Es ist ein Ort, an dem einem der modrig-holzige Geruch von altem Papier in die Nase steigt. Ein Ort, an dem sich vergangene Jahrzehnte und Jahrhunderte anfassen lassen. Das Frankfurter Antiquariat „Tresor am Römer“ ist benannt nach der Bibliographie „Trésor de livres rares et précieux“ aus dem 19. Jahrhundert – der „Schatzkammer seltener und wertvoller Bücher“. Und genau das soll das Geschäft für Inhaberin Sibylle Wieduwilt und ihre Kunden sein.
Doch Ende des Jahres wird Wieduwilt ihre Schatzkammer in der Braubachstraße schließen. Während sie ihren Handel online weiterführt, verliert Frankfurt ein weiteres seiner Ladenantiquariate. Der Handel mit alten Büchern scheint sich immer weiter in die digitale Welt zu verlagern.
Der „Tresor am Römer“ existiert seit fast 50 Jahren. Seit 19 Jahren ist Wieduwilt, 58 Jahre alt, die Inhaberin. Am meisten liebt sie an ihrem Beruf, dass sie niemals aufhört zu lernen – und das Gefühl, „ein Stück Ideengeschichte der Menschheit in den Händen zu halten“. Schon als Kind begeisterte sie sich für alte Bücher. Ihre Mutter war Bibliothekarin und arbeitete später ebenfalls in einem Antiquariat, in dem Wieduwilt täglich viele Stunden verbrachte.
Steigende Mieten setzen den Geschäften zu
Der Abschied aus Frankfurt ist für sie ein Neubeginn. Mit ihrem Mann zieht die gebürtige Jenaerin nach Weimar. Sie wollten in Frankfurt nicht alt werden. Die Stadt habe sich verändert, sei stressiger als noch vor einigen Jahren. In ihrem neuen Zuhause wird Wieduwilt einen Raum einrichten, um Kunden zu empfangen. Der „Tresor in Weimar“, wie sie ihn nennen wird, ist dennoch kein klassisches Ladengeschäft mehr.
Ladenantiquariate, so glaubt die Buchhändlerin, werden es in den nächsten Jahren immer schwerer haben. Es bestehe die Gefahr, dass sie den steigenden Mieten nicht standhalten können und große Ketten sie verdrängen. Doch auch wenn sich das Geschäft zunehmend ins Internet verlagert, ist sie überzeugt: „Antiquariate wird es immer geben.“ Das Interesse an gedruckten Büchern und dem haptischen Erlebnis werde nicht sterben.
Vielleicht, so hofft Wieduwilt, folgt auf die digitale Sättigung eine Zeit der Rückbesinnung – eine Zeit, in der Menschen wieder das Bedürfnis verspüren, das „Reich der Bücher“ in einem echten Laden greifbar zu haben. Die Aufgabe der Antiquare bleibe es, die gedruckte Buchkultur zu vermitteln.
Eine Erstausgabe für 25.000 Euro
Besonders wertvolle Exemplare dieser Buchkultur stehen im „Tresor am Römer“ in Vitrinen, durch die hindurch man in die Vergangenheit blicken kann. In eine Zeit, in der Werke Titel erhielten wie „Angenehmer und nützlicher Zeit-Vertreib mit Betrachtung curioser Vorstellungen allerhand kriechender, fliegender und schwimmender, auf dem Land und im Wasser sich befindender und nährender Thiere“. Die Erstausgabe aus dem 18. Jahrhundert kostet 25.000 Euro. Hier wird sichtbar, wie sich Naturforscher und Künstler vor Jahrhunderten die Welt erschlossen – und sich die Zeit auf angenehme und nützliche Weise vertrieben.

Viele von Wieduwilts Kundinnen und Kunden sind Sammler, die mehrere Tausend Euro für ihre Leidenschaft aufbringen können. Die Antiquarin achtet aber darauf, dass auch für weniger Geld Besonderheiten zu finden sind. Es kämen auch viele junge Menschen zu ihr ins Antiquariat, für sie gebe es einen Rabatt von zehn Prozent. Das gelte für alle unter 30.
In Antiquariaten sind die Preise von seltenen und alten Büchern in den letzten Jahren gestiegen. Auch Auktionshäuser vermelden immer wieder Rekordsummen. Markus Brandis vom Verband Deutscher Antiquare beobachtet eine Schere im Markt: „Während die teuren Objekte immer teurer werden, ist die mittlere Ware nur noch schwer, die der unteren Preisklassen kaum noch zu verkaufen“, sagt er. Brandis, der die Buchabteilung des Auktionshauses Bassenge in Berlin leitet, übernahm vor vier Jahren das Amt des Vorsitzenden des Verbands von Wieduwilt.

