Er sitzt vor dem Schaufenster eines Darmstädter Sportgeschäfts und spielt Bach. „New“ steht werbend auf den Glasfronten hinter ihm, die Schaufensterpuppen dort tragen Trainingsshirts und Leggings. Er hingegen präsentiert Altehrwürdiges aus dem Barock. Auf einem Klapphocker sitzend, vor sich sein Knopfakkordeon, spielt er mit flinken Fingern die anspruchsvollen Läufe einer Fuge. Der Kopf leicht geneigt, der Blick konzentriert – tief abgetaucht in die Musik ist er, während um ihn herum das übliche Gewusel einer Fußgängerzone herrscht. Radler umkurven ihn, ein Lieferwagenmotor heult auf, Frauen tragen Einkaufstaschen vorbei. Konsummeile mit Klassikbegleitung.
Victor Pribylov mag das, braucht das. Seit 30 Jahren ist der gebürtige Kasache und studierte Musiker mit seinem osteuropäischen Knopfakkordeon regelmäßig in Fußgängerzonen des Rhein-Main-Gebiets zu erleben – in Darmstadt, Frankfurt, Mainz oder Wiesbaden, wo er im Stadtteil Kostheim wohnt. Er spielt Klassik von Rachmaninow, Schostakowitsch, Vivaldi oder Tschaikowsky. Er lässt die Kompositionen dieser erlauchten Herren mit einer Virtuosität erklingen, die Menschen dazu bringt, anzuhalten und zuzuhören. Auch deswegen macht er das. Und um für seine Konzerte zu proben.
Probezeit für Konzerte auf der Straße
„Ich bin kein Straßenmusiker, ich bin Musiker“, sagt Pribylov, das ist ihm wichtig zu betonen. 20 bis 30 Konzerte spiele er aktuell im Jahr, oft ist er in Kirchen zu Gast. „Die Straße ist für mich Probezeit.“ Gerade wenn er ein neues Stück einstudiere und vieles wiederholen müsse, könne er das nicht zu Hause machen. Das nerve die Nachbarn und auch seine Partnerin. Also nutzt er die Fußgängerzone als öffentlichen Proberaum, in dem er obendrein etwas Geld verdient. „Was ich spiele, ist technisch anspruchsvoll“, sagt er. „Ich muss jeden Tag die Finger trainieren, ohne Straße geht das nicht.“ Und heute, mit 68 Jahren, kann er von sich behaupten: „Ich bin einer der ältesten Akkordeonisten, der solo Klassik spielt.“
Dass Können nicht nur von täglicher Übung kommt, macht ein Blick in seinen Werdegang klar. Geboren in Kasachstan, als es noch Teil der Sowjetunion war, begann er mit sieben Jahren seine musikalische Ausbildung. Schon früh hat er sich verliebt in das Bajan, die osteuropäische Form des chromatischen Knopfakkordeons, das einen größeren Tonumfang hat als ein Akkordeon mit Klaviertasten. Das macht es für klassische Musik geeignet.

Mit diesem Schwerpunkt studierte Pribylov an Hochschulen und Konservatorien in Sibirien und arbeitete unter anderem als Musikleiter des Philharmonischen Orchesters im russischen Tomsk. Als Akkordeon-Solist gab er Konzerte in vielen Städten der damaligen UdSSR, gewann Preise und trat ab den Achtzigern zunehmend auch in Deutschland auf.
Hier beginnt seine Geschichte als Einwanderer. „Ich habe früher sehr viel verdient“, erzählt er im Rückblick auf seine Zeit als Musiker in der Sowjetunion. Aber das habe sich mit dem Ende der UdSSR in den Neunzigern geändert, es sei ökonomisch bergab gegangen. „1997 sagte ich, es geht nicht mehr.“ Wie viele Musikerkollegen habe es ihn nach Deutschland gezogen.
Jeweils über drei Monate habe er hier Straßenmusik gemacht und sei dann wegen der begrenzenden Visumregeln immer wieder für drei Monate zurück nach Russland zu seiner Familie gegangen, um danach wieder für drei Monate zum Geldverdienen nach Deutschland zu kommen. So ging das über Jahre, bis er ab 2011 dauerhaft in Deutschland leben und arbeiten konnte. Auch seine beiden Söhne und die inzwischen von ihm geschiedene Frau leben hier. Seit 2022 ist der gebürtige Kasache auch deutscher Staatsbürger.
Pribylov zieht weiter. In Darmstadt dürfen Straßenmusiker nur eine halbe Stunde an einem Ort musizieren. Er klappt den Hocker zusammen, legt das Bajan in die Instrumententasche, zurrt alles auf einem kleinen Anhänger zusammen und rollt damit los. Ein Mann mit grauem Haar und Schnäuzer, der ein braunes Cordjackett zur Bluejeans trägt. Ein paar Hundert Meter und eine Ecke weiter stoppt er am Weißen Turm und richtet sich wieder ein. Klapphocker aufstellen, Bajan auspacken. Im Anhänger vor sich drapiert er seine CDs – „Slawische Impressionen“, „The Four Seasons“ – und die Faltblätter, die seine nächsten Konzerte bewerben. Aus den Boxen des Kaufhauses, das nun in seinem Rücken ist, dudelt Radio-Pop. Doch das stört ihn nicht.
Als Musiker drei Konzerte für die Ukraine organisiert
Pribylov nimmt sich nun Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge d-Moll vor. Er spielt das energische Stück sanft, andächtig, die Augenbrauen in der Mitte zusammenziehend. Direkt bleiben zwei Frauen stehen, lauschen, die jüngere filmt mit ihrem Handy. Nach dem kraftvollen Schlussakkord wird geklatscht. Victor Pribylov muss lachen: „Das war ganz schlecht.“ Das findet die junge Zuhörerin nicht. Sie tritt zu ihm hin, stöbert durch seine CDs und erkundigt sich nach dem nächsten Konzert in Darmstadt. „Da komme ich auf jeden Fall hin“, sagt sie. „Ich mag klassische Musik, und Akkordeon hört man nicht so häufig.“ Kurz unterhalten sich die beiden auf Russisch. Sie stammt von der Krim, ist nach deren Annexion 2015 hierhergezogen.
Solche Geschichten kennt der Bajan-Spieler auch aus dem eigenen Umfeld. Seine Partnerin ist Ukrainerin, der Krieg ist zu Hause oft Thema, auch von Streit. „Ich bin Russe“, sagt er. Aber er sei gegen Putin und dessen Angriffskrieg. „Ich habe drei Konzerte für die Ukraine organisiert.“
Bei seiner Familie in der russischen Heimat kommt seine Putin-kritische Haltung nicht gut an. „Sie schauen die Propaganda im Fernsehen und glauben alles.“ Das Leben dort sei sehr teuer geworden. Viel habe sich verändert, auch Beziehungen. Mit seinen beiden Schwestern spreche er nicht mehr über Politik. Sein Neffe rede gar nicht mehr mit ihm. „Auch viele Bekannte, darunter Musiker oder Professoren, unterstützen Putin.“
An seiner Liebe zu russischer Klassik und dem von dort stammenden Knopfakkordeon ändert das nichts. Das ist eine Liebe für immer. Ein bisschen zum Ausdruck kommt das auch in dem Instrumentennamen auf der Front seines Bajans: Es sind drei kyrillische Buchstaben, die das russische „Mir“ bilden. „Und das bedeutet ‚Frieden‘ oder ‚Welt‘“, sagt Victor Pribylov. Darauf noch einen Schostakowitsch.
