
Die schwarz-rote Koalition steuert auf eine Zäsur in der Altersvorsorge zu. Die ergänzende geförderte private Variante lässt künftig eine freiere Geldanlage zu. Das ist schon beschlossen. Auf den Weg gebracht ist auch eine Frühstartrente für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren, für die Geld am Kapitalmarkt angelegt werden soll. Schließlich geht die Regierung das Wagnis ein, erstmals seit Bismarcks Zeiten einen Teil der gesetzlichen Rentenversicherung kapitalgedeckt zu gestalten.
Mit diesen drei separaten Reformen wird den Finanzmärkten zusätzlich sehr viel privates Kapital bereitstehen. Für das Standarddepot in der dritten (privaten) Säule wurde zudem ein Kostendeckel vereinbart. Das folgt der Logik, die sich im vergangenen Jahrzehnt unter Anlegern durchgesetzt hat: Sie schließen sich einer Neobroker-Plattform an, investieren in kostengünstige Indexfonds (ETF) und in kleinerem Ausmaß in Einzeltitel.
Dieses Geld fließt zu großen Teilen an Unternehmen mit der stärksten Marktkapitalisierung. Diese sitzen überwiegend in den Vereinigten Staaten. Besonders hohe Kursgewinne haben in den vergangenen Jahren Technologie-Werte eingefahren, von denen einige nach der politischen Wende der „Make America Great Again“-Bewegung Donald Trump nahestehen. Nachhaltigkeit ist so zu einem Wert geworden, für den viele Unternehmen nicht mehr offensiv öffentlich eintreten.
Der Geldfluss könnte europäische Werte schwächen
Für viele Finanz-Fachleute stellt sich nun die Frage, ob das neue Altersvorsorgegeld ungesteuert in den Kapitalmarkt fließen soll – oder ob zumindest der Weg zu europäischen Unternehmen, zu ehrgeizigen Gründern und zu Unternehmen mit hohem Ambitionsniveau im Hinblick auf Nachhaltigkeit geebnet werden sollte. Dabei haben sie keine starren Vorgaben im Sinn. Quoten für Wagniskapital und eine Ausrichtung an der Wirtschaftsleistung statt an der Börsenkapitalisierung werden diskutiert.
Der Analyst Carsten Zielke stellt zur Diskussion, ob beabsichtigte Kapitalerträge mit einer europäischen Werthaltung verknüpft werden sollten. „Wir sind schon der größte Kapitalgeber für die USA. Es ist wichtig, unsere Werte zu verteidigen“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Zielke Research GmbH. Diese Aussage bezieht er erstens darauf, dass Unternehmen transparent machen sollen, welche Finanzrisiken aus ihren Aktivitäten gegenüber der Umwelt erwachsen und wie stark sie selbst von Klimarisiken betroffen sind. Zweitens befürchtet er, dass mit europäischem Geld US-amerikanische Unternehmen gestärkt werden, die Verbraucherschutz als hinderlich bekämpfen.
Die Konzentration der Kapitalanlage werde durch den Kostendeckel im Standarddepot unterstützt. Das erschwere den meisten Anlagekonzepten außer ETF, berücksichtigt zu werden. „ETF aber bilden nur den Index ab, damit werden Indexgewichte stärker“, sagt Zielke. „Die Gefahr einer Blase wächst.“ Eine hohe Kursdynamik von Unternehmen, die von Künstlicher Intelligenz profitieren, kann eine Blasengefahr auslösen.
Zu starke Vorgaben wirken sich negativ auf die Rendite aus
Dabei sollen die neuen Altersvorsorgefonds nach Möglichkeit nicht ihre eigenen Renditeaussichten schmälern. „Die Anlage zu beschränken auf nur deutsche oder nur europäische Unternehmen, erschiene mir ungewöhnlich“, sagt Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. In Deutschland gebe es keine Kapitalknappheit. Fließe das Geld nur an Unternehmen, um den Standort zu fördern, dürfte das die Rendite schmälern. „Für die Riester-Rente war immer hinderlich, dass falsch verstandene Garantiekriterien gesetzt wurden“, sagt er. Das brachte Produktgeber davon ab, hohe Renditen zu erwirtschaften.
