Als der Schriftsteller Vladimir Arsenijević am Samstag um kurz nach acht Uhr morgens in der Belgrader Innenstadt aus dem Taxi stieg, merkte er gleich, dass etwas nicht in Ordnung war. Es war der 11. Juli, und dieses Datum ist auf dem Balkan kein gewöhnlicher Tag. Am 11. Juli 1995 fiel die bosnische Stadt Srebrenica, eine von Blauhelmtruppen der Vereinten Nationen überwachte „UN-Schutzzone“ für aus anderen Gebieten Bosniens vertriebene Muslime, in die Hände des gefürchteten bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić und seiner Truppen.
Schon nach wenigen Stunden begann ein Massaker, bei dem nach offiziellen Angaben 8372 bosnische Muslime getötet wurden. Das Massaker wurde später vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Völkermord eingestuft. Mladić wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
„Sie sagten, das sei nur eine Warnung“
Arsenijević und einige Gleichgesinnte wollten am diesjährigen Jahrestag in Belgrad öffentlich der Opfer gedenken. Zwei Banner waren vorbereitet – eines mit der Aufschrift „Menschen gedenken Menschen“, das andere mit der Zahl 8372. Doch zu der Veranstaltung, die für elf Uhr am Vormittag angekündigt war, kam es nicht. Denn als Arsenijević knapp drei Stunden vor der Kundgebung für letzte Vorbereitungen an den Veranstaltungsort kam, wurde er bereits erwartet.

„Kaum war ich aus dem Auto gestiegen, umringten sie mich“, berichtet er am Telefon. „Sie“, das waren junge Männer in schwarzen Hemden und schwarzen Baseballkappen – rechtsextremes Milieu, Schlägertypen. „Sie waren vorbereitet. Es begann mit aggressiver Körpersprache und Beleidigungen. Dann schlugen sie auf mich ein. Als sie gingen, sagten sie, das sei nur eine Warnung: Ich stehe ganz oben auf der Liste und solle mich auf das Schlimmste gefasst machen.“
Arsenijević wirkt gefasst, als er der F.A.Z. von dem Überfall erzählt. Was vielleicht auch daran liegt, dass er verbale und tätliche Übergriffe gewohnt ist. Der Autor, dessen düsterer Belgrad-Roman „Cloaca Maxima“ 1996 auch in deutscher Übersetzung erschien, wendet sich seit Jahren gegen den Nationalismus in der serbischen Gesellschaft und die aggressive Leugnung der von Serben begangenen Kriegsverbrechen der neunziger Jahre.
„Die serbische Polizei ist nicht das Problem“
Auch deshalb ist es bemerkenswert, dass Arsenijević die Polizei ausdrücklich lobt. Die hätte vor elf Uhr anrücken sollen, um die Kundgebung zu schützen. Dass sie fast drei Stunden vorher noch nicht zugegen war, sei ihr jedoch nicht anzulasten. „Ich habe kein Problem mit der Belgrader Polizei. Sie macht ihre Arbeit professionell und anständig“, sagt Arsenijević.
Das sei auch am Samstag so gewesen, betont er und führt als Beispiel eine Veranstaltung auf dem Platz der Republik vor dem Nationalmuseum an, bei der Kerzen für die Opfer von Srebrenica aufgestellt wurden. Dieses Gedenken wurde zwar von Krakeelern mit Megafonen gestört, konnte aber unter Polizeischutz dennoch stattfinden.
In seinem Fall sei die Polizei sofort gekommen, als er sie nach dem Angriff gerufen habe. „Die Beamten taten, was sie konnten. Sie baten mich zur Polizeistation, wo eine ausführliche Aussage aufgenommen wurde.“ Nachdem er seine Verletzungen ärztlich hatte dokumentieren lassen, habe die Polizei ihre Arbeit getan. „Für mich ist die Polizei nicht das Problem“, bekräftigt Arsenijević. „Das Problem ist der fehlende politische Wille auf der Ebene darüber, solche Fälle zu klären.“
Genießen die Täter politische Rückendeckung?
Er vermute, die Polizisten erhielten von politischer Seite eine „Botschaft“, in Fällen wie dem seinen nichts zu unternehmen. Das wüssten auch die Täter: „Sie fühlen sich sehr entspannt bei dem, was sie tun.“ Der Schriftsteller ist sich sicher, dass die Täter politische Rückendeckung haben. „Jeder weiß, dass es eine unsichtbare Linie gibt, die diese Schlägertypen ganz unten über mehrere Gesellschaftsschichten hinweg mit der Spitze der Pyramide verbindet. Und wir wissen, wer an der Spitze dieser Pyramide sitzt.“
Das ist ein deutlicher Hinweis auf Serbiens Staatspräsidenten Aleksandar Vučić, ohne dass dessen Name fällt. Fest stehe jedenfalls, dass auf einer bestimmten Ebene des serbischen Staates Blockaden bestehen, die echte Ermittlungen gegen nationalistische Gewalttäter behindern, führt Arsenijević aus. Er berichtet von den regelmäßigen Übergriffen auf das von ihm geleitete Kulturzentrum „Krokodil“, das serbischen Nationalisten ein Dorn im Auge ist. Selbst in Fällen, in denen man der Polizei Videoaufnahmen zur Verfügung gestellt habe, auf denen die Gesichter der Täter eindeutig zu erkennen seien, sei nie jemand aufgrund solcher Beweise strafrechtlich verfolgt worden, sagt Arsenijević.
Kritisch sieht er allerdings auch einige Tendenzen in der serbischen Studentenbewegung, die seit Monaten gegen Vučić demonstriert. Denn auch sie trägt nationalistische Züge. Das Schweigen der Studenten am Srebrenica-Gedenktag war ohrenbetäubend. „Die Studenten sagen, Srebrenica sei vor ihrer Zeit gewesen, deshalb erinnerten sie sich nicht daran. Aber die NATO-Bombardierung Serbiens im Jahr 1999 war ebenfalls vor ihrer Zeit – und die erwähnen sie ständig“, kritisiert Arsenijević, der als freier Geist damit leben muss, zwischen allen Stühlen zu sitzen.
