
Seit Jahren macht der Industriegasekonzern Messer als einer der Aufsteiger in der deutschen Wirtschaft von sich reden. Während sich der große Konkurrent Linde ins Ausland wegfusionierte, hat das Familienunternehmen eine Rückkehr zum Weltkonzern mit mehr als vier Milliarden Euro Umsatz geschafft – durch eigenes Wachstum und einen Großzukauf. Nun fällt es durch einen Exodus im Vorstand auf. Drei der fünf Mitglieder im obersten Führungsgremium geben binnen Kurzem und zur Überraschung vieler im Unternehmen ihre Posten ab – darunter Konzernleiter Bernd Eulitz und der Finanzvorstand Helmut Kaschenz.
Messer liefert Gase an Industrieunternehmen aus der Medizin, Lebensmittel- und Elektronikbranche und an Forschungsinstitute. Beherrschender deutscher Konzern war bis vor einigen Jahren Linde, die allein durch die Präsenz im Börsenleitindex Dax Aufmerksamkeit fand. Doch das Münchener Unternehmen fusionierte mit dem US-Wettbewerber Praxair und ist mit seinem Sitz aus Deutschland verschwunden.
Der Konzern musste aus Kartellgründen damals wichtige Geschäfte abgeben – was Messer die Gelegenheit zum entscheidenden Wachstumsschub bot. Das Unternehmen, damals noch unter der Führung von Stefan Messer aus der Gründerfamilie, tat sich mit dem Private-Equity-Haus CVC zusammen und erwarb den Großteil von Lindes Gasgeschäft in Nordamerika und einzelne Geschäfte in Südamerika.
Wiederaufstieg eines zerschlagenen Konzerns
Damit schlug Messer ein neues Kapitel in seiner wechselhaften Geschichte auf. Lange hatte der Gashersteller zu Hoechst gehört, aber das Chemie- und Pharmakonglomerat verkaufte ihn im Zuge seiner Selbstzerschlagung an ein Duo von Finanzinvestoren. Die Private-Equity-Häuser wiederum veräußerten Messer im Jahr 2004 in Teilen. Die Messer-Familie als Minderheitseignerin übernahm einen kleinen Anteil des Geschäfts. Stefan Messer machte das zum Grundstein einer Wachstumsgeschichte – durch Wachstum aus eigener Kraft ebenso wie den großen Deal gemeinsam mit CVC.
Im Jahr 2023 löste der singapurische Staatsfonds GIC als Großaktionär CVC ab. Die Höhe des Anteils wurde nicht angegeben, soll aber rund ein Fünftel betragen. Im selben Jahr übergab Stefan Messer die operative Führung an Bernd Eulitz, der früher einmal als Vorstand für Linde gearbeitet hatte. Die meisten im Konzern dürften damit gerechnet haben, dass Eulitz für mehr als nur drei Jahre bleiben würde. Eulitz wie auch Stefan Messer, der inzwischen den Aufsichtsrat führt, gelten als beliebt in der Belegschaft.
Aber in der vergangenen Woche kam die Mitteilung, der 60 Jahre alte Manager gehe mit Ablauf seines Vertrags in den Ruhestand. Zum 1. Juli übernehme Peter Mohnen, der bis zum vergangenen Jahr den Roboterkonzern Kuka geleitet hatte. Mohnen wurde kürzlich erst in Messers Aufsichtsrat berufen und gibt den Sitz mit dem Wechsel in den Führungssessel wieder ab.
Warum wurde er für diese kurze Zeit überhaupt Kontrolleur? Das ist eine der Fragen, die sich am Konzernsitz in Bad Soden nahe Frankfurt viele stellen. Das Unternehmen teilt mit, Eulitz gehe „wie geplant“ in den Ruhestand. Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, er wolle künftig allenfalls noch kleinere Mandate in der Wirtschaft übernehmen.
Finanzvorstand und Europachefin gehen auch
Daneben verlässt Vorstandsmitglied und Europachefin Virginia Esly das Unternehmen zum 30. Juni. „Auf eigenen Wunsch“, wie Messer mitteilt. Sie sitzt im Management als eine von drei Regionalchefs, neben jenen für Asien und Amerika. Schon bereit für den Abschied ist Finanzchef Kaschenz. Im Februar hatte Messer mitgeteilt, dieser werde im Laufe des Jahres 2026 seine Funktion als Chief Financial Officer (CFO) niederlegen, ebenfalls „auf eigenen Wunsch“.
Wer ihm folgt, war offen – ein deutliches Indiz, dass die Entscheidung eher abrupt geschah, jedenfalls nicht im Zuge eines lange geplanten Wechsels. Kaschenz werde „weiterhin bis zu einer geordneten Übergabe die Finanzorganisation leiten“, hieß es damals. Der reguläre Vertrag lief bis März. Immerhin: Nach F.A.Z.-Informationen ist der Nachfolger inzwischen gefunden, ein Vertrag sogar schon unterschrieben.
Im Jahr 2025 wies das ansonsten von Wachstum verwöhnte Unternehmen weitgehend stagnierende Kennzahlen aus. Der Umsatz belief sich auf 4,5 Milliarden Euro. Das war ein knappes Prozent mehr als im Vorjahr, lag aber unter dem selbsterklärten Ziel, welches eine starke Umsatzsteigerung vorgesehen hatte. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg marginal auf 1,4 Milliarden Euro. Die Marge blieb damit wie in der Industriegasebranche generell üblich hoch, auf 31 Prozent. Für dieses Jahr erwartet Messer nachteilige Währungseffekte, das Unternehmen gibt seine Prognosen währungsbereinigt ab. Der Umsatz unter Herausrechnung der Währungseffekte soll stark steigen, das Ebitda leicht.