Besonders intensiv für eine völlige Freiheit der Kapitalanlage setzt sich die deutsche Fondsbranche ein. „Wir sehen in der Rendite das oberste Ziel“, sagt Bastian Hammer, Leiter Steuern und Altersvorsorge des Fondsverbands BVI. Würden Investitionen in Europa privilegiert, senke das den Druck auf die Bundesregierung zu reformieren. Das Geld suche sich immer den Weg zur attraktivsten Anlage. „Es braucht Reformen, die die Wachstumsaussichten stärken“, sagt er. Dabei müsse es Anlegern offen stehen, wo sie Chancen witterten. Politische Vorgaben sollten aus dem Markt herausgehalten werden. „Denn sonst diskutieren wir in Talkshows, wo wir investieren dürfen. Das macht es nicht einfacher.“
Dabei zeigt sich ein Paradox: Obwohl Privatanleger in den vergangenen Monaten weniger in Nachhaltigkeitstitel investiert haben, nimmt ihre Präferenz in Umfragen zu. Das hat zuletzt Christian Klein nachgewiesen: In einer Umfrage zum neuen Standarddepot hat der Professor für Sustainable Finance der Universität Kassel mit Partnern 1726 Menschen, die schon am Markt investieren, nach der Altersvorsorge-Reform befragt. Drei Viertel waren offen dafür, ein Altersvorsorgedepot zu nutzen. Zwei Drittel fänden es gut, wenn Geldanlagen mehr staatliche Förderung erhielten, die Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Ein ebenso hoher Anteil wollte aber selbst entscheiden, ob ihr Produkt Nachhaltigkeit einbezieht.
Einfache Ausschlusskriterien könnten ein Ansatz sein
In diese Richtung weisen auch die Empfehlungen von Silke Stremlau. Sie war in der vergangenen Legislaturperiode Vorsitzende des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung und ist inzwischen Geschäftsführerin der Denkfabrik Finance for Transition. Sie rät, für staatlich gefördertes Kapital einige wenige Ausschlusskriterien zu definieren, wie es etwa auch der staatliche Atomvorsorgefonds Kenfo tut – nicht aber eine unübersichtliche Zahl von Kriterien. Deutschland sei an den Pariser Klimavertrag gebunden. „Wir sollten keine Wirtschaft finanzieren, die dieses Ziel konterkariert, auf das wir uns weltweit geeinigt haben.“
Der Investitionsbedarf in die Wirtschaft, aber auch in soziale Einrichtungen wie Schulen und Pflegeheime sei erheblich. Die Untersuchung der Universität Kassel belege, dass Nachhaltigkeit kein gesellschaftlich spaltendes Thema sei. Zunehmend werde deutlich, dass Klimaresilienz für Unternehmen finanziell nützlich sei. Nachhaltigkeit sei also gut für die Rendite. „Wer Klimarisiken beachtet, erfüllt auch eine Risikomanagementfunktion“, sagt sie. Banken zum Beispiel berücksichtigten die Hitzebeständigkeit und die Dämmung von Immobilien, um ihren Wert zu bestimmen. „Leider wird wieder das alte Spiel gespielt: Es wird behauptet, Nachhaltigkeit sei nur etwas für gute Zeiten.“
Es sei gut, dass Anleger näher an die Investmentklasse Aktie herangeführt würden, sagt Analyst und Berater Carsten Zielke. Doch müsse verhindert werden, dass sich wie zu Zeiten des Neuen Markts und der Telekom-Privatisierung vor der Jahrtausendwende neuer Frust einstelle. Unternehmen, die effiziente Klimaanlagen und Wärmepumpen entwickelten, seien positiv.
Soll der Staat klären, wohin das Geld fließt?
Dafür wünsche er sich zwei Dinge: Der von einer Arbeitsgruppe des Deutschen Instituts für Normung (DIN) entwickelte Standard zum Ausweis nachhaltiger Anlagen solle verbindlich werden. Und ein geringer, aber fester Anteil der Investitionen solle für Unternehmen in Europa reserviert werden. „Jeder soll für sich selbst entscheiden, wie sich der Kuchen zusammensetzt. Aber man muss die Zutaten kennen“, sagt Zielke.
Anfang kommenden Jahres geht es los mit Standard- und Altersvorsorgedepot. Über Durchführungsbestimmungen kann auf diese Fragen noch Einfluss genommen werden. In der Politik, die sich lange mit der Grundsatzfrage „Aktie oder nicht“ aufgehalten hat, gibt es noch keine Meinungsbildung, ob der Staat klären soll, wohin das Geld fließt. In dieser Hinsicht ist die Klimaunion, also die Gruppe der Klimabewegten in der CDU/CSU, am weitesten.
„Risikomanagement ist für die langfristige Rendite entscheidend. Investitionen in neue fossile Infrastruktur, deren Lebenszyklus nicht mit der geltenden Rechtslage wie dem Pariser Klimaabkommen im Einklang steht, bergen ein hohes Stranded-Asset-Risiko“, sagt Geschäftsführer Berthold Schilling. Ein staatsgetriebenes System aber lehnt er ab. „Wir glauben nicht an feste Quoten“, sagt er. Besser seien Ausschlusslisten, wie sie die Staatsfonds skandinavischer Länder wie Norwegen, Schweden und Dänemark definieren.
