
Kurzer Blick auf die Ticketpreise für das Spiel der Washington Capitals gegen die Pittsburgh Penguins am 10. April nächstes Jahr. Los geht es bei rund 700 Euro, da sitzt man allerdings oben unterm Dach. Für ein Plätzchen im Unterrang werden auch schon mal 3000 Euro und mehr aufgerufen. Eigentlich ist das nur eins von 1344 Hauptrundenspielen in der aktuellen Saison der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL.
Aber sollte der Klub aus der US-Hauptstadt die Play-offs verpassen, wird es das letzte Mal sein, dass Alexander Owetschkin in Washington Eishockey spielt. Am Montag kündigte der russische Flügelstürmer seinen Rücktritt zum Saisonende an. „Ich liebe dieses Spiel so sehr, aber tief in meinem Herzen weiß ich, dass es die richtige Entscheidung ist.“
Überraschend kommt das bei einem 41-Jährigen natürlich nicht, aber es wird dennoch ein Einschnitt. Man kann sich die NHL ohne Owetschkin ja gar nicht mehr vorstellen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt er die Liga, ist er einer der wenigen, die auch außerhalb der Eishockey-Blase als Superstars gelten, weltweit Menschen vor die Bildschirme locken und Zehntausende Trikots verkaufen.
Owetschkin prägt eine Eishockey-Nation
2025 brach er gar einen Rekord, den die Fachwelt für einen für die Ewigkeit hielt: die 894 Hauptrundentore von Wayne Gretzky, mittlerweile steht Owetschkin bei 929. Zwar hält Gretzky noch den Rekord für Tore in Hauptrunde und Play-offs zusammen (1016), aber auch da ist ihm Owetschkin (1006) auf den Fersen. Und selbst wenn das nicht mehr klappen sollte, gilt er als bester Torjäger, der je eine Eisfläche betreten hat.
Neunmal war er NHL-Torschützenkönig, selbst mit Ende dreißig knackte er noch mal die 50-Tore-Marke in einer Saison. Dazu war er dreimal wertvollster Spieler (MVP) in der Hauptrunde und einmal in den Play-offs. 2018 gewann er den Stanley Cup. Spätestens da lag ihm die US-Hauptstadt zu Füßen. „Er hat DC im Alleingang in einen Eishockeymarkt verwandelt“, hat sein ehemaliger Mitspieler Jeff Halpern mal gesagt.
Als Ted Leonsis, der damalige Manager des Softwareunternehmens AOL, die Capitals 1999 kaufte, zahlte er 85 Millionen Dollar (rund 152 Millionen Euro heute); laut dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“ waren sie 2025 stolze 2,55 Milliarden wert (rund 2,2 Milliarden Euro). Heute spielen auch fast doppelt so viele Menschen im Großraum Washington Eishockey wie vor 20 Jahren. Das alles liege an Owetschkin. Der frühere Capitals-Manager George McPhee nannte ihn mal „das Beste, was diesem Klub je passiert ist“.
„Nur ein Sportler, kein Politiker“
Zu einem anderen Thema schweigen sie in der NHL aber am liebsten: Owetschkins Verhältnis zu Wladimir Putin. Der Eishockeystar gilt als einer der glühendsten Unterstützer des russischen Präsidenten. Schon früh in seiner Karriere prahlte er damit, die Privatnummer des Autokraten zu haben. 2014 widmete er ihm den WM-Titel, nach der Annektierung der Krim unterstützte Owetschkin ihn auch in den sozialen Medien. Vier Jahre später startete er vor der Präsidentschaftswahl gar eine eigene Kampagne mit dem Namen „Putin Team“. Weswegen ihn Tschechiens Torwartlegende Dominik Hašek nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 „Hühnerscheiße“ nannte. Owetschkin musste reagieren, aber viel kam nicht: „Bitte, kein Krieg mehr“, stammelte er. Er sei aber „nur ein Sportler, kein Politiker“.
Auf diese einfache Formel zog er sich auch kürzlich wieder zurück. Der angeblich unpolitische Owetschkin war vor der Wahl zur Staatsduma in einem Werbespot für die Partei „Einiges Russland“ aufgetreten, stand da in einer Reihe mit Außenminister Sergej Lawrow. Und diesmal war die Kritik in Nordamerika deutlich lauter als früher. Selbst Capitals-Manager Chris Patrick sprach von einer „schwierigen Situation; ich verstehe, warum die Leute verärgert sind“. Echte Kritik oder gar Konsequenzen gab es allerdings nicht. Zurück in Washington wich auch Owetschkin selbst den Fragen aus. „Ich bin voller Frieden und Liebe und hoffe, dass alles gut wird“, sagte er und ergänzte: „Ich bin Russe und stehe zu meinem Land.“ Er werde nach der Karriere wieder dort leben.
Bis dahin stehen noch mindestens 83 NHL-Spiele an. In denen wird Owetschkin sicher noch ein paar Tore schießen und wahrscheinlich noch einen Rekord brechen. Danach wird er sich zurückziehen – als bester Torjäger der Eishockeygeschichte. Aber überall geliebt wird er längst nicht mehr. All die Erfolge sind unweigerlich mit Wladimir Putin und den Opfern seiner Politik verbunden.
