Blindenmission. Und jetzt
eben mal der Freibad-Eintritt. Seinen Namen will er deshalb trotzdem nicht an
die große Glocke hängen. »Ich will mich da nicht interessant machen, es
gibt auch noch wichtigere Sachen.«
Fühlt es
sich anders an, wenn man den Empfängern seiner Spende ins Gesicht sehen kann?
Denkt er manchmal: Dich hab ich eingeladen, dich hab ich eingeladen, und dich
hab ich auch eingeladen? »Also, ich spreche natürlich niemanden an, ist ja
klar«, sagt er. »Aber ich denke, das ist schon eine schöne Sache.«