Als Antiquar hat er selbst seit bald 40 Jahren Einblicke in die Welt der alten Bücher. Es sind Jahrzehnte, in denen sich viel verändert hat: Die Entstehung großer Onlineplattformen wie des Zentralen Verzeichnisses Antiquarischer Bücher (ZVAB) oder Abebooks von Amazon in den Neunziger- und Zweitausenderjahren habe die Branche erschüttert. Viele Läden haben aufgegeben. Doch nach diesem Schock, so Brandis, habe sich der Markt wieder stabilisiert.
Und trotzdem gaben auch in den letzten Jahren viele Antiquariate auf. Allein in Frankfurt schlossen fünf in den vergangenen 15 Jahren ihre Türen, in Städten im Umkreis wie Mainz und Offenbach kam es ebenfalls zu Geschäftsaufgaben. Für Antiquare, die Bücher im sehr hohen Preissegment anbieten, sei die Lage nicht unbedingt prekär, sagt Wieduwilt. Doch das gilt längst nicht für alle Antiquariate in Frankfurt.
„Ich bin ein moderner Sisyphus“
Norbert Heinz hat vor 26 Jahren das „Zeil-Antiquariat“ eröffnet, seit mehr als 35 Jahren handelt er mit alten Büchern. Er sagt: „Wenn jemand eine Familie zu ernähren hat, sucht er sich besser einen anderen Job.“ In etwa vier oder fünf Jahren wolle auch er aufhören, sagt Heinz. Doch als er das vor der Tür seines Ladens ausspricht, erntet er von einem Bekannten nur ein spöttisches Lachen: „Du sagst seit 15 Jahren, dass du schließen willst. Du machst das genau dann, wenn du deine Augen für immer zumachst.“

Während man durch den „Tresor am Römer“ regelrecht schlendern kann, traut man sich im Antiquariat auf der Zeil kaum, eine Tasche mit sich zu führen. Eine unbedachte Bewegung und einer der unzähligen Büchertürme, die sich hier stapeln, könnte ins Wanken geraten. „Ich bin ein moderner Sisyphus“, sagt Heinz. Das Aufräumen und Sortieren nehme bei ihm einfach kein Ende.
Doch trotz der verwinkelten Gänge und deckenhohen, überfüllten Regale scheint Heinz sich zurechtzufinden – er weiß, wo sich ein Buch, nach dem gefragt wird, befinden könnte, zumindest in etwa. Frei nach Walter Benjamins Worten aus seinem Essay „Ich packe meine Bibliothek aus“ (1931): „Denn was ist dieser Besitz anderes als eine Unordnung, in der Gewohnheit sich so heimisch machte, dass sie als Ordnung erscheinen kann?“
Manche kommen auch, um einen „Schnack“ zu halten
Trotzdem, so schwierig die wirtschaftliche Lage ist, kann Heinz sich nichts anderes vorstellen. Auch nach so vielen Jahren liebt er es, immer wieder besondere Bücher zu entdecken, „Perlen zu finden“, wie er es nennt. Und doch weiß er, dass Menschen nicht nur Bücher bei ihm suchen und finden. Das Antiquariat sieht er auch als einen sozialen Ort. „Die Leute wissen, dass sie hier interessante Menschen treffen und einen Schnack halten können.“

Was alle Antiquare in Frankfurt – und in anderen Städten wird es nicht anders sein – verbindet, sind die vielen Anrufe am Tag von Menschen, die weniger Bücher kaufen, sondern sie vor allem loswerden wollen. Wieduwilt, Heinz und auch Thomas Orban und Ines Streu, die ein Antiquariat im Nordend betreiben, sprechen von vier bis fünf Anfragen am Tag. Wobei zu vermuten ist, dass sie nacheinander von denselben Menschen abtelefoniert werden.
„Als wir angefangen haben, war die Nachfrage größer als das Angebot“, sagt Orban. „Jetzt ist es andersherum.“ Auch er wird deutlich, wenn es um die Wirtschaftlichkeit des Antiquariatsbetriebs geht. Sie könnten davon leben, allerdings nur „mit sehr viel Fleiß und Selbstausbeutung“, sagt Orban. „Aber zweimal Urlaub im Jahr ist nicht drin – und schon nicht, ein Auto zu kaufen.“ Ihre Ankäufe machen die Buchhändler mit ihren Fahrrädern.
Im Gegensatz zu Norbert Heinz handeln Orban und Streu schon seit vielen Jahren online mit Büchern. Der Handel im Internet bringe inzwischen etwa 60 Prozent ihres Umsatzes. Mehr als 40.000 Bücher umfasst ihr Angebot, die meisten aus dem 20. und 21. Jahrhundert.
Optimistischer Blick in die Zukunft
Trotz des Onlinegeschäfts sind die beiden sicher, dass Ladenantiquariate wichtig bleiben – oder sogar noch wichtiger werden: „Es ist auch ein Ort zum Digital-Detoxen, durch das Stöbern schauen die Menschen mal nicht auf ihr Handy“, sagt Streu. Das „Auratische“ des Buches werde zunehmend wichtig.
Markus Brandis nutzt denselben Begriff: Es gebe eine Sehnsucht nach dem „Auratischen“, sagt er. In unsicheren Zeiten suchen Menschen nach Beständigkeit – und diese finden sie in der Patina des alten Buches. Auch das Publikum wandelt sich: Auf Messen beobachtet er zunehmend junge Menschen, die sich für die alten Werke begeistern, die staunen, wenn sie eine Erstausgabe von Shakespeare oder Goethe vor sich haben. Für Ladenantiquariate, die es schaffen, online und vor Ort präsent zu sein, sieht er nach wie vor eine Zukunft. Auch die sozialen Medien würden gute Möglichkeiten bieten, um für sich zu werben.
Der Enthusiasmus von Brandis für die Buchkunst und -kultur ist auch nach all den Jahren nicht versiegt. Es gebe „keinen einzigen Tag im Leben eines Antiquars, an dem man nicht etwas sensationell Neues lernt, an dem man nicht über eine Rarität staunt“. Außerdem müsse man nie in Rente gehen. Brandis blickt optimistisch in die Zukunft seiner Branche. Für ihn steht fest: „Das Antiquariat ist nicht tot.“
