Herr Mukiibi, Sie sind seit vier Jahren Präsident der Organisation Slow Food, deren italienischer Gründer Carlo Petrini kürzlich verstarb. Slow Food setzt sich in 160 Ländern für regionale Lebensmittel, traditionelle Produktionsweisen, Biodiversität und die faire Vergütung kleiner Erzeuger ein. Wie geht es nach dem Tod von Petrini weiter?
Carlo Petrini war weise genug, schon vor etlichen Jahren seine Nachfolge vorzubereiten. Wir haben ein starkes Team und arbeiten sehr dezentralisiert. Das Interesse an der Organisation und die Mitgliederanträge wachsen. Slow Food bringt Menschen zusammen und erzeugt Hoffnung, dass globale Krisen überwunden werden können.
Sie sind auch Landwirt in Uganda. Carlo Petrini hat sich für Sie als Nachfolger eingesetzt, weil er Slow Food weniger Europa-zentriert machen wollte. Wie organisieren Sie Ihr Leben zwischen Ihrer Farm und als Präsident einer internationalen Organisation?
Wir setzen stark auf Teamwork, und mit moderner Technologie kann man sich schnell zusammenfinden, egal wo man ist. Meine Farm ist eine Familienfarm im Distrikt Mukono von Zentral-Uganda. Ich kümmere mich stark um das Management, meine Frau, mein Bruder, meine Eltern und andere Verwandte arbeiten mit. Auch Leute aus unserem Dorf helfen mit.
Sprechen wir über Kaffee, den Sie unter anderem anbauen. Kaffee ist das globalisierte Produkt schlechthin. Was fühlen Sie, wenn George Clooney in der Werbung sagt: „What else?“
Der Werbespot strahlt zunächst einmal Klasse und Eleganz aus; er zeigt, wie eine Tasse Kaffee überall geschätzt wird und die Leute vereint. In Afrika hat Kaffee schon immer eine Verbindung zwischen den Menschen, aber auch zwischen den Farmern und der Umwelt geschaffen.
Der Werbespot konzentriert sich so sehr auf ein schickes Endprodukt, dass er dabei alles unterschlägt, was außerhalb der Kaffeemaschine, der Kapsel und der Tasse passiert. Die Kaffeebauern leisten 90 Prozent der Arbeit in der gesamten Wertschöpfungskette. Doch die Geschichte des Kaffees wurde immer von den Röstern in Europa bestimmt. Wir müssen nun den Bauern im Kaffeegeschäft ein Gesicht geben. Es sollte da mehr Transparenz herrschen, und vor allem sollten die Kleinbauern größere Anteile an der Wertschöpfung bekommen.
In der globalen Wertschöpfungskette des Kaffee-Anbaus, wie viel bleibt bei den Farmern hängen?
Zu wenig. Auf alle Schritte im Anschluss an die Arbeit der Bauern, vor allem Rösten und Vertrieb, entfallen 90 Prozent der Einnahmen. Dabei erledigen die Bauern die meiste Arbeit. Nach dem Einpflanzen der Samen müssen sie mindestens zwei Jahre bis zur ersten Ernte warten. Man beschneidet die Bäume und Sträucher, man bewässert, man düngt.

Die Ernte ist eine Herausforderung, auf der ganzen Welt werden 90 Prozent des Kaffees per Hand geerntet. Danach kommt das Sortieren, auch manuell. Man behält die roten Kaffeekirschen, entfernt die schlechten grünen und die beschädigten Kaffeekirschen, die Äste, Blätter sowie Insekten wie Ameisen oder Spinnen, die die Pflanze tatsächlich vor Schädlingen geschützt haben. Das heißt, wenn man keine Chemikalien einsetzt.
Wie kommt man von der roten Kaffeekirsche zur grünen Bohne, die später geröstet wird?
