Wenn AfD-Politiker oder -Sympathisanten gegen die sogenannten Altparteien wettern, zielen sie oft auf die Lebensläufe von deren Personal. Tenor: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal, also nie was Richtiges gearbeitet. Auf ganz ähnliche Weise versuchen umgekehrt Parteien wie CDU, CSU, SPD oder Grüne, das AfD-Personal zu desavouieren. Lange hieß es, wenn den Menschen erst einmal klar würde, welche Taugenichtse und Tunichtgute sich in der AfD tummelten, dann würden sie gewiss davon absehen, diese zu wählen.
Es gab Zeiten, da hielten sich die AfD-Kandidaten tatsächlich im Hintergrund, auch aus Angst vor sich selbst. Das ist vorbei. Inzwischen kennt man sie. Und schau an: Die Lebensläufe sind, um das Mindeste zu sagen, tatsächlich schillernd und keineswegs vertrauenerweckend.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Bei der AfD in Sachsen-Anhalt gewann ein Mann souverän das Direktmandat, der sich einen Studienplatz mit einem gefälschten Abiturzeugnis erschlichen hat, kokainsüchtig war, in Pornos mitspielte und wegen Diebstahls unter anderem von Hotelhandtüchern verurteilt wurde. Ein anderer AfD-Wahlkreisgewinner war einst Stasi-Offizier. In Mecklenburg-Vorpommern schickte die AfD einen verurteilten Bankräuber ins Rennen.
„Böse Buben“, wohin man schaut
Die Liste könnte problemlos erweitert werden, auch auf andere Bundesländer, etwa Bayern. Auch dort gibt es in der AfD-Landtagsfraktion allerlei Mitglieder, die man mit den verniedlichenden Worten des sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund als „böse Buben“ bezeichnen könnte. Die Frage ist hier wie dort: Werden solche Leute trotzdem gewählt, deshalb oder unabhängig davon?

Nicht immer bietet sich zur Erklärung des Phänomens AfD die historische Rückschau an – hier schon. Konkret: die Rückschau ins München der Jahre 1918 bis 1933. Unter den Leuten, die seinerzeit den Ton angaben, wimmelte es von Hasardeuren, Esoterikern, Glücksrittern und schlamperten Genies. Der Journalist Volker Weidermann hat das in seinem Buch „Träumer“ anhand des grotesk gescheiterten Versuchs, aus Bayern eine Räterepublik zu machen, schön dargestellt.
Mag sein, dass sich damals eher das menschenfreundliche Antlitz des Unseriösen offenbarte. Aber schon wenig später erwies sich, dass das Milieu des Verkrachten und Liederlichen auch in anderer Ausprägung attraktiv ist – und vor allem nach links wie rechts anschlussfähig.
Unstete Naturen, denen man keinen Gebrauchtwagen abkaufen würde
Lion Feuchtwangers Schlüsselroman „Erfolg“, erschienen 1930, spielt Anfang der Zwanzigerjahre in der höheren Münchner Gesellschaft, zur Zeit des Hitler-Putsches. Das Personal besteht vorwiegend aus unsteten Naturen, denen man keinen Gebrauchtwagen, noch nicht einmal einen Raumduft abkaufen würde. Dem Abgleich mit der realen Geschichte hält der Roman absolut stand. Das zeigt ein Blick in Joachim Fests Hitler-Biographie. Über Hitlers zumindest unbürgerliches Auftreten in den Münchner Bierkellern schreibt Fest: „In einer Umgebung, die den Außenseiter kultivierte und das Genie mit Vorliebe hinter exzentrischen Meinungen und Auftrittsweisen vermutete, fiel er damit kaum auf.“
Hitlers Selbstverständnis als Künstler hat sich gehalten, als er längst schon Politiker war. Und er ist nicht der einzige seiner Art. Auch die Faschisten in Italien bekamen entscheidenden Zufluss aus einem Milieu aus Avantgardisten und sonstigen Artisten, an das heute manch selbst ernannter Punk-Publizist anzuknüpfen versucht und das jedenfalls kaum in Verbindung zu bringen ist mit den sogenannten hart arbeitenden Menschen, „die jeden Tag um sechs Uhr aufstehen, ihre Kinder zur Kita bringen, dann zur Arbeit fahren und anschließend noch ihre Kinder ins Bett bringen“ (SPD-Chef Lars Klingbeil).
