Das Torwart-Rätsel
Es kann nur einen geben. Aber wen? Wer in der kommenden Saison das Tor der Eintracht hütet, ist nicht abzusehen. Indizien gibt es aber. Am Samstag, beim Testspielsieg (1:0) in Mannheim, setzte Trainer Adi Hütter den Brasilianer Kauã Santos von Anfang an ein. Es war seine dritte Startelf-Nominierung im dritten Vorbereitungsmatch. Der 23-Jährige nimmt den dritten Anlauf, bei der SGE den Nummer-eins-Status verlässlich zu erfüllen.
Zwei Knieverletzungen warfen ihn zurück. In diesen Tagen tritt der Hüne deutlich selbstbewusster auf, dirigiert die Spieler vor ihm lautstärker. Frei von Wacklern ist sein Auftreten nach wie vor nicht. Während ihn seine Reflexe auf der Linie auszeichnen, wirkt er bei der Strafraumbeherrschung weniger zuverlässig.

Michael Zetterers Hoffnung, den Vorzug vor Santos zu erhalten, ist noch vorhanden. Er trainiert tadellos, parierte in der zweiten Halbzeit am Samstag spektakulär gegen die Waldhof-Angreifer Julian Ulbricht (69. Minute) sowie Gonçalo Gregório (76.) und gehört zur Gruppe der Profis, die in der Kabine das Wort führen. Doch seine mittelmäßige Bilanz der vorigen Saison, als er den Südamerikaner zweimal im laufenden Betrieb ablöste, wirkt nach.
Mutmaßungen halten sich, dass Zetterer, sollte er zum Ersatzmann bestimmt werden, den Klub verlassen könnte. Markus Krösche versuchte, während des Trainingslagers am Chiemsee die Diskussion um die Schlussmänner und Spekulationen um einen möglichen Mister X, der während der Transferphase noch verpflichtet werden könnte, abzukühlen. Er sehe keinen Anlass für Veränderungen, sagte der Sportvorstand, das sei „momentan“ kein Thema. „Momentan“ – das klingt in den Ohren vieler stark nach „Stand jetzt“ (Niko Kovač, 2018). Und was das bedeutet auch: Gewissheit sieht anders aus.
Das Defensiv-Dilemma
Kein Mannschaftsteil hat im Vergleich zur vergangenen Saison so viel Qualitätsverlust hinnehmen müssen wie die Abwehr. Mit dem Verkauf von Nathaniel Brown, Rasmus Kristensen und Aurèle Amenda verabschiedeten sich Konstanten, ohne die die ohnehin dürftige Defensivbilanz mutmaßlich noch bescheidener ausgefallen wäre. Niels Nkounkou ist der Nächste, der alsbald gehen soll.
Mit dem Brasilianer Otávio ist erst ein Neuling da. Der Innenverteidiger, der bei seiner vorherigen Station auch schon auf dem linken Posten in letzter Reihe eingesetzt wurde, bringt auf jeden Fall eine physische Note rein. Er ist 1,93 Meter groß, muskulös und schnell; im Sprint kommt er auf ein Tempo von 35 Kilometern pro Stunde. Seine Eingewöhnung soll im Eiltempo vonstattengehen; am 21. August steht im Pokal das Pflichtspieldebüt der SGE gegen die Amateure des SC St. Tönis am Niederrhein auf dem Plan. Mindestens ein weiterer Zugang soll bis dahin kommen.

