
Auf dem Markt für Bezahldienstleistungen könnte es zu erheblichen Veränderungen kommen. Paypal, einer der bekanntesten Bezahlspezialisten der Welt, ist zum Ziel eines Übernahmeversuchs geworden. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge haben der deutlich jüngere Wettbewerber Stripe und der Finanzinvestor Advent ein Kaufangebot in Höhe von mehr als 53 Milliarden Dollar für Paypal abgegeben. Wie die Chancen der beiden Interessenten sind, ist derzeit unklar. Paypal hat sich noch nicht zu dem Angebot geäußert.
Das Übernahmemanöver trifft Paypal in einer turbulenten Zeit. Das US-Unternehmen hat erst im Februar seinen Vorstandsvorsitzenden abrupt ausgewechselt. Alex Chriss gab den Posten nach nicht einmal zweieinhalb Jahren ab, an seine Stelle rückte Enrique Lores, der früher den Computerhersteller HP geführt hat. Paypal sagte damals zur Begründung, „die Geschwindigkeit der Veränderung und der Umsetzung“ liege unter den Erwartungen. Das Unternehmen kämpft vor allem in seinem traditionellen Kerngeschäft mit einer Abschwächung, dem Bezahlen mit Paypal für Onlineeinkäufe. Es sieht sich hier verstärktem Wettbewerb gegenüber, etwa den Bezahldiensten von Techkonzernen wie Apple und Google. Auch in Deutschland, seinem wohl wichtigsten Markt nach den USA, leidet Paypal unter zunehmender Konkurrenz.
Paypal wurde schon einmal verkauft
An der Börse hat Paypal in den vergangenen Jahren erheblich an Wert verloren. 2021 lag die Marktkapitalisierung einmal bei mehr als 350 Milliarden Dollar; derzeit sind es weniger als 50 Milliarden Dollar, trotz eines Kurssprungs von 17 Prozent nach Bekanntwerden des Übernahmeangebots.
Paypal wurde 1998 gegründet und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Das Unternehmen hieß zunächst Confinity, unter den Gründern war der deutschstämmige Peter Thiel, der sich später auch als Investor und Gründer des Softwareunternehmens Palantir einen Namen machte. Confinity verschmolz bald mit einem Unternehmen, das von Elon Musk mitgegründet wurde, dem heutigen Vorstandschef des Elektroautoherstellers Tesla und des Raumfahrtspezialisten SpaceX. Nach der Fusion wurde das Unternehmen in Paypal umbenannt. 2002 ging es an die Börse, und im selben Jahr wurde es für 1,5 Milliarden Dollar an den Onlinehändler Ebay verkauft. 2015 spaltete sich Ebay auf, seither ist Paypal wieder ein unabhängiges Unternehmen. Über viele Jahre hinweg wurde Paypal an der Börse deutlich höher bewertet als sein früherer Mutterkonzern. Heute liegt Ebay mit einer Marktkapitalisierung von rund 50 Milliarden Dollar wieder gleichauf.
Deutschland als Schwachpunkt
Stripe wurde erst 2010 von den beiden irischstämmigen Brüdern Patrick und John Collison gegründet und hat seinen Hauptsitz wie Paypal im kalifornischen Silicon Valley. Das Unternehmen ist noch nicht börsennotiert, es wurde zuletzt von Investoren mit 159 Milliarden Dollar bewertet, also weitaus höher als Paypal. Stripe konkurriert zwar auch mit Paypal, hat aber seinen Schwerpunkt anders als Paypal auf Unternehmenskunden, kommt also weitaus weniger mit Verbrauchern in Berührung. Das Unternehmen hat 2025 ein Bezahlvolumen von 1,9 Billionen Dollar abgewickelt, ein Zuwachs von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Paypal schaffte nur eine Steigerung von 7 Prozent auf 1,8 Billionen Dollar, wurde also von Stripe überholt.
Paypal hat zuletzt Deutschland ausdrücklich als Schwachpunkt hervorgehoben. Bei der Vorlage von Geschäftsergebnissen im Februar sprach das Unternehmen von einer „Normalisierung“ der langjährigen Position als Marktführer und verwies auf verstärkte Konkurrenz. Der neue Vorstandschef Lores hat im Mai gesagt, er habe Deutschland nach seinem Antritt besucht, um die Lage vor Ort besser zu verstehen.
Paypal gilt hierzulande als wichtigstes Zahlungsverfahren im Onlinehandel, gerät allerdings zunehmend unter Druck. Die European Payments Initiative (EPI) großer europäischer Banken zielt mit der Schaffung des Onlinezahlungsdienstes Wero (Kunstwort für We love Euro) auf eine Schwächung der US-Dominanz in europäischen Bezahlsystemen, namentlich Paypal, ab. Die Verbreitung von Wero in Deutschland und Europa stieg zuletzt deutlich. Viele Banken implementieren Wero kostenlos und einfach für alle ihre Kunden in ihren Apps, und der Geldtransfer zwischen Freunden und Familien geht ähnlich schnell und einfach wie mit Paypal. Im stationären Handel an den Ladenkassen waren Google Pay und Apple Pay deutlich schneller als Paypal. Und auch die forcierte Einführung eines digitalen Euros durch die Europäische Zentralbank (EZB) als Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Zahlungsdiensten zielt auf eine höhere Bedeutung europäischer Anbieter zulasten von US-Unternehmen wie Paypal.
Paypal-Chef Lores hat seit seinem Antritt einige Veränderungen angestoßen. Er hat das Unternehmen neu organisiert und in drei Geschäftsbereiche eingeteilt. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg plant er, in den kommenden Jahren 20 Prozent des Personals abzubauen. Der Übernahmeversuch von Stripe und Advent stellt ihn nun vor eine zusätzliche Herausforderung. Andrew Jeffrey, ein Analyst der Investmentbank William Blair, mutmaßte, Lores werde das Angebot nicht gutheißen und es vermutlich für zu niedrig halten.
Die Branche der Zahlungsdienstleister ist für Private Equity und speziell für Advent kein Neuland. In Deutschland erwarben Advent und Bain Capital im Jahr 2017 von einem Konsortium deutscher Banken den Anbieter Concardis, der heute zur italienischen Nexi gehört. Advent zählt die gesamte Branche der Finanztechnologieanbieter als Schwerpunkt in seinem Portefeuille auf. Vor zwei Jahren gab die Beteiligungsgesellschaft einmal an, in mehr als eineinhalb Jahrzehnten mehr als 6,6 Milliarden Dollar in 17 Zahlungsdienstleister und andere Fintechgesellschaften auf der Welt investiert zu haben. In Deutschland hielt Advent eine Zeit lang den Inkassobetreiber GFKL.
