
Im sechsten Jahrhundert verheerte sie die Mittelmeerwelt und machte Kaiser Justinians Ambitionen zunichte, das römische Weltreich wiederherzustellen. In der Mitte des 14. Jahrhunderts tötete sie innerhalb weniger Jahre rund die Hälfte der Einwohner Europas. Und noch im 17. Jahrhundert suchte die Pest europäische Metropolen wie Rom, London oder Wien heim. Ohne die von dem Bakterium Yersinia pestis verursachte Infektionskrankheit wäre die Geschichte völlig anders verlaufen.
Aber wo und unter welchen Umständen nahm dieses Unheil seinen Anfang? Anhand menschlicher Backenzähne aus bereits in den Achtzigerjahren erfolgten Ausgrabungen westlich des Baikalsees in Sibirien sind Forscher auf die Opfer des frühesten bisher bekannten Ausbruchs der Pest gestoßen.
Wie Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen und Mitautoren in Nature berichten, identifizierten sie in Funden aus vier Gräberfeldern entlang des in den Baikalsee mündenden Flusses Angara insgesamt 18 von 42 Bestatteten als Pestopfer. Ihre Überreste wiesen erhebliche Mengen Erbmaterials des Erregers Yersinia pestis auf, und ihre Verwandtschaftsgrade deuten auf Ansteckungen in kleinen Familiengruppen hin. Zudem muss es zwei Ausbrüche gegeben haben, einen vor knapp 5500 Jahren und einen weiteren einige Jahrhunderte später.
Die Vertreibung aus dem Mesolithikum
Das Erstaunliche: Damals lebten die Menschen am Baikalsee noch in kleinen mobilen Gruppen als Jäger und Sammler und hatten auch keine Kontakte zu neolithischen Bauern im westlichen Eurasien. Die Entdeckung stellt daher die verbreitete Theorie infrage, Infektionskrankheiten im Allgemeinen und die Pest im Besonderen hätten sich erst unter den Bedingungen einer sesshaften, agrarischen Lebensweise ausbreiten können.
Denn nach unseren heutigen Vorstellungen lebten die eurasischen Jäger und Sammler der sogenannten mittleren Steinzeit in einem ökologischen Paradies: Frei zogen sie in winzigen Gruppen durch unberührte offene Waldlandschaften voller Wild und Haselnüssen und entlang einer Unzahl fischreicher Gewässer, die das Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher hinterlassen hatte. Die Auswirkungen der Sesshaftigkeit glichen dann den Folgen eines Sündenfalls: Die Populationen wuchsen und drängten sich in Höfen oder im Inneren von Palisadenwällen, mit denen die Menschen ihre agrarischen Überschüsse vor Feinden zu verteidigen suchten.
Tatsächlich kamen die bislang ersten Hinweise für Epidemien aus Funden jungsteinzeitlicher Bauern aus der Zeit vor 5300 bis 4900 Jahren. Doch paläogenetisch nachzuweisen ist der Erreger der gefürchteten Beulenpest erst bei Menschen, die vor rund 4700 bis 2400 Jahren lebten. Zu diesem Zeitpunkt scheint Yersinia pestis über das Gen verfügt zu haben, das ihm das Überleben in Flöhen als Zwischenwirten auf dem Weg von Nagetieren zum Menschen ermöglichte. Früherer DNA des Bakteriums, die bei nur einer Handvoll vor rund 5000 Jahren verstorbener Menschen in Schweden und Litauen nachgewiesen wurde, fehlt dieses und ein anderes zur Virulenz beitragendes Gen, weswegen vermutet wurde, die Krankheit könnte erst in der späteren Jungsteinzeit so gefährlich geworden sein.
