Das kleine Publikum, das sich dieser Tage in einem kleinen Kabinett des Bode-Museums versammelte, war auf manche Dinge schon vorbereitet. Es war bekannt, dass die Kanzlerin auf dem Bild stehen würde, dass sie für diesen Anlass die Jackenfarbe Blau wählen würde, dass eine Aktenmappe auf dem Bild zu sehen sein würde. Als Angela Merkel gemeinsam mit dem Maler Jérémie Queyras das Tuch herunterriss, das ihr Bild für die Kanzlergalerie bedeckte, erstaunte eines dann doch: Wie sehr das Gemälde allein durch diese Attribute jenen Staatsporträts ähnelte, die Herrscherinnen des 18. Jahrhunderts von sich malen ließen. Zu einer Zeit also, da Frauen in Führungspositionen aufgrund des dynastischen Prinzips häufiger anzutreffen waren als in späteren republikanischen Zeiten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Natürlich, Merkels Jacke ist schlichter, der Gesichtsausdruck nachdenklicher als auf den Darstellungen ihrer fernen Vorgängerinnen. Man mag dabei zuerst an Katharina die Große denken, jene geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst und spätere Zarin von Russland, deren Bildnis einen Platz auf Merkels Schreibtisch einnahm; dass sie für ihren Aufstieg zur Macht erst einmal den eigenen Ehemann aus dem Weg räumen musste, mochte manchen innerparteilichen Gegnern der Christdemokratin als Menetekel gelten. Auf ihren Staatsporträts ließ sich Katharina ebenfalls stehend und in blau-silbrigen Gewändern abbilden, allerdings ohne Tisch, bloß mit einem Zepter als Zeichen der Macht in der Hand.

Aufschlussreicher ist deshalb der Vergleich mit einer anderen Frau, die Europas Politik zweieinhalb Jahrhunderte vor Merkels Kanzlerschaft dominierte: mit der Habsburgerin Maria Theresia. Sie benötigte aufgrund der Fülle ihrer Ländereien neben sich einen Tisch, um vom Porträtmaler die entsprechenden Krönchen abstellen zu lassen. Auf dem hier abgebildeten Gemälde sind von rechts nach links der österreichische Erzherzogshut, die habsburgische Hauskrone, die böhmische Wenzelskrone und – angeschnitten – die ungarische Stephanskrone zu sehen. Nicht aber die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches. Denn draußen im Reich war Maria Theresia bloß Kaiserin in weiblicher Form, also ein Anhängsel ihres Gatten Franz Stephan von Lothringen. Als König von Ungarn und Böhmen sowie als Erzherzog von Österreich regierte sie hingegen – in männlicher Form – aus eigener Machtvollkommenheit.
Die angeschnittene Akte
Auch neben die deutsche Kanzlerin stellte der Maler einen Tisch, allerdings ohne Krönchen. Stattdessen findet sich dort ein bereits viel diskutierter Würfel mit der Aufschrift „In der Ruhe liegt die Kraft“ – und ein Aktendeckel, über den erstaunlicherweise noch nicht ganz so viel gesprochen wurde, wohl weil seine Funktion so offensichtlich zu sein scheint. Es handelt sich um eine jener Umlaufmappen, wie sie nicht nur im Kanzleramt, sondern in deutschen Verwaltungen jedweder Art bis heute in Gebrauch sind. Die Parallele geht bis ins Detail: Ähnlich wie Maria Theresias ungarische Königskrone ist auch Angela Merkels Akte auf dem Bild nur angeschnitten.
Die altmodische Papiermappe legt platte Witze über eine Kanzlerin nahe, die den rechtlichen Umgang mit virtuellen Fragen einst als „Neuland“ bezeichnete, was er ja in der Tat bis heute geblieben ist. Aber der Vergleich der Bilder berührt doch einen tieferen Punkt: Wie die Kronen das monarchische Prinzip verkörpern, so steht die Mappe für die republikanisch-demokratische Ordnung der Dinge. Also für die Regelhaftigkeit der Verfahren, für die Abgrenzung von Kompetenzen, für das Denken in Institutionen, kurz: für eine Bürokratie im positiven Sinn, auch für Professionalität. „Man hat nur die Wahl zwischen ‚Bürokratisierung‘ und ‚Dilettantisierung‘ der Verwaltung“, hatte der Soziologe Max Weber einst formuliert.
Insofern steht die Mappe auch für eine Politikerin, die es mit dem Reformieren nicht übertrieb – jedenfalls so lange, wie sie den günstigen Moment für Veränderungen noch nicht gekommen sah. Auch das eint sie mit der älteren Wiener Monarchin. Maria Theresia gilt als eine Vertreterin des aufgeklärten Absolutismus, aber doch in einer maßvollen Ausprägung. Das unterscheidet sie von ihrem Sohn Joseph II., der die Abneigung seiner Mutter gegenüber allzu großer Disruption während deren langer Regierungszeit mit wachsender Ungeduld verfolgte. Als er endlich nach eigenem Gutdünken walten konnte, wollte er um jeden Preis den großen Sprung nach vorn. Das brachte ihn angesichts der gesellschaftlichen Beharrungskräfte bald an den Rand des Scheiterns. Die populärere Figur ist Maria Theresia geblieben.
