Was passiert mit den Bildern, wenn wir nicht mehr da sind?“ – Diese Frage stellte Christoph Schlingensief, als er 2008 in Graz beim Festival steirischer Herbst seine Laufbild-Installation „The African Twin Towers“ eröffnete: Zwei Jahre vor seinem Tod, gezeichnet von einer schweren Lungenkrebsoperation, sprach er über Filme, „die Heimat gewesen sind“ und im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit kaum noch existieren. Luchino Viscontis „Die Verdammten“ zum Beispiel, Conrad Rooks „Chappaqua“ oder Wim Wenders’ „Der Stand der Dinge“: Schlingensief wollte diese Meisterwerke „überprüfen“. 2005 hatte er sie bei seinen Dreharbeiten und performativen Re-Enactments in Namibia diversen Crashtests unterzogen – mit dem Ergebnis, dass die dabei abfallenden Trümmer sich zumindest fürs Kino kaum noch zu einem schlüssigen Ganzen remontieren ließen.
Der ursprünglich geplante Spielfilm, für den immerhin Stars wie Irm Herrmann, Patti Smith oder Robert Stadlober nach Afrika geflogen waren, wurde nie fertiggestellt. Andererseits war das szenische und filmische Stückwerk, das da nun in Graz auf 18 TV-Bildschirmen pulsierte und bebte, selbst einer „Überprüfung“ durch das Publikum ausgeliefert: Menschen, die über die Kontexte von Schlingensiefs „Parsifal“ in Bayreuth (2004 bis 2007), das daraus resultierende Filmprojekt in Namibia oder die daran anschließende Burgtheater-Installation „Area 7“ bestenfalls fragmentarisch informiert waren. Der allgemeinen Faszination und/oder Begeisterung tat dies keinen Abbruch.
Angekarrte Bühnenbildelemente und Videoarbeiten
Schlingensief, der Publikumsliebling, war ja noch da. Der Zweifel war ihm aber ins Gesicht geschrieben. Auf einem Polaroid-Foto, das Patti Smith in Namibia gemacht hatte, verdichtet sich für mich die Depression, die – aus seiner Sicht – im Krebs ihre finale Übersteigerung fand: Christoph hatte gerade – frei nach Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ – ein (kleines) Schiff über einen Berg gezogen. Und jetzt, die Leinen in Händen, blieb unklar, ob er noch einmal am sicheren Festland andocken oder einfach auf die hohe See hinaustreiben sollte.
„Selbst wenn man in 100 Jahren Schlingensiefs Namen noch kennen sollte, wird man etwas ganz anderes mit ihm verbinden, als er mit sich selber verbunden hat“, schrieb vier Jahre nach Christophs Tod sein dramaturgischer Wegbegleiter und (2025 verstorbener) Freund Carl Hegemann. „Das war seine Überzeugung.“ Dementsprechend überrascht es auch gar nicht, dass jetzt gerade die Wiener Festwochen im Museum für Angewandte Kunst eine Ausstellung eröffnet haben, die dem „eigenen Bild“, in das Schlingensief „immer treten wollte“, nur in Ansätzen entspricht.

Videos von Aktionen und Interviews inmitten angekarrter Bühnenbildelemente (eine der Kirchen aus der „Church of Fear“-Serie) oder neu gestalteter Raumelemente („Nazi Line“-Flaggen für eine Projektion der Zürcher Hamlet-Inszenierung) kaschieren Schlingensiefs Abwesenheit nur notdürftig. Einige wenige Projektionen in größeren Formaten (etwa der verwesende Hase aus dem „Parsifal“ oder analog gelooptes 16-mm-Material aus dem „Fliegenden Holländer“ in Manaus) können nicht verbergen, dass man auf die Präsentation von Kinoarbeiten verzichtet hat.
„In erster Linie bin ich Filmemacher“, sagte Schlingensief einst in einem Interview mit Alexander Kluge anlässlich der Salzburger Installation „Hodenpark“. Sein ganzes Sprechen und Schreiben, seine Welt war durchdrungen von einem Nachdenken über experimentelles Kino und Underground-Filme. Über eine Installation für die verunglückte britische Prinzessin Diana erzählte er einmal: „Das Klopfen des Sargs erinnert mich an ein Problem des 35-Millimeter-Films. Wenn die Spule nicht ordnungsgemäß aufgewickelt ist, dann klopft der Film wirklich an die Filmkassette. Man hat dann immer dieses Klopfgeräusch.