Kinder waren besonders betroffen
Doch dem widerspricht die neue Studie nun deutlich. „Wir haben hier den ersten Ausbruch der Pest vor uns, der bislang bekannt wurde“, sagte Eske Willerslev auf einer von Nature organisierten Presseveranstaltung. „Das passierte nur wenige Jahrhunderte nachdem der letzte gemeinsame Vorfahr aller bekannten Stämme von Pesterregern entstanden war.“ Der Erreger, der damals am Baikalsee wütete, war tödlich, insbesondere für Kinder und junge Menschen. „Unsere Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass die Pest unter Jägern und Sammlern in Zentralasien entstand.“
Aufgefallen war den Forschern zunächst ein ungewöhlich hoher Anteil von Kindern auf einem der vier Fundorte, dem Gräberfeld von Ust’-Ida I, wo Jäger und Sammler über viele Generationen ihre Toten bestatteten. „Dafür hatten wir zunächst keine Erklärung“, sagt Ruairidh MacLeod von der Universität Oxford, einer der Koautoren der Studie. „Es gab keine Hinweise auf Gewalteinwirkung, keine Traumata an den Skeletten oder Ähnliches. Zugleich zeigten die Radiocarbon-Daten, dass dieses Massensterben innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne erfolgt sein muss.“ Als man versuchte, dem Rätsel durch paläogenetische Untersuchungen auf die Spur zu kommen, stieß man auf starke Signale von Yersinia pestis, erklärt MacLeod. „Das war eine totale Überraschung“.
Übertragung in der Pflege durch die Familie
Wichtig war auch der Nachweis eines Gens namens YPM in dem frühen Pesterreger, das zur Bildung eines Toxins führt, auf das Kinder besonders empfindlich reagieren, erklärt Koautorin Astrid Iversen, die sowohl in Kopenhagen und Oxford forscht. Allerdings fehlte der frühen Pest am Baikalsee die Fähigkeit, sich in Flöhen einzunisten, die dann von Ratten zu den Menschen getragen werden. Es handelte sich also noch nicht um klassische Beulenpest, die erst mehr als tausend Jahre später nachweisbar ist. Die Übertragung erfolgte wohl wie bei der heutigen Lungenpest durch Tröpfcheninfektion.
Nagetiere waren aber trotzdem beteiligt, allerdings keine Ratten, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit Murmeltiere. „Die haben eine sehr lange gemeinsame evolutionäre Geschichte mit dem Pesterreger“, sagt MecLeod. „Daher gelten sie als die Art, in der sich das Pestbakterium zuerst entwickelte.“ Noch heute komme es vor, dass sich Hirten in Zentralasien an Murmeltieren anstecken, an der Pest erkranken und auch sterben. Die Jäger und Sammler am Baikalsee hatten nun ebenfalls viel mit diesen Nagetieren zu tun. So gaben sie etwa ihren Toten Schmuck aus Murmeltier-Schneidezähnen als Grabbeigaben mit.
Die geographische Verteilung und die Verwandtschaft der Toten auf den Gräberfeldern am Baikalsee lasse aber darauf schließen, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch, vermutlich von Erkrankten auf unmittelbare Familienmitglieder, die sie zu pflegen versuchten, bei den beiden mesolithischen Ausbrüchen dort die Hauptrolle spielte. „Das passt alles besser zu einer Übertragung vom Mensch zu Mensch als zu einem Szenario, in dem alle diese Leute einmal zusammentrafen und dasselbe infizierte Murmeltier gegessen haben.“
Die neue Studie stützt damit einerseits alte Vermutungen, räumt aber gleichzeitig mit der Vorstellung auf, erst Landwirtschaft und Sesshaftigkeit hätten die Infektionskrankheiten über die Menschheit gebracht. „Ich habe in der Schule noch gelernt, es sei die neolithische Revolution gewesen, die Einführung der Landwirtschaft, die unsere Zivilisation hervorgebracht hat“, erinnert sich Eske Willerslev. „Dann hat sich der Wind in den letzten Jahren gedreht: Autoren wie Yuval Noah Harari in seinem Bestseller ‚Sapiens‘ schufen ein neues Narrativ, dem zufolge es das Neolithikum gewesen sei, das uns alles Schlechte gebracht habe: all die Lifestyle-Gebrechen und nicht zuletzt die Seuchen. Demgegenüber sei die Zeit der Jäger und Sammler ein irgendwie reineres Zeitalter voller gesunder Menschen gewesen. Nun stellt sich heraus: Ein Jäger und Sammler zu sein, war auch nicht so einfach.“
