Erst ganz am Ende eines kurzweiligen Tennisnachmittags wandte sich die Achtunddreißigjährige an die 4100 Zuschauer und sagte schließlich ein letztes Mal die Worte, auf die alle Welt fortan verzichten muss: „Ich habe mein Herz für euch auf dem Platz gelassen.“
Das passende Schlusswort
Es war das passende Schlusswort nach einer außergewöhnlichen Tenniskarriere. Nach rund zwanzig Jahren auf der Profitour, nach Grand-Slam-Titeln bei den Australian Open und US Open (jeweils 2016) sowie in Wimbledon (2018), nach elf weiteren WTA-Turniersiegen und 34 Wochen an der Spitze der Weltrangliste.
Die nach Stefanie Graf erfolgreichste deutsche Tennisspielerin hatte zwischenzeitlich herbe Rückschläge zu verkraften, monatelang kein Match gewonnen – doch immer ließ sie ihr „Herz auf dem Platz“. Der Satz ist ihr Mantra sowie eine Art Markenzeichen geworden – wie die Vorhand die Linie entlang geschlagen, wie die Rückhand aus der Hocke oder wie ihre typische Jubelpose mit Faust und gestrecktem Schläger.

Vieles von dem, was sie zeit ihrer Profikarriere auszeichnete, konnte die Linkshänderin noch einmal zeigen bei ihrem feierlichen Abschiedsspiel. Im Kurpark herrschte Angie-Kerber-Abschiedswetter: pralle Sonne, Lufttemperatur von mehr als dreißig Grad Celsius – genauso wie am 31. Juli 2024 in Paris, als Kerber im Viertelfinale des olympischen Tenniswettbewerbs gegen die Chinesin Zheng Qinwen ihr 1057. und letztes Profimatch spielte. Selbst dass für den Samstagabend ein Unwetter für Bad Homburg angekündigt war, passte für Kerber ins Abschiedsbild. „Irgendwie zeigt es auch meine Karriere. Gleich kommen noch Blitz und Donner. Diese Achterbahn und die Dramen, die ich über die 20 Jahre erlebt habe, zeigt das Wetter heute.“
„Du weißt es noch nicht – aber das Leben wird besser“
Es wurde dann doch nicht so schlimm wie befürchtet an dem ersten Turniertag der Bad Homburg Open, der für Angelique Kerber zum Finaltag wurde. Ihre Abschiedsvorstellung war binnen weniger Tage ausverkauft gewesen. Einige derer, die nicht anwesend sein konnten, schickten Grußbotschaften: Kerbers frühere Kollegen Roger Federer und Rafael Nadal, das Ehepaar Stefanie Graf und Andre Agassi und Popstar Helene Fischer sendeten per Videoeinspielung alle die gleiche Botschaft: Liebe Angie, tolle Karriere, aber jetzt genieße das neue Leben! „Du weißt es noch nicht – aber das Leben wird besser“, sagte Agassi aus dem fernen Las Vegas. Dorthin war Kerber des Öfteren gereist, um sich in schwierigen Zeiten Tipps von Graf zu holen.
Den Übergang ins etwas gewöhnlichere Leben hat die gebürtige Bremerin eigentlich schon gut hinbekommen. Sie hat zwei Kinder von ein und drei Jahren, ihren Lebensschwerpunkt abseits der weiten Tenniswelt in Polen gewählt und kehrt nur zu ausgewählten Terminen in die alte Szene zurück: jedes Jahr nach Bad Homburg als Sportdirektorin des WTA-Turniers und nach Wimbledon, wo sie demnächst in der zweiten Turnierwoche zum Expertenteam des TV-Rechteinhabers Amazon Prime Video gehört. „Mit dem heutigen Tag bin ich wirklich zurückgetreten. Das Kapitel ist zu Ende. Ein neues kann anfangen“, sagte Kerber.
Zuvor konnten die Zuschauer auf dem Bad Centre Court nicht nur zusehen, wie Kerber und Ivanovic gepflegtes Rasentennis zeigten. Sie sahen auch, wie die beiden tanzten. Die Deutsche als eingefleischter Helene-Fischer-Fan zögerte nicht, als das unvermeidliche „Atemlos“ eingespielt wurde; die Serbin zierte sich sehr und bewegte sich nur auf Kerbers Drängen ein paar Mal im Takt. Außerdem war die French-Open-Siegerin von 2008 so nett, Kerber zum Abschied einen 6:3, 7:5-Sieg zu ermöglichen.
„Meine Leidenschaft wird bleiben“
Ihren alten Ehrgeiz und natürlichen Wettkampfgeist zeigten die beiden selbst beim Schaukampf immer wieder. Kerber seufzte nach einem Doppelfehler, Ivanovic machte nach einem eigenen Fehlschlag eine wegwerfende Handbewegung. „Meine Leidenschaft wird bleiben“, versprach Kerber, die sich nun noch mehr auf ihren Job bei den Bad Homburg Open stürzen kann. Boris Becker – ein noch erfolgreicherer und berühmterer Tennisprofi a.D. – applaudierte dazu.
Die Ehre im Kurpark geben sich dieser Tage nicht nur die mit Grand-Slam-Titeln gekrönten Tennishäupter Kerber, Becker und Ivanovic. Sondern auch die ehrenvolle Damengesellschaft, die auf dem Bad Homburger Rasen aufläuft, könnte vielfältiger kaum sein. Da ist die Gruppe der jungen, erfolgshungrigen Spielerinnen wie Iga Swiatek (sechs Grand-Slam-Titel), Naomi Osaka (4) sowie der vor rund zwei Wochen gekürte French-Open-Siegerin Mirra Andrejewa. Da sind zwei der besten Doppelspielerinnen der Welt, Katerina Siniakova (11) und Elise Mertens (6). Da ist Venus Williams (7 Einzeltitel, 14 im Doppel), die im Spätherbst ihrer Profikarriere mit 46 Jahren weiter auf ihren x-ten Tennisfrühling wartet.
All diese honorigen Damen wollen am Ende der Bad Homburg Open strahlen und danach mit gutem Gefühl zum Rasenklassiker nach Wimbledon reisen. Swiatek, als Sandplatzspezialistin eingestuft, hat sich im vergangenen Jahr zur Rasenfreundin gemausert: Sie erreichte im Kurpark das Finale und gewann zwei Wochen später in Wimbledon. „Ich habe einen größeren Glauben an mich bekommen“, sagte die 25 Jahre alte Polin, die ihre Lebenszeit im Taunus zu schätzen weiß: „Es fühlt sich wie zuhause an.“
Swiatek saß am Samstag im Schatten und applaudierte, als sich die liebe Kollegin von früher verabschiedete. Angelique Kerber war danach mit sich im Reinen: „Es ist nicht so einfach, von der Bühne zu gehen, weil man diesen Sport einfach zu sehr liebt. Man sieht es bei dem einen oder anderen. Ich hätte es mir am Ende tatsächlich nicht besser vorstellen können.“ Angelique Kerber hat in ihrem Herzen einen neuen Platz gefunden.
