Es gab in Paris in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts einige wohlhabende Exil-Amerikanerinnen, die literarische Salons führten: Nathalie Barney in der Rue Jacob 20, Edith Wharton in der Rue de Varenne 52, Gertrude Stein in der Rue de Fleurus 27. Diese „Frauen von der Left Bank“, wie sie in der Kulturgeschichte genannt werden, waren literarische Vermittlerinnen und Mäzeninnen ─ keine indes so folgenreich wie Gertrude Stein, die für jene nach dem Ersten Weltkrieg in Europa gestrandeten amerikanischen Schriftsteller den Begriff „lost generation“ – verlorene Generation – prägte.

Stein, die selbst sich 1904 in Paris niedergelassen hatte, war für ihre Sammlung avantgardistischer Kunst und vor allem für ihre literarischen Experimente, in denen sie mit narrativen und sprachlichen Konventionen brach, berühmt. Denn sie hatte schon in „Drei Leben“ (1909) und seit 1913 in literarischen Porträts einen Weg zwischen Erzählung und Beschreibung erprobt und im Gerundium, der „ing“-Form eines Verbs, ein Tempus gefunden, das Handlung ausdrückt und Stillstand suggeriert – und das ihr Markenzeichen werden sollte.
Noch radikaler ging Stein in den Beschreibungen vor, die sie in dem Band „Zarte Knöpfe“ 1914 veröffentlichte. Schon der Titel, in dem zwei banale Wörter scheinbar sinnlos zusammengeführt werden, wirkt befremdlich. Denn Stein wollte im sprachlichen Unbehagen neue Ausdrucksmöglichkeiten aufdecken.
Wenbn die Sprache selbst bzum Stoff wird
Der Band hat drei gleichlange Teile: „Gegenstände“ (objects) aus 58 separaten Stücken mit je eigenem Titel; „Essen“ (food) mit einer Inhaltsangabe und 51 ebenfalls einzeln betitelten Stücken; „Räume“ (rooms), nur in Absätze unterteilt. Die Texte entziehen sich einer Gattungszuordnung: Es sind freie Verse, Prosagedichte, Kurzessays, deren Kohärenz assoziativ entsteht, Beschreibungen von Alltagsgegenständen, von Lebensmitteln und Speisen, von Räumen und Landschaften – sprachliche Stillleben, manchmal einen einzigen Satz kurz, manchmal eine Seite lang. Darin wollte Stein eine eigene Form von sprachlicher Abstraktion schaffen: eine spröde, gewollt einfache Sprache mit rhythmischen Wiederholungen. Ein Objekt oder eine Speise oder ein Raum wird nicht in herkömmlicher Manier beschrieben, sondern durch Assoziationen, Klänge und Wortkombinationen gewissermaßen neu erfunden – Sprache selbst wird zum literarischen Material.
Wie die Kubisten, die das inhaltliche und perspektivische Zentrum eines Gemäldes abschaffen wollten und alle Teile des Bildes als gleichbedeutend ansahen, gestaltete Stein ihre Texte sprachlich und inhaltlich mit gezielter Gleichmäßigkeit: Sie schuf kubistische Wortgebilde, die in ihrer Vielschichtigkeit den kubistischen Farbgebilden ähnelten. Und wie die Kubisten, die die gewöhnlichen Sehgewohnheiten aufbrechen wollten, wollte Stein der Sprache neue Bedeutungsebenen abgewinnen.
Tatsächlich waren Steins Stillleben ein Experiment, das die moderne Literatur nachhaltig geprägt hat: Surrealismus, Dadaismus, konkrete Poesie, postmoderne Prosa lassen sich auf den „steinigen Stil“ zurückführen. Deshalb gilt Gertrude Stein als „Mutter der Moderne“.
