Die Konstablerwache im Herzen Frankfurts ist ein angsteinflößender Ort. Das sagt Ina Hartwig, die Kulturdezernentin, nicht ohne Grund. Ein Überwachungsmast mit Kameras in alle Richtungen thront über dem Geschehen. Beamte des Ersten Polizeireviers sind rund um die Uhr im Einsatz. Drogengeschäfte, Waffenhandel, Prostitution, Obdachlosigkeit: Hier bündelt sich das Elend fast wie im Bahnhofsviertel.
Nur zweimal in der Woche, wenn der Erzeugermarkt stattfindet, weicht das raue Bild einer bürgerlichen Idylle. Dann machen Kleinkriminelle den Familien und Senioren Platz. Als der Bauernmarkt vor vierzig Jahren gegründet wurde, war auch das sein Zweck: den Problemplatz in eine Oase zu verwandeln.
In Berlin erinnert ein dunkles Tarnnetz an den Krieg
Womöglich schwebte dem Wirtschaftsdezernat eine ähnliche Befriedung vor, als es im Rahmen von World Design Capital Frankfurt RheinMain hier jüngst ein Kunstwerk installierte. Natürlich kann Kunst keinen Drogenhandel vertreiben. Aber die Stadt verkauft „A Sky Full of Hope – Earthtime 1.78 Frankfurt“ der amerikanischen Künstlerin Janet Echelman als Antwort auf einen Ort, den sie politisch nicht in den Griff bekommt.
Das Netz soll Frieden stiften. Stattdessen sorgt es für Streit. Die Installation hat eine Kontroverse ausgelöst; manche sprechen von Kulturkampf. Für die Veranstalter steht die Skulptur für die Vielfalt Frankfurts als Heimat für Menschen aus 178 Nationen: „Verbindung schafft Stabilität.“ Im Volksmund trägt das Werk längst einen anderen Namen: „A Sky Full of Dope“.

Das Netz ist ein gern gewähltes Symbol, weil es so viele Bedeutungen hat, von Einfangen über Abdecken bis zu Verknüpfen oder Verbinden. Auch am Brandenburger Tor wird es jetzt zur Grundlage einer Installation – allerdings unter anderen Vorzeichen. Während in Welt-Designerhauptstadt 2026 ein dunkler Ort durch ein farbiges Netz aufgehellt werden soll, wird am 24. August in Berlin ein schwarzes Tarnnetz aus dem Kriegsarsenal an den Terror erinnern, dem die Ukraine täglich ausgesetzt ist. So wird ein Ort, der symbolträchtig an das Glück der Wiedervereinigung erinnert, mit Tragik verbunden.
Über das farbenfrohe Treiben an der „Konsti“ könnte man sich freuen. Doch es ist Kulissenpolitik, die die Stadt hier an einem Brennpunkt betreibt. Denn unter dem leuchtenden Netz verschwindet die Wirklichkeit ja nicht. Dazu kommt, dass Echelman ihre illuminierten Kunststoffnetze bereits in anderen Städten aufgehängt hat, in Dubai, Madrid, Mailand und Wien. In München schwebte ein Netz im Auftrag von Mercedes über dem Odeonsplatz. Exklusivität sieht anders aus. Und eine eigenständige künstlerische Idee auch.
Ist das also Kunst oder kann das weg? Für den Künstler Tobias Rehberger ist es reinster Kitsch. Eine Stadt mit einer bedeutenden Museumstradition – das Museumsufer und die Städelschule setzen Maßstäbe in ganz Deutschland – muss sich tatsächlich fragen lassen, wie sie ohne öffentliche Ausschreibung oder Wettbewerb einen Auftrag dieser Sichtbarkeit erteilt. Dabei geht es um mehr als Geschmack. Es geht um Vergabepolitik und Transparenz.
Kunst drängt aus den geschützten Räumen ins Offene
Dass die Kosten für die dreijährige Werkausleihe in Höhe von 2,3 Millionen Euro für Aufruhr sorgen – in der freien Szene ebenso wie beim Bund der Steuerzahler –, zählt nicht als Argument. Kunst ist teuer. Für die immer noch reiche Stadt Frankfurt stellt dies keine Summe dar. Und wenn Kunst die geschützten Räume verlässt, aus Theatern oder Museen hinaus ins Freie drängt, ist das zunächst nicht falsch. Gerade dort aber muss sie mehr können, als gut auszusehen. Sie muss einen Ort aufladen, befragen oder verändern. Sonst bleibt sie Deko mit Förderbescheid.

„A Sky Full of Hope“ besitzt den Charme sogenannter Kreisel-Kunst, wie sie Kommunen an Verkehrsinseln aufstellen. Doch weil Kunst nicht länger nur still betrachtet werden will, sondern mit den Menschen interagieren soll, steht gerade auch vor der Berliner Volksbühne ein viel umstrittener Pool. Hier wie dort wurde die Intervention zum Stellvertreterkrieg über Kunst, Geld und die Frage, wer über den öffentlichen Raum bestimmen darf. In Berlin und in Frankfurt hat die Kunst den geschützten Raum verlassen, um in der Gesellschaft anzukommen – und wundert sich dann, wenn die Öffentlichkeit ihre Konflikte dort auch austrägt.
In Frankfurt prallt die Sehnsucht nach kultureller Bedeutung dabei auf die Wirklichkeit des Eventdesigns. Denn das beleuchtete Netz auf der Konstablerwache ist Teil einer Imagekampagne. Die Stadt will damit weltoffen, kreativ und zukunftsgewandt erscheinen. Dass es sich um Stadtmarketing handelt, aus dessen Budget das Werk auch finanziert wurde, hat die Stadt selbst mitgeteilt.
Eigentlich sollte die Skulptur Menschen miteinander verbinden. „Das Netz sind wir alle“, hatte Ina Hartwig gesagt. Im Augenblick macht es vor allem sichtbar, wie umkämpft das Gemeinsame ist. Und die Probleme am angsteinflößenden Platz wurden bunt ausgeleuchtet, aber nicht gelöst.