Bei uns auf der Farm haben wir ausreichend Sonnenschein, sodass wir die roten Kirschen mehrere Tage direkt auf einer erhöhten Fläche trocknen. Zur Mittagszeit müssen sie per Hand gewendet werden. Bei Regen und abends bringt man die Kirschen ins Innere. Auf meiner Farm produzieren wir ausschließlich natürlich getrocknete Robusta-Kaffee-Kirschen. Nach dem Trocknen schälen wir sie mithilfe einer Trocken-Kaffeeschälmaschine, und so werden grüne Bohnen daraus. Es gibt auch Methoden, bei denen Wasser zum Einsatz kommt, zum Teil viel Wasser.
Worauf ist bei der Lagerung zu achten?
Auf die Umgebung, denn die Kaffeekirschen nehmen Gerüche leicht auf, etwa von der Farbe gestrichener Wände oder von einem Dieselmotor. Das kann großen Schaden anrichten. Wenn Sie später auf die Bohnen heißes Wasser gießen, kehren solche Gerüche zurück.
Wie wirkt sich der Klimawandel aus?
Das Trocknen wird komplizierter. Die Bauern müssen heute mehr in hybride Trocknungssysteme investieren, wie in Solartrockner, oder sie müssen Kaffeereste während der Regenzeit verbrennen. Die Jahreszeiten ändern sich mittlerweile stark. Während der Kaffeeerntezeit regnet es häufig, insbesondere bei der Sorte Arabica. Die Bauern müssen also sicherstellen, dass der Kaffee rechtzeitig getrocknet ist und keinen Schimmel aufweist. Im Zeichen des Klimawandels schrumpft auf der ganzen Welt bereits der Gürtel, wo Arabica-Kaffee angebaut werden kann. Kaffee wächst auf natürliche Art gut unter anderen Bäumen, die Feuchtigkeit spenden. Wer dagegen Kaffee in Monokultur anbaut, braucht viel Wasser.
Inwieweit brauchen Sie den Export in die reicheren Industrieländer, weil der Kaffee dort die höheren Preise erzielt?
Internationaler Handel kann für uns Landwirte eine Antwort sein. Doch dafür brauchen wir mehr Transparenz und eine bessere Wertschätzung. Kaffee steht für die dunkelsten Kapitel in unserer Geschichte, zum Teil bis heute. Die Betreiber von Kaffeeplantagen waren oft verantwortlich für die Vertreibung lokaler Gemeinschaften, für das Abholzen von Wäldern und die Ausbeutung der Arbeiter inklusive Kinderarbeit. Kaffee braucht auch viel Wasser, das den Dorfgemeinschaften dann fehlt.
Aber ist die Nachfrage in den Industrieländern nicht viel größer?
Ja, doch wenn ich in den Export gehe, verdienen viele zwischengeschaltete Ebenen mit. In Uganda gibt es fast nur kleine Kaffeebauern mit ein bis zwei Hektar Fläche. Die großen Exporteure kaufen dort nicht direkt ein, sondern bei Unternehmen, die die Waren vorher bei den kleinen Erzeugern zusammengekauft haben. Diese Unternehmen wollen natürlich mitverdienen. Und das geht am leichtesten, indem sie die Preise für die Kleinbauern drücken.

Wir verkaufen also lieber direkt an lokale Röster, die sich bei uns auf der Farm auch von der Qualität überzeugen können. Wir haben uns daher auch in einer Koalition zusammengeschlossen, die Transparenz und bestimmte Standards garantiert. Davon profitiert ebenso der lokale Röster. Ich habe zudem schon europäische Röster gesehen, die Farmer in Slow-Food-Gemeinschaften getroffen haben, weil sie diesen direkten Kontakt schätzen.
Doch lokale Röster verkaufen den Kaffee nicht in Europa, Amerika oder China, denn gerösteter Kaffee würde auf dem langen Transport seine Frische verlieren.
Wir wollen auch nicht auf den Export verzichten. Uganda ist nach dem Volumen der größte Kaffeeproduzent Afrikas. Das könnten wir nicht alles selbst konsumieren. Dabei muss sich der Handel auch nicht nur über den Atlantik oder das Mittelmeer erstrecken. Auch regional muss es mehr Handel geben. Doch heute fehlt das Gleichgewicht in der internationalen Wertschöpfungskette. Zu viel fällt für die Verbraucherländer ab, zu wenig für die Produzentenländer. Die afrikanischen Kaffeebauern fühlen sich betrogen.
