
Was ist eine „Biotreppe“? Wer es wissen will, kann das nagelneue Wort im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) aufrufen. Dort findet man erste Verwendungsbeispiele und erfährt, dass die Bezeichnung für einen Mechanismus steht, „der ein stufenweises Anheben des Anteils CO₂-neutraler Brennstoffe an der Gesamtheit der für das Heizen verwendeten fossilen Brennstoffe vorsieht“. Schon etwas länger in der klimapolitischen Sprachlandschaft herrscht die „Dunkelflaute“, die im DWDS seit 2013 belegt ist. Nicht nur über diese Wortzusammensetzung, sondern auch über ihre altehrwürdigen Bestandteile kann man etwas erfahren: So geht „dunkel“ auf eine Wurzel zurück, die „dampfen“ und „rauchen“ bedeutet, während die „Flaute“ einem Verb mit der Bedeutung „welken“ und „fahl werden“ entsprossen ist. Zum Sachverhalt, den die „Dunkelflaute“ bezeichnet, passt das fahle Licht, das die Etymologie auf das Wort wirft, also bestens.
Das DWDS, angesiedelt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, führt zurzeit 270.000 Stichwörter auf. Es verzeichnet mehr als sieben Millionen Aufrufe pro Monat und hat sich seit seinem Start 1998 zu einem Flaggschiff unter den Wörterbüchern des Deutschen entwickelt. Dies auch deshalb, weil es nicht nur orthographische und detaillierte semantische Angaben zum heutigen Wortschatz liefert, sondern darüber hinaus Informationen zur Geschichte vieler Ausdrücke. Sie stammen aus einer Reihe historischer Wörterbücher – unter ihnen das der Brüder Grimm –, die mit dem DWDS-Portal verknüpft sind.
Diese Basis soll jetzt massiv verbreitert werden. In den nächsten Jahren wird ein Wörterbuch-Portal entstehen, das dem Nutzer neben aktuellen gegenwartssprachlichen Informationen die ganze Fülle des Wortschatz-Wissens eröffnet, das die Forschung seit den Zeiten der Brüder Grimm zum Germanischen, Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutschen zusammengetragen hat. Doch nicht nur die sprachgeschichtliche Komponente wird ausgebaut. Auch die deutschen Mundarten und die Regionalsprache Niederdeutsch halten Einzug in das neue Digitalwörterbuch – eine entscheidende Erweiterung gegenüber dem DWDS in seiner jetzigen Form, das auf die Standardsprache beschränkt ist. Wer wissen will, wie ein standarddeutscher Ausdruck auf Thüringisch, Moselfränkisch oder in pommerschem Plattdeutsch heißt, wird im künftigen ADL-Portal Auskunft erhalten. Berücksichtigung findet der gesamte deutschsprachige Raum einschließlich von Sprachinseln, wie sie zum Beispiel in Rumänien oder Ungarn existieren. Eingebunden wird über Video- und Bilddaten auch die Deutsche Gebärdensprache, die etwa 200.000 Menschen nutzen.
Renaissance der Lexikographie
Den organisatorischen Rahmen dieses groß angelegten Vorhabens bildet das „Akademienzentrum Digitale Lexikographie des Deutschen“ (ADL), dessen Einrichtung die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern kürzlich beschlossen hat. Getragen wird das ADL von acht deutschen Wissenschaftsakademien, deren vielfältige Wörterbuchprojekte zu den Dialekten und den unterschiedlichen Sprachstufen des Deutschen die Basis bilden. Die meisten dieser Wörterbücher wurden im 19. oder frühen 20. Jahrhundert begonnen, existierten also ursprünglich nur in Papierform. Eine Voraussetzung für die Arbeit des ADL ist die Digitalisierung dieser Werke. Sie ist in vielen Fällen schon weit fortgeschritten. Die Herausforderung besteht darin, die sehr unterschiedlichen Forschungsdaten der bislang weitgehend unabhängig voneinander arbeitenden Wissenschaftlerteams nach einheitlichen Kriterien aufzubereiten und zu verknüpfen. Eine komplette Integration aller Daten in ein einheitliches Format soll es allerdings nicht geben. Vielmehr werden die Nutzer über ein Einstiegsportal die Informationsangebote der unterschiedlichen Akademien je nach Bedarf abrufen können. Federführend beim Aufbau der dafür notwendigen digitalen Infrastruktur ist die Berlin-Brandenburgische Akademie.