Dann dreht der Tonmann durch, der Kameramann dreht durch, es wird abgebrochen, dann muss eine neue Kassette her. Wenn es dann wieder klopft, hast du schon verloren, weil alles falsch gedreht ist, falsch gewickelt ist. Das geht manchmal bis zu viermal. Das ist im Dianaraum dargestellt: Filmspule auf dem Sarg. Hier klopft der Film. Hier klopft Diana. Das also ist die Meldung: Ich bin belichtetes Material, ich werde gerade belichtet, das ist die Filmspule, die da klopft. Das heißt, dieser Sarg muss zur Kamera werden, die Kamera zum Sarg.“
Er war den künstlerischen Themen seiner Zeit voraus
Die Wiener Ausstellung mit dem Titel „Es ist nicht mehr mein Problem“ vermag – auch aus ersichtlichem Mangel an ökonomischen, räumlichen und technischen Ressourcen – solche Spiele mit Defekten, (Film-)Rissen und Störmanövern nur bedingt nachzuvollziehen. „Überforderung“ (ein Lieblings- und Leitmotiv Schlingensiefs) ist hier lediglich ein lexikalischer Begriff auf einer der knapp gehaltenen Texttafeln: „Überforderung entsteht, wenn man Anforderungen nicht mehr verarbeiten kann – etwa wenn gleichzeitig zahlreiche, sich widersprechende Eindrücke auf einen eindringen. Man fühlt sich orientierungslos und scheitert daran, Bedeutungen zu erkennen.“
Das erzählt von einem Publikum, das in der Kunst zunehmend ungern scheitert und nun in Ermangelung von Bedeutungen auf Bedeutsamkeiten („Einen wie Schlingensief wird es nie mehr geben“) und auf große Themen – Rechtsruck, Ausländerfeindlichkeit, Diversität – verwiesen wird. Der Schweizer Kurator Raphael Gygax folgt, unterstützt von Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz, einer längeren didaktischen Tradition. Schon die erste große posthume Schlingensief-Ausstellung, 2013/14 in den Berliner Kunstwerken und im New Yorker PS1, interpretierte den Künstler vorweg als einen, der „den künstlerischen Themen seiner Zeit weit voraus war“. „Je mehr wir uns mit seinem Werk beschäftigen, desto mehr stellen wir fest, dass es an Aktualität und Sprengkraft nichts eingebüßt hat“, schrieben die Kuratoren.

„Was passiert mit den Bildern, wenn wir nicht mehr da sind?“ Was passiert mit ihnen, wenn sie vor allem Themen bebildern, aber die Auseinandersetzung mit ihrer Form zu kurz kommt? Am Container der legendären Festwochen-Aktion „Ausländer Raus!“ kann man ganz gut exemplifizieren, was Joseph Beuys meinte, als er sagte: „Wenn die Menschen falsche Vorstellungen haben, kommen auch falsche Wirklichkeiten zustande.“
In der Ausstellung ist da auf einem Ersatz-Container zwar eine verkleinerte Variante des berühmt-berüchtigten Schilds „AUSLÄNDER RAUS!“ angebracht. Es fehlen aber die ebenfalls applizierten Logos von FPÖ und „Krönenzeitung“, die es damals natürlich bis zur blanken Blindwütigkeit („Sie sind eingekauft!“) trieb, wenn Schlingensief per Megafon dazu aufrief: Man möge doch diese Schilder und die Abschiebungen von zwölf im Container stationierten Ausländerinnen und Ausländern fotografieren und in die weite Welt (in der es damals noch nicht einmal Facebook, Instagram und Tiktok gab) hinaussenden. Vielleicht wäre es für das MAK und für die Wiener Festwochen auch heute noch relativ unangenehm, wenn Selbiges sich ereignen würde. Es werden also keine Logos mehr gezeigt. Dafür schreibt endlich auch die „Kronenzeitung“: „Wer hier in das Werk eines außergewöhnlichen Künstlers eintauchen will, ist genau richtig.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Keine Erwähnung findet auch die Tatsache, dass Schlingensief zum Dank für die vielleicht aufsehenerregendste Aufführung in 75 Jahren von den Wiener Festwochen jahrelang nicht mehr eingeladen wurde. In einem Fax (vom 4. Juni 2000) des damaligen Intendanten Luc Bondy liest man: „Lieber Christoph, Du weißt, ich stehe hinter Deiner Aktion. Jetzt bitte ich Dich aber, ruhig zu bleiben, nicht die Situation zu dramatisieren. (…) Eins muss klar bleiben: es ist eine Veranstaltung der Wiener Festwochen, es ist eine Inszenierung von Christoph Schlingensief zum Thema Fremdenfeindlichkeit. Du hast einen Ort der Diskussion geschaffen, lass Dich nicht ein auf einen puren Medienskandal, denn es würde den Ernst Deines Engagements in Zweifel ziehen. Du bist kein Populist, Du bist doch ein Künstler.“
Schlingensief verunmöglichte sich überall konsequent selbst