Nach Angaben der National Coffee Association in den USA erzeugte jeder Kaffeeimport von einem Dollar in den Vereinigten Staaten einen Mehrwert von 43 Dollar. Was schlagen Sie vor?
Es müsste mehr in den lokalen Gemeinschaften der Produzentenländer investiert werden, damit sie moderne Infrastruktur für die Verarbeitung bekommen und das qualitativ gute Endprodukt auch selbst als Verbraucher genießen können. Nicht zuletzt die großen Kaffeeunternehmen tragen da Verantwortung. Heute exportieren viele Länder das Rohprodukt, und ihre Menschen trinken dann das Endprodukt, den Kaffee, der nach der Verarbeitung wieder importiert wurde. Das ist der falsche Weg.
An wen verkaufen Sie auf Ihrer Farm Ihre Kaffeebohnen?
An einen lokalen Röster namens Princess Coffee, das ist eine Art Start-up-Unternehmen aus unserer Gegend. Früher verkauften viele Farmer an Gemeinschaftseinkäufer, so wusste man nie, wo der Kaffee endet. Heute gibt es eine Reihe lokaler Röster, denen auch die Nachhaltigkeit wichtig ist. Sie verkaufen den Kaffee dann weitgehend in den Herkunftsländern.
Wie sieht es heute mit dem Kaffeekonsum in Uganda aus?
Bei uns ist Kaffee Teil der Kultur und Tradition. Bei Hochzeiten oder beim Einzug in ein neues Haus werden Kaffeekirschen gereicht. Oft werden sie in Bananenschalen gedämpft und dann mit Pfeffer und Salz serviert. Während der beiden Weltkriege verboten die Kolonialregierungen der Bevölkerung den Konsum von Kaffee, obwohl er aus ihrem Land stammte. Alles musste nach Europa exportiert werden. Damit offenbarten sich die krassen Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Heute müssten sie bekämpft werden, indem die Handelsabkommen fairer gestaltet werden.
Was erwarten Sie von der nächsten Ernte auf Ihrer Farm?
Sie könnte gut ausfallen, denn im Vorjahr war sie schlecht. Das wechselt sich bei Kaffee oft ab.
Könnten Sie eigentlich auch mit Maschinen ernten, so wie manche Robusta-Anbauer in Lateinamerika?
Nur in Lateinamerika gibt es ein paar Plantagen mit Maschinen, die die Kaffeebäume schütteln. Wir dagegen setzen auf den Mischkulturanbau mit Kaffee, Bananen und Vanille. Unser Kaffee wächst unter Bananen- und anderen Bäumen wie Jackfrucht oder Avocado, die größer sind. Auch Kakao bauen wir so an. Darunter pflanzen wir dann auch noch zum Beispiel die Yams-Wurzel oder andere Kletterpflanzen. Diese Mischung ist gut für die Natur. Wer dagegen auf Monokultur setzt, braucht öfter auch Pestizide; bei Robusta etwa haben sich neue Krankheiten ausgebreitet.
Sie bauen auch die eher seltene Sorte Liberica an, die viel kleinere Volumen hat als die großen Sorten Arabica und Robusta. Was hat es damit auf sich?
Slow Food versucht diese Kaffeeart zu erhalten, weil sie vom Untergang bedroht ist. Der Anbau und die Ernte sind schwierig, weil die Bäume bis zu zehn Meter hoch sein können. In den Kolonialzeiten wollte die Regierung Liberica auslöschen, weil sie als Konkurrenz zu Robusta gesehen wurde. Heute ist Liberica in Uganda als dritte Sorte anerkannt.
Wenn man Kaffee verkaufen will, braucht man eine Marke, um im Wettbewerb zu bestehen. Wie soll das geschehen?
Der ugandische Staat ist hier aktiv und fördert Kaffee aus Uganda, indem er etwa die Herkunftsbezeichnung schützt. Der Staat verkauft nicht selbst den Kaffee, sondern sorgt dafür, dass sein Ursprung immer erkennbar bleibt. In Äthiopien gibt es Ähnliches etwa mit dem Sidamo-Kaffee.