Sie wird auch wie bisher für die lexikographische Dokumentation der sich dynamisch entwickelnden Gegenwartssprache zuständig sein. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz, der in der gesamten Wörterbucharbeit an Bedeutung gewonnen hat, spielt hier eine besonders wichtige Rolle. Das liegt zum einen an den immer größer werdenden Textmengen, die zu sichten sind. So umfassen die Textdatenbanken, die dem DWDS zugrunde liegen, Zeitungsartikel, belletristische und fachliche Texte, Parlamentsdebatten, Blogs und Chatverläufe mit mittlerweile insgesamt 75 Milliarden Wörtern. Das ist zwar eine empirische Basis, von der die Zettelkasten-Wirtschafter früherer Zeiten nur träumen konnten. Doch um neue Wörter oder sich verändernde Wortbedeutungen in diesen Textmassen wirklich „zeitnah“ – im Sinne von „rasch“ ist dieses Wort auch erst 35 Jahre alt – erfassen zu können, sind automatische Verfahren notwendig, die durch die Auswertung der Zusammenhänge, in denen ein Wort auftaucht, seine unterschiedlichen Bedeutungen ermitteln und ihre Häufigkeiten registrieren können.
„Momentan gehen wir noch ziemlich ‚handwerklich‘ vor, denn die KI-Methoden zur automatischen Darstellung von semantischen Ähnlichkeiten und Unterschieden und ihrer Zuordnung befinden sich noch im Experimentierstadium“, sagt Alexander Geyken, Arbeitsstellenleiter des DWDS. Er erhofft sich von der gemeinsamen Arbeit im ADL, dass in zwei bis drei Jahren KI-Algorithmen zur Verfügung stehen werden, die sich in der lexikographischen Alltagsarbeit einsetzen lassen. Gut geeignet für die KI-gestützte Analyse sind Geyken zufolge vor allem politisch neutrale Wörter. Anders verhält es sich mit kontroversen Begriffen wie „Aktivist“ oder der als „Unwort“ angeprangerten „Remigration“. Hier kommt es darauf an, neutrale Kernbedeutungen und politisch motivierte Verwendungsweisen oder Wortstigmatisierungen zu trennen und zu erläutern – eine diffizile Aufgabe, die man der KI nicht überlassen möchte.
Wörterbucharbeit, einst die philologische Königsdisziplin, war in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend ins Abseits geraten, vor allem wenn sie sprachhistorisch ausgerichtet war. Dicke Wälzer und viele Jahrzehnte dauernde Langfristprojekte passten nicht mehr in ein forschungspolitisches Ambiente, das im Drittmittel-Rhythmus getaktet ist und die Förderung geisteswissenschaftlicher Vorhaben von ihrer Digitalisierung abhängig macht. Dass die Neubearbeitung des Grimmschen Wörterbuchs beim Buchstaben F eingestellt werden musste und nun als Ruine in der lexikographischen Landschaft steht, ist ein Resultat dieser Entwicklungen. Dem Akademienzentrum Digitale Lexikographie des Deutschen dürfte ein solches Schicksal wohl erspart bleiben. Digitalisierung und KI-Einsatz gehören zu seinen Kernvorhaben, und die Bund-Länder-Förderung ist auf Dauer gestellt. Wenn die nach sieben Jahren vorgesehene Evaluation positiv ausfällt, kann die Arbeit nahtlos fortgesetzt werden. In Zeiten knapper öffentlicher Gelder ist das ein starkes Zeichen der Wertschätzung der deutschen Sprache und ihrer Erforschung.