Hütter will das Team grundsätzlich mit Viererkette spielen lassen. Ein Abgang von Arthur Theate ist weiterhin denkbar. Der Belgier, der viele Kollegen mit egozentrischen Kabinenauftritten in der Vergangenheit irritierte, kann gehen, sofern ein Abnehmer mindestens 20 Millionen Euro an Ablöse überweist. Auf den Außenpositionen testete der Trainer zuletzt den Japaner Kosughi (links) und Baum (rechts). Beide machten ihre Sache tatkräftig, liefen viel, nahmen Zweikämpfe beherzt an – präsentierten sich bei Vorwärtsaktionen im letzten Drittel aber jeweils zu unentschlossen.
Für Baum, der eigentlich früh auf der Liste der Verkaufskandidaten stand, ehe er bei Hütter mit seinem Engagement punktete, gibt es Interesse. Der Dortmunder Sportdirektor Nils-Ole Book beschäftigt sich mit seiner Baum-Verpflichtung, um gewappnet zu sein, sollte es den Brasilianer Yan Couto nach Italien ziehen. Book kennt (und schätzt) Baum aus dessen erfolgreicher (Leih-)Zeit bei der SV Elversberg in der Saison 2024/25.
Hütter machte nun in Mannheim deutlich: Baum bleibt! „Einem jungen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs muss man auch eine Chance geben, wenn er die Qualität hat. Und die hat er.“ Ein Fingerzeig – aber dort, wo Stabilität am wichtigsten wäre, befindet sich die Eintracht weiter im Umbau.
Das Gedränge in Mittelfeld und Angriff
Nicht weniger als 21 Spieler stehen im Eintracht-Kader, die aufgrund ihrer Aufgabenbeschreibung für Plätze in Mittelfeld und Angriff verpflichtet wurden – am Sonntag kam Raphael Onyedika vom FC Brügge hinzu. Der Nigerianer unterschrieb einen Vertrag bis Mitte 2031.
Krösche hat in der Vergangenheit, als die Frankfurter anders als in dieser Spielzeit regelmäßig am internationalen Geschäft teilnahmen und sich personell wappnen mussten, eine Menge Leute geholt. Für einige von ihnen gibt es jetzt keine Verwendung mehr, doch sie verfügen mitunter über üppig dotierte Verträge, die es aus ihrer Sicht nachvollziehbar machen, dass sie nicht ohne Weiteres von dannen ziehen (und auf Geld verzichten müssen).
Ellyes Skhiri, einer der Besserverdiener, konnte so nicht von der Rückkehr zum 1. FC Köln überzeugt werden. Junior Ebimbe, Jessic Ngankam, Michy Batshuayi und Elye Wahi gehören zum Kreis der Aussortierten. Noel Futkeu, zuletzt in Fürth Zweitliga-Topscorer, wird bei seinem Comeback am Main, das sich Krösche 1,4 Millionen Euro kosten ließ, auch keine Chance erhalten, sich längerfristig vorstellen zu können. Er soll gewinnbringend veräußert werden. Borussia Mönchengladbach bot sieben Millionen Euro, dem Eintracht-Sportvorstand schwebt ein achtstelliger Betrag vor.
Der Marokkaner Ayoube Amaimouni wird nach seinem WM-Urlaub an diesem Montag im Eintracht-Campus zurückerwartet, und Hütter möchte sich dann mit eigenen Augen ein Bild des Frühlings-Senkrechtstarters machen. Noël Asékos Anfang bei der Eintracht verlief nicht komplikationslos. Beschwerden am Knie, die er aus Hannover mitbrachte, zwangen ihn zum Kürzertreten, sodass er nur in Ansätzen das Potential andeutete, das die Bosse in ihm sehen.

Can Uzun soll – wenn irgend möglich – mindestens ein weiteres Jahr gehalten werden, weil er der bislang einzige Spieler ist, dessen Auftreten einen Qualitätsunterschied verspricht. Mario Götze ist bis auf Weiteres als Back-up vorgesehen.
Beim Algerier Farès Chaïbi hält sich die Beurteilung noch die Waage, ob man dem Werben um seine Dienste aus Saudi-Arabien nachgeben soll oder ob es sich womöglich lohnt, mit ihm als Ballstreichler und Flankengeber in eine gemeinsame vierte Saison zu gehen. Vorn ist Jonathan Burkardt topfit. Auch gegen Mannheim traf der Mittelstürmer (51.), er ist bis auf Weiteres gesetzt.
Younes Ebnoutalib drängt sich für die Variante auf, wenn Hütter zwei Angreifer aufstellt. Love Arrhov, der perspektivisch zum Götze-Kronprinzen aufgebaut werden soll, könnte dem Getümmel, das ihm fürs Erste wenig Gelegenheit zum Mitwirken verspricht, vorübergehend entfliehen, wenn er sich ausleihen ließe.
„Ich bevorzuge die Spielmacher-Position“, sagte der 18-Jährige in Grassau, „aber ich spiele dort, wo der Trainer mich haben will.“ Genau das dürfte in den kommenden Wochen zur Herausforderung werden. Aus großer Auswahl ist bei der Eintracht ein Überangebot geworden, und damit für manche längst kein Wettbewerb mehr. Stattdessen stehen sie auf dem Abstellgleis.
