An Wochenenden kam Abderrahim Fakir, 42 Jahre alt, oft in sein vertrautes „Ghetto“ im Nordosten Bolognas. Den Besuch vom vergangenen Sonntag hat er nicht überlebt. An einem sehr heißen Sommertag starb Abderrahim Fakir auf dem Asphalt einer Garagenzufahrt, bäuchlings und die Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken fixiert, während zwei junge Polizisten auf ihm knieten und vier Sanitäter umherstanden. Seine letzten Worte, aufgezeichnet vom Handyvideo eines Anwohners, waren: „Aiuto! Basta, basta!“ (Hilfe! Genug, genug!)
Die Staatsanwaltschaft von Bologna ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Am Freitag begannen Forensiker mit der Obduktion von Fakirs Leichnam, um die genaue Todesursache festzustellen. Er habe an Asthma und Herzschwäche gelitten, berichten Hinterbliebene und Freunde. Auch von einer psychiatrischen Behandlung in jüngerer Vergangenheit ist die Rede, die er aber abgebrochen habe.
Nach dem Todesfall kam es in mehreren Städten Italiens zu Demonstrationen gegen Polizeigewalt. Nach einer friedlichen Kundgebung vor dem Rathaus von Bologna, zu welcher der Bürgermeister selbst aufgerufen hatte, gab es in der Nacht zum Dienstag schwere Krawalle. 64 Beamte der Bereitschaftspolizei wurden verletzt. Autos und Müllcontainer gingen in Flammen auf. Schaufensterscheiben wurden eingeworfen, Geldautomaten beschädigt.

Das Ghetto – so nennen die Leute von Pilastro ihr Wohnquartier selbst. Vor zwei Wochen feierte das Stadtviertel einen runden Geburtstag: Am 9. Juli 1966 waren die ersten gut 400 Wohneinheiten des Neubaugebiets übergeben worden. In den Sechziger- und Siebzigerjahren brauchte man in den norditalienischen Metropolen, von Bologna über Mailand bis Turin, bezahlbaren Wohnraum für die Familien, die auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand aus dem armen Süden Italiens in den boomenden Norden strömten.
Zunächst wurden auf dem weitläufigen Ackerland vor den Toren Bolognas Wohnblocks mit vier bis fünf Stockwerken errichtet. Dazwischen legte man Grünflächen und Garagenzeilen an. Die Bewohner des neuen Quartiers sollten sich an Ort und Stelle erholen und bald auch ein Auto kaufen können. Kindergärten und Schulen, Sportplätze und Parks, Einkaufs- und Kulturzentren kamen hinzu. Schließlich wurden in den Achtzigerjahren, zum Abschluss des paraurbanen Bauprojekts, vier Wohntürme mit jeweils 18 Stockwerken hochgezogen. Nur so konnte man bei gleichzeitiger Begrenzung des Landschaftsverbrauchs noch mehr Menschen unterbringen.
Baulicher und sozialer Verfall
Doch aus dem vermeintlichen Modell für sozialen Wohnungsbau wurde über die Jahre eben doch das Ghetto Pilastro. Man kann das Scheitern „moderner“ Stadtplanung aus der Epoche des Wirtschaftswunders sowie der folgenden Jahrzehnte in fast allen italienischen Großstädten betrachten, nicht nur im Norden des Landes. In Neapel hat man aus dem baulichen und sozialen Verfall der berüchtigten Vele di Scampia (Segel von Scampia) die radikalste Konsequenz gezogen. Kurz vor der Jahrtausendwende begann man mit dem Abriss von sechs der sieben maroden Betonmonster. Die waren durch ihre geschwungenen Linien, die an Segel erinnern sollten, auch nicht besser geworden als Wohnsilos in Klotzform.

Aus dem „vertikalen Dorf“, das der Architekt hatte schaffen wollen, war eine Brutstätte für Drogenhandel und Prostitution geworden, in dem die Camorra das Sagen hatte und ihren Nachwuchs rekrutierte. Derweil taten die Ordnungskräfte mit gelegentlichen Razzien so, als würden sie die Kontrolle über die No-go-Zone im Nordwesten Neapels zurückerlangen. Nicht zufällig wurden die Vele von Scampia zur Kulisse für die Verfilmungen des 2006 erschienenen Tatsachenromans „Gomorrha“ von Roberto Saviano. Darin beschreibt der seither unter Polizeischutz stehende Schriftsteller und Publizist aus Neapel den erbarmungslosen Verteilungskrieg zweier Camorra-Clans im Umland der Hafenmetropole.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Im Vergleich zu Scampia und zu anderen Massenquartieren von Palermo über Rom bis Triest ist Pilastro fast eine Mustersiedlung. Die Wohnblocks der ersten und zweiten Generation sind längst renoviert und frisch verputzt. An den Balkongeländern hängen Blumenkästen. Die Hecken um die kleinen Vorgärten an den Hauseingängen sind auf Kniehöhe geschnitten. Wenn Pilastro ein Ghetto ist, dann eines der unteren Mittelschicht, nicht der krassen Armut.
Aber das Quartier hat in den vergangenen Jahrzehnten sein Gesicht verändert. Der Anteil von Migranten ist stetig gewachsen. In den Neunzigerjahren zogen Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien zu, sodann Migranten aus Osteuropa und aus den Maghrebstaaten, vor allem aus Marokko. Von den knapp 7000 Einwohnern Pilastros sind heute rund 27 Prozent Migranten; um die Jahrtausendwende waren es weniger als fünf Prozent gewesen. Unter den jungen Leuten von Pilastro ist der Anteil noch deutlich höher.
„Der Staat tötet“, steht auf dem Transparent
Abderrahim Fakir kam im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern aus Marokko nach Pilastro. Er wuchs gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern in dem Quartier auf. Die italienische Staatsbürgerschaft hat er nie beantragt. Er lebte mit legalem Aufenthaltstitel in Italien. Vor einigen Jahren zog Fakir gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls aus Marokko stammt, in ein Städtchen südlich von Bologna, wo er ein Kleinunternehmen für Transport und Reinigungsarbeiten betrieb. An Wochenenden kam er häufig nach Pilastro, um Freunde und Verwandte zu treffen.
Was am vergangenen Sonntag zwischen 12.17 Uhr und 12.53 Uhr geschah, zwischen dem ersten Notruf und der Feststellung des Todes durch einen Notarzt, müssen die Ermittlungen klären. Am Geländer einer Brücke, von welcher man auf den Ort des Geschehens blicken kann, hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Verità e giustizia per Fakir. Lo stato uccide“ (Wahrheit und Gerechtigkeit für Fakir. Der Staat tötet). Davor liegt ein einzelner Blumenstrauß. Es hat immer wieder geregnet in den vergangenen Tagen, und es ist deutlich kühler geworden.

