Von einem gewissen Punkt an reicht es, einfach der Glitzerspur zu folgen. Zart beginnt sie an diesem ersten Tourwochenende von Harry Styles schon in den Zügen nach Amsterdam und verdichtet sich dann in den Metrolinien zum Stadion. Glitzermakeup, Glitzerhaare, Glitzerkrawatten, vor allem aber: Glitzeraugen, groß. Heute wird gefeiert.
Es sind für viele die letzten Meter einer langen Anfahrt. Harry Styles „Together, Together“-Tour umfasst 67 Shows in nur sieben Städten. Drei Jahre ist die letzte Tour her, in der Zwischenzeit hatte Harry Styles erstmals in seiner Karriere Zeit für sich. Er verbrachte sie in Italien, soll inzwischen mit der Schauspielerin Zoë Kravitz verlobt sein. Vor allem aber lebte er in Berlin, was als Inspiration für die Techno- und Dance-Anleihen seines vierten Albums gilt, das im März erschien.
Fürs Live-Spielen gemacht
Die schwedische Sängerin Robyn, die vor Styles auftritt, schürte zuletzt ähnliche Erwartungen wie das Musikvideo zum Song „Dance no more“, das Styles wenige Tage vor dem Tourauftakt veröffentlichte: Es erinnerte an Troye Sivans Video zu „Rush“, das queeres Begehren zelebriert. Nach den vielen Jahren spekulativer Fan-Fiction ist Styles dazu übergegangen, jede Art von Begehren zu chiffrieren. Dass er sich mit dem Berliner Techno auch auf eine schwule Subkultur bezieht und im Video mit ihren Codes spielt, deutet darauf hin, dass er Selbstbestimmtheit im Umgang mit den Diskursen über seine Sexualität gefunden hat.
Tatsächlich macht sich der Einfluss der Berliner Clubkultur in der Live-Show erstmal nur subtil bemerkbar, auf Bildschirmen, die links und rechts von einer riesigen Wand mit Diskokugel-Effekt stehen: Neonfarben und Pastelle erzeugen an Risographie erinnernde Bilder und verschwimmen dann wieder in Muster, die psychedelische Assoziationen hervorrufen. Styles steht ja auch nicht für den exzessiven Raver, sondern eher für den unter sogenannten Expats häufig vertretenen ausbalancierten Clubgänger: Matcha, Marathon. Berghain.
Viele der neuen Songs erreichen ihre wahre Form wirklich auf dieser Bühne. In einem etwas undeutlich choreographierten Knäuel aus Band und Tanzparty folgt „Dance No More“ auf „Ready Steady Go“. Beide sind wie fürs Live-Spielen gemacht.
Auf Bowie stößt man bei Styles ständig
Danach „Treat People With Kindness“ vom zweiten Album, „Fine Line“, das ebenfalls live besonders einleuchtet und sowohl Fan-Ethos als auch Bowie-Tribut ist. Auf David Bowie stößt man sowieso häufig, wenn man Styles verstehen will. Und auch in Bezug auf Styles’ Weiterentwicklung und Veränderung gibt er Orientierung: Bowie war vielleicht der Erste, dessen künstlerische Identität sich zentral um die Einteilung in Phasen des Selbst drehte, die spätestens seit Taylor Swifts „Eras“-Tour und dem Einzug der „Ära“ in den Alltagssprachgebrauch nicht mehr wegzudenken ist.
Aber wollen die Fans überhaupt Neuerfindung von Harry Styles, oder dulden sie sie eher? Was erwarten sie überhaupt von ihm? Da steht also ein Zweiunddreißigjähriger, der, angezogen wie Karlsson vom Dach, die versammelten Massen ein Geburtstagsständchen singen lässt und ausgelassen über die Bühnenstege tobt. Und dann wieder lyrisch zurückgenommen auftritt, nicht zaghaft, aber sanft. Die Interaktionen mit den Fans sind auf fast höfliche Art verspielt, teilweise richtig ritualisiert.
Eine Projektionsfläche für das Gemeinschaftsgefühl
Die Vergleiche von religiöser Ekstase liegen nahe und wurden vielfach bemüht. Der Marketingprofessor Bernard Cova tat es in seinem Text „Community and consumption: Towards a definition of the ‚linking value‘ of product or services“, indem er diese Bedeutung religiöser Verehrung hervorhob: „linking humans with the divine and thus linking humans with each other“. Wir befinden uns in einer Konsumwelt, in der Nutzwert weniger zählt als Verbindung, der „Linking Value“. Man entnahm es schon dem Namen der Tour: Harry Styles als Projektionsfläche für das Gemeinschaftsgefühl der Fans. Das Konzert wird zur Utopie der Gegenwart, ein Ausnahmezustand, den die Fans nicht einfach von Styles erwarten, sondern aktiv generieren.
Halb Europa muss nach Amsterdam
Für die große Wirkung reicht es, wenn Styles diese Themen allgemein anstößt. „Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der es nicht besonders cool ist, einfach mal etwas ausprobieren“, sagt er vor „Carlas Song“. Dann: „Ich denke, ausprobieren ist die coolste Sache, die man tun kann.“ Klingt vielleicht trivial. Aber in einer von Plattformen dominierten Öffentlichkeit wird ja genau diese Freiheit der Jugend beschnitten und in Zynismus verwandelt.
Das große Problem an dieser Art von „Linking Value“ ist, dass sie kostet. Schon im Vorfeld der Tournee äußerten Fans ihrem Unmut über das Residenz-Konzept. Halb Europa muss in den nächsten Wochen nach Amsterdam, um Harry Styles zu sehen. Mancher mag die Chancen darin sehen, dass riesige Entouragen nicht mehr um die Welt fliegen. Andererseits war es schon immer erlaubt, zu Konzerten in anderen Städten reisen. Jetzt ist es bloß etwas geworden, das man sich leisten können muss.
Als die ganze Arena den Closer „As It Was“ so laut mitbrüllt, dass man die Heiserkeit von morgen schon heraushört, muss man trotz aller Bedenken gar mitmachen. Ob diese Euphorie mit der hochgelobten „Love On Tour“-Tournee mithalten kann, können wohl nur die beantworten, die da waren. Aber knapp 60.000 Leute, deren Herz höher schlägt beim Aufruf zu Gemeinschaft – das ist wenigstens mal eine Fan-Fiction, die sich gern weiter verbreiten darf.