Ideengebräue und gärige Haufen
Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke hat vor Jahren im F.A.S.-Interview darauf hingewiesen, dass die Biographien vieler Gewaltherrscher „obskur“ seien, dass ihre Rekrutierung an den Eliten vorbei stattgefunden habe. „Bis sie in einer diffusen Umbruchsituation nach oben gespült werden, haben sie oft eine bohemienhafte Existenz geführt, sind in Berührung mit Ausläufern der literarisch-intellektuellen Szene und einem radikalen Ideengebräu gekommen und haben sich aus teils Vorgefundenem, teils Erfundenem eine Ideologie zusammengebastelt.“
Dass Ideengebräue ebenso anziehend sind wie „gärige Haufen“ (Alexander Gauland), zeigte sich auf Demonstrationen während der Pandemie oder zuletzt bei der Kundgebung der bayerischen AfD anlässlich des Volksfests Gillamoos in Niederbayern. Wie selbstverständlich nahmen dort einheimische Trachtenträger hin, dass aus den Lautsprechern statt Blasmusik rechtsradikaler Hip-Hop dröhnte. Der „Gaudi“, deren Steigerung übrigens die „Mordsgaudi“ ist, tat es keinen Abbruch.

Es gab in der jüngeren deutschen Geschichte immer wieder Phasen, in denen Biederkeit und Stabilität regierten. Das war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren so – „keine Experimente“ lautete da die Losung. Doch die Gegenbewegung ließ nicht lange auf sich warten. Einer der Slogans der Achtundsechziger: „Die Phantasie an die Macht.“ Den Kipppunkt markierte hier die RAF, verkörpert etwa durch Andreas Baader, den Münchner Strizzi, der zum Terroristen wurde.
Phasen der Biederkeit und Stabilität: Die schwäbische Hausfrau
Die Jahre von Kanzler Schmidt über Kohl, Schröder, Merkel bis hin zu Scholz standen dann, im Großen und Ganzen, wieder im Zeichen deutscher Verlässlichkeit. Als Scholz gewählt wurde, hieß es, er sei die Fortsetzung Merkels mit anderen Mitteln. Die Deutschen wollten eben solch unspektakuläre Leute. Nicht umsonst habe Angela Merkel die schwäbische Hausfrau zum Idealbild politischen Handelns erkoren.
Keine Frage: Ohne die schwäbischen Hausfrauen stünde Deutschland heute schlechter da. Es gibt hierzulande auch große Sympathien für die Haltung, dass, wer den ganzen Sommer nur ans Zirpen denke wie die Grille, sich nicht wundern müsse, wenn die fleißige Ameise dann vor dem Winter sagt: „Mir gebet nix.“ In ihrer Selbststilisierung als fleißige Bausparer und Gut&Günstig-Gouda-Esser vergessen die Deutschen allerdings gern, dass ihre Geschichte an Schrullen und Grillen überaus reich ist.
Man könnte sogar die These wagen, dass das Windige nicht nur in Deutschland eine Heimstatt hat, sondern in der Menschheit überhaupt. Man denke nur an die Leute, mit denen Jesus sich umgeben hat – Maria Magdalena! Auch die schwäbische Hausfrau wird in der Bibel erwähnt. Sie heißt dort Marta. Sie und ihre Schwester Maria bekommen Besuch von Jesus. Während Marta sich die ganze Zeit mit der Bewirtung abmüht, als habe sie die Fleiß-Appelle von Friedrich Merz erhört, begnügt Maria sich damit, sich von Jesus verzaubern zu lassen. Dieser lässt keinen Zweifel daran, von welchem Verhalten er sich mehr abgeholt fühlt.
