
Was ein Kunstlehrer bewirken kann! Der jungen Anastasia Soare muss er früh vermittelt haben, welche Rolle die Augenbrauen für den Ausdruck spielen. So erzählt die heute 68 Jahre alte Unternehmerin es, wenn sie sich an die Nachmittagsstunden in der Kunstschule erinnert. „Es geht immer um die Proportionen“, sagt Anastasia Soare. „Wenn sie stimmen, nehmen wir jemanden als schön wahr. Im Kunstunterricht wurde mir damals klar, dass sich das steuern lässt: mit Farbe.“ Und sie schiebt hinterher: „Dunklere Töne, um Konturen zu kreieren, hellere, um Teile des Gesichts zu betonen.“
Anastasia Soares Idee für eine millionenschwere Beauty-Marke ist, wenn man so will, im Rumänien der Siebzigerjahre entstanden. Obwohl damals natürlich niemand auch nur annähernd an diese Möglichkeit gedacht hatte, wie sie im Videoanruf erzählt. „Das war ein kommunistisches Regime“, sagt sie. „Man ging zur Schule und musste die besten Noten haben. Mehr gab es nicht. Kein Fernsehen, denn alles, was lief, war Propaganda. Wir gingen in die Bücherei und lasen. Wir beschäftigten uns mit ganz anderen Dingen als Teenager heute.“
Erst mit 31 Jahren kommt Soare nach Amerika
Während des Gesprächs sitzt Anastasia Soare an ihrem Schreibtisch in Los Angeles. Vom Bildschirm aus sind im Hintergrund ein paar gerahmte Fotos zu sehen. Ob das die Bilder sind, auf denen sie mit Barack Obama und David Beckham zu sehen ist, wie das in früheren Texten über sie zu lesen war? Behandelt hat sie diese Männer zwar nicht, so steht es auch in den Texten. Aber deren Ehefrauen.
Ein drittes Fenster öffnet sich im Videoanruf. Zugeschaltet ist jetzt Anastasia Soares Tochter Claudia. „Auch von Los Angeles aus“, sagt sie nach der Begrüßung. „Aber von einem anderen Ort.“ Trotzdem arbeiten Mutter und Tochter, an diesem Tag wie an allen anderen, am gleichen Vorhaben. Es heißt Anastasia Beverly Hills, benannt nach der Gründerin.
Erst mit 31 Jahren konnte sie hinter dem Eisernen Vorhang hervorkommen, nach Amerika ausreisen und sich dort ein Leben als Kosmetikerin aufbauen. Dann kam Instagram, und mit der Bild-Plattform die Chance für Anastasia Beverly Hills, in die erste Liga der Kosmetik-Marken aufzusteigen. Mehr als 18 Millionen Accounts folgen der Marke auf Instagram. Wenn Anastasia Soare in ihren Reels spricht, schalten sich Zehntausende zu.
Im vergangenen Herbst ist in Amerika ihr Buch erschienen: „Raising Brows“. Die Blurbs, die Werbetexte auf der Rückseite, stammen in diesem Fall von Victoria Beckham, Jennifer Lopez, Oprah Winfrey und Kim Kardashian. Alle sind, wie zu erwarten, hymnisch. Und zum finanziellen Hintergrund: Forbes bewertete das Unternehmen vor drei Jahren mit gut 500 Millionen Dollar.
„Vielleicht wäre ich niemals gegangen“
Der Kunstunterricht damals als Schülerin in Rumänien hat sich also gelohnt. Wie auch der Kosmetik-Kurs, den Anastasia Soare in Vorbereitung auf ihre Ausreise in Zeiten, da ihr Heimatland noch unter dem Regime von Nicolae Ceausescu stand, vorsorglich belegte, um im neuen Land arbeiten zu können. Zuvor hatte sie in Rumänien Ingenieurwesen studiert, fünf Jahre lang. „So musste man das machen. Nach der Universität aber war mir klar, dass ich nicht auf dem kalten Feld arbeiten werde, um Gebäude zu errichten. Die Winter in Rumänien sind hart.“
Stattdessen stieß sie zu ihrer Mutter, die in einem Atelier Kleider fertigte. Sie lernte einen Mann kennen, der als Schiffskapitän viel unterwegs war und im Jahr 1986 dann gar nicht mehr zurückkehrte. In Italien ging er von Bord und beantragte politisches Asyl bei der amerikanischen Botschaft. Einige Monate später konnte er in die USA ausreisen. Anastasia Soare und ihre kleine Tochter Claudia blieben zurück. Zweieinhalb Jahre lang. Während es für Anastasia Soare unmöglich gewesen wäre, Englisch zu lernen, konnte sie immerhin mit dem Kosmetik-Kurs Vorkehrungen für eine Existenz im neuen Land treffen. Dafür musste sie nicht perfekt Englisch sprechen. 1989 durften sie ausreisen, vier Monate vor den Demonstrationen, die dann die Revolution herbeiführten. „Wenn ich vier weitere Monate gewartet hätte, wer weiß, vielleicht wäre ich niemals gegangen.“
