
Abdul Qahar Balkhi hatte sicher keine Mühe, sich in Brüssel zurechtzufinden, als er am Dienstag eine Delegation der Taliban bei Gesprächen mit EU-Beamten leitete. Der Abteilungsleiter für Europa im Außenministerium der Islamisten ist in Neuseeland mit westlicher Kultur aufgewachsen und spricht verhandlungssicheres Englisch. Nach Neuseeland kam die Familie in den Neunzigerjahren wohl über ein Asylprogramm, nachdem der Vater während der ersten Herrschaft der Taliban eine Zeit lang als afghanischer Konsularbeamter in Pakistan gearbeitet haben soll.
Als Balkhi im Alter von 18 oder 19 Jahren, also etwa 2007, nach Afghanistan reiste, um sich den radikalislamischen Taliban anzuschließen, soll sein Vater nicht begeistert gewesen sein. So jedenfalls hat er selbst es westlichen Diplomaten erzählt. Seinen Schilderungen zufolge motivierte ihn weniger die Idee des Dschihads als eine Mischung aus afghanisch-paschtunischem Ethnonationalismus und Abenteurertum, gegen die ausländischen Besatzer zu kämpfen. Eine Zeit lang soll er sich auch in Kundus aufgehalten, also der Bundeswehr als Feind gegenübergestanden haben. Balkhis Familie stammt aus der Nachbarprovinz Baghlan.
Rascher Aufstieg dank westlicher Bildung
Früh erkannten die Taliban den Wert seiner Englischkenntnisse und seiner modernen Bildung für ihre internationale Propaganda. Diese Qualifikationen sicherten ihm nach der Machtübernahme der Taliban vor fünf Jahren einen raschen Aufstieg als Protegé von Außenminister Amir Khan Muttaqi. Er wurde zu einem zentralen Ansprechpartner westlicher Diplomaten, zuletzt auch bei Abschiebungen von Straftätern aus Deutschland.
Es war kein Zufall, dass die Delegation am Dienstag nicht aus Kabul, sondern aus Istanbul nach Brüssel reiste. In der türkischen Metropole treffen sich die Taliban-Vertreter gern mit europäischen Gesprächspartnern, die nicht mit ihnen gesehen werden wollen. Nach Deutschland bereiten auch andere europäische Länder Abschiebeflüge vor. In Verhandlungen mit der US-Regierung über die Freilassung amerikanischer Gefangener und mit der Bundesregierung über die Freilassung inhaftierter Mitarbeiter der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit soll Balkhi ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt haben.
Balkhi soll mit der Tochter des früheren Taliban-Führers Akhtar Mohammed Mansur verheiratet sein, der 2016 getötet wurde. Als Außenamtssprecher fiel ihm nach der Machtergreifung zunächst die Aufgabe zu, die frauenverachtende Politik der Taliban zu rechtfertigen. Abdul Qahar Balkhi ist sein Kampfname. In Wirklichkeit heißt er Hassan Bahiss. Sein Bruder Ibraheem Bahiss arbeitet als Afghanistan-Analyst für die Denkfabrik International Crisis Group. Sie sitzt in Brüssel.