Tellerwäschertraum: Vom Pornodreh in den Landtag
Der frühere CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat jüngst gesagt, die AfD sei zu einer „Partei der Hoffnung“ geworden. Da ist was dran – und es gilt vor allem für Leute, die sich wegen ihrer arg gebrochenen Biographien bisher keine Hoffnungen machen konnten, nach oben zu kommen. In einem Land, in dem die soziale Mobilität unterentwickelt ist und in dem der Bildungserfolg – siehe PISA – nach wie vor stark vom Elternhaus abhängt, ist die AfD die einzige Partei, in der man es vom kokainsüchtigen Pornodarsteller zum Landtagsabgeordneten bringen kann.
Die zivile und produktive Seite der Unseriosität ist die Phantasie. Die fehlt momentan in Deutschland an allen Ecken und Enden. Selbst ein Markus Söder, der in seiner Anfangszeit als bayerischer Ministerpräsident ein Ideenfeuerwerk nach dem anderen gezündet hat, wusste am Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt den Leuten im Bierzelt auf dem Gillamoos nichts anderes zu präsentieren, als dass man beim Bürgergeld kürzen solle und alle mehr arbeiten müssten. Auch der Appell an die „deutschen Tugenden“ durfte nicht fehlen.
Selbst der prosaische Merz will jetzt zum Dichter werden
Die Geschichte hat gezeigt, dass „Blut, Schweiß und Tränen“-Reden verfangen können, aber nicht bei einem Publikum, dem es ausweislich gut gefüllter Bierkrüge und knuspriger Brathendl immer noch ziemlich gut geht. Auch mit dem Bürokratieabbau hat es die CSU auf dem Gillamoos noch einmal versucht. Wenn man sich alte Reden von Franz Josef Strauß anhört: Der hat das schon vor 50 Jahren gefordert. Damit weckt man keine Hoffnung, sondern stellt die Vergeblichkeit der eigenen Politik ins Schaufenster.
Manchen Politikern scheint das zu dämmern. Es ist kein Zufall, dass sie derzeit nicht nach neuen Lösungen oder Konzepten suchen, sondern nach neuen Erzählungen. Auch der eher prosaische Merz möchte nun offensichtlich zum Dichter oder Dramatiker werden.
Eine gute Erzählung lebt auch von Kühnheit, von Verblüffung, vom Bruch mit scheinbar Bewährtem. Es muss ja nicht „Erst Porno, dann Landtag“ sein. Basketballstar Dirk Nowitzki etwa hat noch im fortgeschrittenen Sportleralter seine Wurftechnik umgestellt. Was ließe sich daraus für die in die Jahre gekommene Bundesrepublik ableiten? Was aus der Rückschau in die Geschichte, auch die jüngere?
Baut kleine geile Firmen auf!
Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat kürzlich im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, die naheliegende Antwort auf 9/11 wäre gewesen, „uns von den fossilen Brennstoffen zu befreien“. Ist dann jetzt die richtige Reaktion auf die gestiegenen Ölpreise ein neuerlicher Tankrabatt?
Es bräuchte ein paar bessere Ideen: naheliegende, windige, phantastische. Und es bräuchte einen anderen Ton. Der sollte, um ein Wort von Merz zu verwenden, kein „Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses“ erzeugen.
Enden wollen wir daher, ganz verblüffend, mit einem Auszug aus dem Lied „Kleine geile Firmen“ des Machers, nämlich Liedermachers Funny van Dannen:
„Und dann entführt wieder einer einen Bus/ und dann schießt wieder einer um sich/ Und die Experten sagen: Wir müssen die sozialen Ursachen bekämpfen/ Ich selbst werde wie ein Geisteskranker angeschaut, wenn ich pfeifend durch die Straßen lauf/ Und wenn mich die Jugend fragen würde, Was soll’n wir tun?/ Würde ich antworten: Baut kleine geile Firmen auf, baut kleine geile Firmen auf.“
