Die Tische vor der Eisdiele auf dem Sossenheimer Kirchberg sind an diesem strahlend schönen Frühlingstag voll besetzt. Einige müssen mit ihrem Eisbecher auf die Parkbänke ausweichen, die den kleinen Platz vor der katholischen Kirche St. Michael säumen. Das Café hat erst seit Ostern wieder geöffnet. Fast eineinhalb Jahre stand die in einem städtischen Gebäude untergebrachte Eisdiele leer, weil der Pächter schwer erkrankt war. Bis Uwe Natter in einer „Laune“, wie er sagt, mit Freunden eine Initiative zur Wiederbelebung der traditionsreichen Einrichtung startete.
Rund 30.000 Euro steuerte der 53 Jahre alte Unternehmer aus der eigenen Schatulle bei – und schon wenige Wochen später stand die Eröffnung des Pop-up-Ladens an, der farbenfroh und sehr einladend gestaltet wurde. „Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich die Sossenheimer wieder treffen können“, sagt Natter, der einen mittelständischen Betrieb im Gesundheitswesen führt. Erst vor sechs Jahren ist er in den Stadtteil im Frankfurter Westen gezogen.
Wie überall in der suburbanen Provinz sterben auch in Sossenheim die kleinen Geschäfte und Cafés in der Ortsmitte weg. Hinzu kommt, dass Sossenheim eigentlich nie ein richtiges Zentrum hatte. Es war ein Straßendorf – und ist es bis heute geblieben. Nur wenige Meter vom Kirchberg entfernt quält sich der Auto- und Busverkehr auf der engen Hauptstraße durch den Ort. Es ist die Verbindung zwischen dem Industriepark Höchst und den großen Gewerbegebieten in Rödelheim und Eschborn. Die Sossenheimer tragen ihren Anteil zu den Staus bei. Viele Ansässige sind mit dem Auto unterwegs, weil der Ort weder an eine U-Bahn noch S-Bahn angeschlossen ist.

„Der Verkehr ist eines der größten Probleme hier“, sagt Gwendolin Schwab. Sie betreut als Quartiersmanagerin mit ihrer Kollegin Lara Paulus vor Ort das Projekt „Sozialer Zusammenhalt Sossenheim“. Seit acht Jahren ist Sossenheim Teil dieses Bund-Länder-Programms zur Städtebauförderung. Nicht von ungefähr: Zwar hat Alt-Sossenheim sich seinen dörflichen Charakter mit Fachwerkbauten und kleinen verschachtelten Häuschen bewahrt. Doch drum herum sind während der Sechziger- und Siebzigerjahre mehrere große Siedlungen gebaut worden, in denen Zuwanderer und einkommensschwache Menschen eine Heimat fanden.
Pro Sieben drehte in Sossenheim die Doku „Die Gangs von Frankfurt“
Das hat das Zusammenleben in Sossenheim, das inzwischen 16.000 Einwohner hat, über die Jahre hinweg verändert und nicht einfacher gemacht. Es entstand eine spezielle Melange, die der Karikaturist und Wahl-Sossenheimer Chlodwig Poth (1930–2004) in seiner ironisch genannten Cartoonserie „Last Exit Sossenheim“ in der Satirezeitschrift „Titanic“ aufgespießt und in ganz Deutschland bekannt gemacht hat. Der Fernsehsender Pro Sieben hat dann um die Jahrtausendwende Sossenheim in einer Reportageserie („Die Gangs von Frankfurt“) zum gewaltaffinen Ghettoviertel stilisiert.
Ein immer noch dominierendes Negativimage, das falsch ist, wie Schwab sagt. Die beiden Quartiersmanagerinnen sind angetreten, um für den „Last Exit Sossenheim“ neue Ausfahrten zu entwickeln. Zu den Projekten gehört die Initiative „EISundRAUM“. Natters Pop-up-Eisdiele wird nebenan durch ein kulturelles Zentrum ergänzt, das Ausstellungen oder Theaterworkshops für Jugendliche auf dem Programm hat. In dem postmodernen städtischen Gebäuderiegel aus den Achtzigerjahren, der den Kirchberg von der darunter gelegenen Hauptstraße trennt, ist auch die Sossenheimer Filiale der Stadtbücherei untergebracht.