Von der politischen und medialen Debatte über den Fall kann man das nicht sagen. Auf der Linken ist mancher überzeugt, dass der Staat tatsächlich „tötet“. Beziehungsweise dass Ordnungshüter von der rechten Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni durch immer neue Sicherheitsgesetze angefeuert werden zum unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt gegen linke Demonstranten und gegen Migranten.
Meloni selbst hat den Tod Fakirs als „inakzeptabel“ bezeichnet, zugleich aber vor einer Instrumentalisierung des Falls gewarnt. Sie und andere Politiker ihrer Mitte-rechts-Koalition bezichtigen Matteo Lepore, den sozialdemokratischen Bürgermeister von Bologna, dieser habe mit seinem Aufruf zur Demonstration der roten Stadtguerilla faktisch grünes Licht für Randale gegeben und das Vertrauen in die Institutionen untergraben. Denn zu diesem Zeitpunkt habe die Aufklärung der Umstände des Todes noch gar nicht beginnen können. Lepore erwidert, er könne für die Krawalle, die er scharf verurteile, nicht verantwortlich gemacht werden. Er habe die Bürger seiner „verwundeten Stadt“ nur dazu aufgerufen, öffentlich ihre Trauer zu zeigen.
Auch in den Medien wird der Kampf um die Deutungshoheit in den weltanschaulichen Schützengräben geführt. Schon ist von einer Parallele zum Fall des Afroamerikaners George Floyd die Rede, der im Mai 2020 in Minneapolis bei einem Polizeieinsatz starb, nachdem ein Beamter minutenlang sein Knie auf den Hals des ebenfalls in Bauchlage am Boden Fixierten gedrückt hatte. Auch in Italien brauche es eine ehrliche Debatte über Polizeiwillkür und Rassismus, heißt es in linken Medien.
Der Wahlkampf nimmt langsam Fahrt auf
Rechte Medien stimmen nicht in das Narrativ vom desorientierten und hilfsbedürftigen Migranten ein, der wegen seiner Herkunft ums Leben gekommen sei. Sie halten mit dem Verweis auf Fakirs erratisches, für sich selbst und andere gefährliches Verhalten dagegen. Demnach hat Fakir gegen sämtliche Garagentore getreten, auch seinen Kopf gegen die Tore geschlagen und gerufen, man wolle ihn umbringen.
Als die von Anwohnern alarmierten Polizeibeamten eintrafen, habe er auch gegen deren Streifenwagen getreten und einem der Polizisten eine tiefe Bisswunde am Bein zugefügt. Weder systemischer Rassismus noch Willkür hätten zum tragischen Tod Fakirs geführt, wird argumentiert, sondern eine Kette von Fehleinschätzungen und Missverständnissen bei Polizei und Rettungsdienst, die von den zuständigen Ermittlungsbehörden aufgeklärt und beurteilt werden müsse.
Die Heftigkeit der Debatte über den Todesfall von Pilastro hat auch damit zu tun, dass im kommenden Jahr ein neues Parlament bestimmt wird und der Wahlkampf allmählich Fahrt aufnimmt. Die linken Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, mit einer politischen Law-and-Order-Offensive von den hohen Treibstoff- und Energiepreisen, von der anhaltenden Krise im Gesundheitswesen und der schwachen Wirtschaftsentwicklung ablenken zu wollen.
Schon im Wahlkampf vor den Regionalwahlen in der Emilia-Romagna war Pilastro im Januar 2020 unversehens in den Mittelpunkt geraten. Matteo Salvini von der rechtsnationalen Lega hatte während eines Spaziergangs durch Pilastro, begleitet von Anwohnern und Journalisten, bei einer tunesischen Familie geklingelt und über die Gegensprechanlage gefragt: „Entschuldigen Sie, handeln Sie mit Drogen?“ Der Vater der Familie wies die Frage entrüstet zurück und verklagte Salvini.
Die Verleumdungsklage wurde bald darauf von einem Richter in Bologna zurückgewiesen. Bei einer Großrazzia in Pilastro im Mai 2022 nahmen die Drogenfahnder dann aber auch jene tunesische Familie ins Visier, und im Jahr darauf wurden mehrere Mitglieder wegen Drogenhandels zu Haftstrafen verurteilt. Einen Regierungswechsel in der Emilia-Romagna, einer traditionellen Hochburg der Linken, konnte Salvini mit seinem berüchtigten „Klingelangriff“ nicht erreichen.
Auch zum Fall Fakir hat sich Salvini schon geäußert. Ohne die weiteren Ermittlungen abzuwarten, gab er die Einschätzung ab, die beiden Polizeibeamten hätten „gemäß Einsatzregeln, nach Vorschrift und mit gesundem Menschenverstand“ gehandelt.
