Alva lebt in Chur, im Schweizer Kanton Graubünden, sie ist Lehrerin, unterrichtet vor allem Romanisch und Sport. Sie ist schlank, muskulös, eine erfahrene Alpinistin, die ihrem starken Körper vertrauen kann – bisher, jetzt ist sie um Ende dreißig. In der Nacht, bevor sie zum Calanda, dem Hausberg von Chur, aufbricht, vielleicht ein letztes Mal, konnte sie nicht schlafen, hörte in den „Rosenkavalier“ hinein, den Abschied der Marschallin von Octavian, ihrem jungen Geliebten: „Leicht will ich’s machen, dir und mir. Leicht muss man sein, mit leichtem Herzen und leichten Händen halten und nehmen, halten und lassen.“ Alva „konnte das doch auch“, heißt es dann weiter in Angelika Overaths neuem Roman, „etwas leicht machen. Und darin zu sich stehen.“ Am Ende hat diese Fähigkeit „Calanda oder Alvas Antwort“ getragen wie ein geheimer Code.
Dem mit leichtem Herzen und leichten Händen Gehaltenen und Genommenen verdanken sich Alvas zwei Kinder, Florinda und Mavi, von zwei Vätern, die ihrerseits ein Männerpaar waren. Die Geschichten der Männer sind erzählt in zwei Romanen zuvor: „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“. Man muss sie für das dritte Buch nicht kennen; die ungewöhnliche Triade, in der tradiert-binäre Geschlechterrollen infrage gestellt sind, wird rekapituliert. Da ist Cla, aus dem Engadin stammend, Religions- und Ethiklehrer, der kein Kind gewollt hatte, aber von dem Alva die Tochter Florinda hat. Und da ist Baran, griechisch-türkischer Herkunft und in Deutschland aufgewachsen. Ihn hatte Cla während eines Forschungsaufenthalts in Istanbul kennen und lieben gelernt. Und es war auch in Istanbul, wo Baran und Alva sich zuerst begegneten.

Die beiden Männer werden danach gemeinsam Alva in Chur besuchen. Dort wird in einer einzigen Nacht der bisexuell oszillierende Baran den Sohn Mavi zeugen: „Schon als sie ihm erzählt hatte, dass sie schwanger war, organisierte er seinen Umzug von Istanbul nach Chur. Und natürlich wollte er heiraten. Sie war sich nicht so sicher gewesen. Aber für ihn war es keine Frage. So hatte sie eingewilligt.“ Nun lebt Baran in Alvas und der Kinder Nachbarschaft, Cla kommt „öfter aus Istanbul vorbei“.
Schritt für Schritt geht die Autorin mit der Hauptfigur
Angelika Overath widmet sich ihrer Protagonistin mit spürbarer Zuneigung, bis zur Introspektion. Mit Alva geht sie Schritt für Schritt, über gut 2000 Meter Höhenunterschied hin zum Gipfel des Calanda. Denn Alva muss sorgfältig einen Schritt vor den anderen setzen für diesen Aufstieg, nachdem sie eine Diagnose erhalten hat, die ihr Leben fortan bestimmen wird: amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Muskelschwund. Die Frage, die sie bei jedem einzelnen Schritt begleitet, heißt: Weiterleben oder nicht. „Sie war Mutter zweier Kinder. Sie hatte eine tödliche Krankheit.“ Kehrte sie nicht zurück, könnte es genauso gut Stolpern gewesen sein, würde sie an einer schwierigen Stelle des Bergs springen. Und würde sie nur stolpern, könnte es genauso gut als Springen gedeutet werden. Alva hat noch niemandem von der Krankheit erzählt.
Die Stationen des Aufstiegs, der Alva doch so vertraut ist, werden zu Halte- und Fluchtpunkten ihrer Gedanken. Getrieben von der unabänderlichen Tatsache der Krankheit werden Tektonik und Natur der Bergwelt noch stärker zu Spiegelungen von Alvas Innenwelt. Zugleich reflektiert sie, dem Gipfel des Calanda entgegen, unablässig ihre aporetische Situation.
Auf ihrem Weg zu sich selbst begegnet Alva ein paar anderen Menschen. Da ist ein junger Forscher, der Pflanzen aus deren ursprünglich höherem Lebensraum in tiefere Regionen versetzt, um ihr Verhalten im kommenden Klimawandel zu erkennen, ihre Überlebensfähigkeit zu erkunden. Auch Alvas Leben ist einem unausweichlichen Wandel unterworfen, sich verändernden physischen Bedingungen mit ungewisser zeitlicher Prognose.
Weg von Gefühlisgkeiten, hin zur Sinnlichkeit
Dabei ist Overath ganz in ihrem Element: der Erfahrung des Reisens in jedem Sinn von Raum und Zeit, des Unterwegsseins mit allen Sinnen, das den Blick auf ein Ziel, auf eine Zukunft immer neu definieren kann. Entsprechend steigen in Alva starke Erinnerungen auf: an die Großmutter, deren Leben von Fluchtbewegung und Vertreibung aus dem Sudetenland im heutigen Tschechien geprägt war. Und an Seraina, ihre enge Freundin von Kindheit an, mit der sie immer wieder zum Calanda aufgestiegen ist. In Alva beginnt die Antwort auf ihre existenzielle Frage Gestalt anzunehmen.
In „Unschärfen der Liebe“ hat sie Baran einmal erklärt, was „Vorsteigermoral“ am Berg bedeute: „Oft ging sie mit Freundinnen klettern. (…) Wenn die Vorsteigerin stürze, stürze sie ab. Jedenfalls weit tiefer als die Nachsteigerin, die ja am straff gezogenen Seil klettere.“ Warum dann mit einer viel schwächeren Kletterin in die Wand gehen, wollte Baran wissen. „Wenn man sich eben gern hat“, sagte Alva. Und wenn man zu dritt klettere? „Zu dritt braucht es einfach eine besondere Sicherungstechnik“ ist ihre Antwort. Jetzt hat der Calanda sie, diese „Vorsteigerin“, gelehrt, was es zu sichern gilt. Sie wird nicht bis zum Gipfel steigen, und sie wird sehr vorsichtig hinuntergehen, besonders den schmalen Weg am Abgrund: „Es durfte ihr nichts geschehen. Sie war sich kostbar. Alva liebt sich.“ Sie will Seraina umarmen, etwas anderes soll beginnen. Bis es eben endet.
Mit diesen gut 150 Seiten hat Angelia Overath die Trilogie um Cla, Baran und Alva abgeschlossen. Sie tut das in ihrer klaren, lakonischen Schreibart ohne Sentimentalitäten – keineswegs ohne gute Worte und Bilder für Sinnlichkeit zu finden, weg von Gefühligkeiten. Und in sprachverspielter Mehrdeutigkeit: „War ihr Name, der Name Alva, ein Name, der für Frauen wie für Männer galt, nicht die Mitte eines schönen alten Wortes? Salvar: bergen, retten.“
Angelika Overath: „Calanda oder Alvas Antwort“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. 155 S., geb., 24,– €.