Rund 33 Millionen Euro werden bis zum Ablauf der Bund-Länder-Städtebauförderung nach Sossenheim fließen. Angelegt wurden unter anderem neue Spiel- und Bolzplätze in zwei großen Siedlungen. Jetzt wird die Neugestaltung der Ortsmitte am Kirchberg in Angriff genommen. Im vergangenen Jahr haben drei Planungsbüros dazu Vorschläge geliefert, die in Werkstätten mit den Bürgern diskutiert wurden. Im Kern geht es darum, Alt-Sossenheim entlang der Hauptstraße mit einem neuen Mobilitätskonzept und den zentralen Platz auf dem Kirchberg aufzuwerten. Frankfurts Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) will bei der Umsetzung schrittweise vorgehen.
Die AfD holt in Sossenheim ihr zweitstärkstes Ergebnis in Frankfurt
Der Kampf auch für kleine Veränderungen kann zäh sein, wie man im Ortsbeirat 6 weiß, zu dem Sossenheim neben den anderen im Westen gelegenen Stadtteilen wie Höchst, Nied, Griesheim oder Sindlingen gehört. Es ist nicht nur die mangelhafte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, die die langjährige Ortsvorsteherin Susanne Serke (CDU) beklagt, die selbst in Sossenheim wohnt. Seit vielen Jahren bemüht sich der Ortsbeirat nach ihren Worten um einen Radweg in das benachbarte Eschborn. Und die Idee, speziell für die älteren Menschen in den großen Siedlungen am Ortsrand abrufbare Kleinbusse (On-Demand) einzurichten, sei im Magistrat wegen der Finanzierung auf taube Ohren gestoßen.
Serke stellt eine wachsende Frustration bei einem Teil der Sossenheimer fest. „Man sieht es am Wahlergebnis“, sagt sie. Nach Ansicht der CDU-Politikerin spiegelt es die Unzufriedenheit der „Randstadtteile“ mit der Magistratspolitik wider. Denn bei der Kommunalwahl im März kam die AfD in Sossenheim auf 17,3 Prozent – ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie in ganz Frankfurt. Nur der am Industriepark Höchst gelegene Stadtteil Sindlingen lag mit 17,4 Prozent noch darüber.
Neben dem Städtebauförderprogramm hat die Stadt vor drei Jahren außerdem Sossenheim zum „Klimaquartier“ gemacht. Mit Mitteln der staatlichen Förderbank KfW sollte privaten Eigentümern bei der energetischen Sanierung geholfen werden. Mit seiner Vielzahl an kleinen Einfamilienhäusern, überwiegend in den Fünfzigerjahren gebaut, schien Sossenheim dafür gut geeignet.
Ein mit der Beratung beauftragter Dienstleister aus Nordrhein-Westfalen hat seit 2022 Spaziergänge mit Informationen über den Einbau von Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen organisiert, die durchaus Interesse fanden. Die Zahl der Einzelberatungen war jedoch zumindest anfangs eher bescheiden. Im Ortsbeirat habe man sich deshalb gefragt, ob dieses zukunftsweisende Projekt auch effizient genug sei, berichtet Serke. Ein Eindruck, dem man sich im Frankfurter Umweltdezernat nicht verschließen will. Es sei zeitweise nicht alles „rund“ gelaufen, sagt Janet Huth vom Klimareferat.
Vereine spielen eine wichtige Rolle
Vor wenigen Tagen ist das „Klimaquartier“ – nach Ablauf der Förderperiode – nun in die Hände des Klimareferats übergegangen. Erstmals soll es auch Beratungen auf Türkisch geben, um eine andere Zielgruppe zu erreichen. Das Klimareferat will jetzt noch mehr aus dem Projekt „rausholen“, wie Huth sagt. Betreut wird das Projekt, das die Stadt mit jährlich knapp 100.000 Euro fördert, von dem mit der Stadt kooperierenden Frankfurter Verein Energiepunkt. Dieser will auch verstärkt die Wohnungswirtschaft und Sportvereine ansprechen.
Gerade die Vereine spielen in Sossenheim eine große Rolle. Das bestätigt jeder im Ort. Hier erweist sich die alte dörfliche Struktur als große Stärke. Als Uwe Natter seinen Pop-up-Eisladen eröffnet hat, war es selbstverständlich, dass die Sportvereine mithalfen und zum Beispiel die gelben Sonnenschirme stellten. Die freiwillige Feuerwehr übernahm die Einrichtung des WLANs.

„Es gibt nicht nur ein reges Vereinsleben, auch die Angebote sind hier sehr vielfältig“, sagt Thomas Walter, ein Ur-Sossenheimer, der in dem Stadtteil mit dem vielen Grün am Sulzbach und an der Nidda sehr gerne lebt. Der 64 Jahre alte, leitende Mitarbeiter in einem Handwerkerbetrieb engagiert sich selbst ehrenamtlich in der katholischen Kirche, die sich wiederum ökumenisch stark mit der evangelischen Kirche verknüpft hat. Beide Kirchen bieten ein erstaunlich dichtes und interessantes kulturelles Programm an. Ende Mai kommt im Volkshaus Sossenheim eine mit Kindern entwickelte Stadtteil-Oper zur Aufführung, die zahlreiche Sponsoren möglich machen.
Es schmerzt dann, wenn zu interessanten Veranstaltungen nur wenige Menschen kommen, wie Walter bedauernd sagt. Ein Problem ist, dass sich die unterschiedlichen Kulturen angesichts der heterogenen Bevölkerungsstruktur immer noch zu selten begegnen. Wer in den Siedlungen wohnt, bleibt lieber unter sich. „Es ist eine sehr große Herausforderung, die Menschen zusammenzubringen“, stellt Quartiersmanagerin Schwab fest.
Walter wünscht sich von allen Sossenheimern, egal welcher Herkunft, mehr Eigeninitiative, um aufeinander zuzugehen. Immerhin gibt es bei der Infrastruktur weitere Fortschritte zu vermelden: In diesem Jahr soll noch ein provisorischer Radweg nach Eschborn eingerichtet werden, sagt Quartiersmanagerin Schwab. Das Wichtigste für viele Sossenheimer ist aber der eigene Schienenanschluss, der im Jahr 2030 kommen soll. Dann will die Regionaltangente West (RTW), die von Bad Homburg im Norden nach Dreieich im Süden führt, ihren Betrieb aufnehmen.