„Ich hätte damals genauso gut auf dem Mond landen können“
Soare erinnert sich genau an den Tag, an dem ihr zweites Leben begann, wie sie es nennt. „Es war der 29. Juli, es war sonnig, und die Palmen sahen wunderschön aus. Zugleich war das Ankommen ein Schock. Ich beherrschte die Sprache nicht und kannte niemanden. Auf einmal wurde mir klar: In Rumänien hast du diese große Familie gehabt, die dich im Leben unterstützt.“ Man hört Soare an, dass sie die vergangenen 37 Jahre in Amerika verbracht hat. Und dass sie zuvor 31 Jahre lang woanders gelebt hat. „Heute haben die Leute Social-Media-Konten, und sie verreisen. Ich hätte damals genauso gut auf dem Mond landen können, die Überforderung wäre nicht größer gewesen.“
Anastasia Soare muss sich trotzdem schnell zurechtgefunden haben in diesem fremden Teil der Erde. Sie begann bei einer Rumänin im Schönheitssalon, und als diese ein Kind bekam, konnte Soare drei Monate lang ihre Vertretung übernehmen. „Der Besitzer mochte mich, fast zwei Jahre konnte ich dort bleiben und arbeiten.“ Schon damals fiel ihr auf, dass Amerikanerinnen sich oft um alle möglichen Teile ihres Körpers kümmern, aber nicht um ihre Augenbrauen. „In Rumänien zupften Kosmetikerinnen immer vor der Gesichtsbehandlung. Hier durfte ich den Brauen der Klientinnen nicht näherkommen.“
Nach Oprah steht das Telefon nicht mehr still
In diesen Momenten dachte sie immer wieder an ihren Kunstlehrer, der damals erklärt hatte, wie wichtig Brauen für den Ausdruck von Emotion seien. „Ich war selbst ein Opfer meiner Zeit und hatte mir die Brauen überzupft.“ So war es damals Mode. Zu Hause begann sie, auf Basis des Goldenen Schnitts zu ermitteln, wie ihre eigenen Brauen aussehen sollten. „Es gab keine Produkte, also vermischte ich Vaseline, Lidschatten und Aloe Vera und kaufte im Kunstbedarfshandel Pinsel. So ging das los.“ Es habe Jahre gedauert, bis die Frauen ihr zuhörten. Dass sie es dann doch taten, wird an drei schönen Fügungen gelegen haben.
Die erste: Sechs Monate, nachdem Anastasia Soare 1997 ihren eigenen Salon in Beverly Hills eröffnet hatte, kam Cindy Crawfords Modelagentin vorbei. Sie muss so überzeugt gewesen sein von der Arbeit dieser Frau, dass sie kurz darauf einen Van vorbeischickte, darin unter anderen einige der damals offiziell schönsten Frauen der Welt, die Supermodels, Naomi Campbell, Stephanie Seymour, Cindy Crawford. Michelle Pfeiffer, Faye Dunaway und Jennifer Lopez folgten – allein im ersten Jahr.
Dann kam Oprah Winfrey vorbei, die zweite schöne Fügung. „Sie ist die Ur-Influencerin“, sagt Soare. Wen oder was Oprah Winfrey in ihrer Sendung empfiehlt, wird mit großer Zuverlässigkeit zum Hit. 1998 war das Anastasia Beverly Hills, so der Name des Salons. „Das war, als hätte ich einen Oscar gewonnen. Das Telefon stand sechs Monate lang nicht mehr still.“
Instagram ermöglichte den Weg in die Make-up-Welt
Die dritte schöne Fügung ereignete sich dann erst in den frühen Zehnerjahren. Die Nuller waren die Zeit gewesen, in der aus Anastasia Beverly Hills eine Marke wurde. Sie machte sich bekannt als Frau für die Augenbrauen, sie zupfte und verkaufte entsprechende Produkte, viele Produkte. Und zugleich stieß sie mit ihrer Nische an natürliche Grenzen. „Die Händler ließen Anastasia nicht Richtung Make-up vorstoßen“, sagt Claudia Soare, die Tochter, die ihre Mutter beim Vornamen nennt, statt Mama zu sagen. „Außer Brauen war nichts zu bewegen. Und für einen großen Aufschlag hatten wir kein Budget.“
Im Jahr 2012, Instagram war gerade von Facebook gekauft worden und wurde bekannter, wendete sich Claudia Soare, damals in ihren Zwanzigern, Social Media zu, im Namen der Marke ihrer Mutter. „Dort lancierten wir unsere Produkte und verschickten Neuheiten an Leute, heute würde man sagen Influencer, die vor der Kamera schöne Looks entwarfen“, sagt die Tochter. Das sparte Kosten und brachte der Marke zunehmend Reichweite – denn jeder Post, in dem ihre Marke vorkam, wurde von ihnen repostet.
Erst die Supermodels, dann Oprah Winfrey und schließlich die Influencerinnen verhalfen Anastasia Soare also zum Erfolg. Und natürlich der Kunstlehrer in Rumänien.