Elfriede Jelinek sah das anders: „Der Container sieht aus, als wäre er einfach was er ist, und daher leicht zu entschlüsseln“, schrieb sie, ebenfalls im Juni 2000 nach einem Besuch im „Filmset“ vor der Wiener Staatsoper. Der Eindruck sei trügerisch: „Der Container ist ein gefrorener Moment, und der Betrachter bestimmt die Dauer seines Interesses, mit dem er ihn und sein Inneres im Auge behalten möchte. (…) Hier wird nicht nur alles gebündelt, was mit der grauenerregenden Vergangenheit dieses Landes, seiner schandbaren Regierung und dem ekelerregenden Wiener Wahlkampf der FPÖ zu tun hat, nein, hier kommt noch mehr dazu (…). Natürlich ist jedes Kunstwerk für jeden etwas anderes. Aber hier würde man ein Oszilloskop brauchen, um die vielen Bedeutungs-, Bewusstseins- und Informationen irgendwie zusammenzubringen.“
Ironischerweise, und das erzählt die Ausstellung leider nicht, bedurfte es eines ehemaligen Festwochen-Intendanten, um Schlingensief nach Wien zurückzuholen. Klaus Bachler, damals Burgtheater-Direktor, ermöglichte ihm mit Jelineks „Bambiland“ (2003), mit „Area 7 – Matthäuspassion“ (2006) und der Ready-Made-Oper „Mea Culpa“ (2009) drei markante Meisterwerke. Dass man an der Burg mit Schlingensiefs unorthodoxen Methoden auch nicht immer glücklich war, steht auf einem anderen Blatt. Eigentlich hat sich Christoph überall, wo er gearbeitet hat, konsequent selbst verunmöglicht – egal, ob das nun in der deutschen Filmförderlandschaft so war, in der man ihn irgendwann schlicht nicht mehr subventionieren wollte, oder in Bayreuth, wo der Parsifal den halben Wagner-Clan in den Wahnsinn trieb.

Schlingensief selbst zitierte in solchen Momenten gerne Beuys: „Ich wollte gar kein großer Künstler werden. Ich wollte nur was ausprobieren, mal sehen, ob ich von dem, was ich so gesehen habe, ob ich aus dem etwas machen kann, das wirklich was Neues ist gegenüber dem, was schon da ist, also etwas Menschliches dazutun, noch etwas vom Menschen Gemachtes. Denn das, was jetzt ist, müssen wir ja alles selbst machen. Da hilft uns kein, wie es so schön in den alten Geschichten heißt, kein Gott mehr, kein Herkules, der den Stall säubert, sondern, das ist schon gewesen. Diese Götter haben alles in die Menschen investiert, das heißt, sie haben dem Menschen schon sehr viel gegeben, aber jetzt müssen wir es selber machen. Also ist alles, was in der Zukunft passiert, von uns gemacht, und deswegen müssen wir es auch verantworten. So ungefähr habe ich mir das gedacht, und ich wollte gar kein großer Künstler werden.“
Vielleicht müssten wir uns, um wirklich vom reichen Erbe, das uns Schlingensief wie auch seine Mitstreiter Alexander Kluge oder Carl Hegemann hinterlassen haben, zu profitieren, von der Frage verabschieden, ob das alles große Kunst sei. Man wird sich, um den Strategen Schlingensief produktiv weiterzudenken, wohl von der Verehrung der Asche verabschieden müssen. Die russische, in Wien ansässige Konzeptkünstlerin Anna Jermolaewa etwa machte vor gar nicht allzu langer Zeit ein bemerkenswertes Angebot: In einem kleinen Text zu einem Kader aus Paul Poets Schlingensief-Dokumentation „Ausländer raus!“ schreibt sie:
„Zwölf Ausländer.innen mit schwebenden Asylverfahren tanzen in einem Container. Sie können kaum miteinander kommunizieren. Sie kommen aus Kosovo, Kurdistan, Kamerun, Irak, Iran, China, Simbabwe, Sri Lanka und Nigeria. Sie tragen Perücken und Brillen, Schutz der Identität ist wichtig um ihre Asylverfahren nicht zu gefährden. Die Namen sind ebenfalls erfunden, um ihre Identität zu schützen. Sie haben Scheinbiografien, echte Geschichten stecken aber dahinter. (…) Mich interessiert, was aus diesen Leuten geworden ist. Nur einer von zwölf durfte in Österreich bleiben, alle anderen wurden tatsächlich in ihre Länder abgeschoben. Ich möchte sie alle ausfindig machen und besuchen, herausfinden, wie es ihnen nach der Abschiebung ging, und wie es ihnen jetzt geht. Es könnte ein Filmprojekt werden, ich denke es wäre im Sinne von Christoph Schlingensief.“
Die Ausstellung „Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem!“ ist bis zum 13. September im MAK in Wien zu sehen. Eine Berliner Variante wird vom 9. Oktober bis zum 17. Januar 2027 im Gropius Bau in Berlin gezeigt.
Claus Philipp, freier Dramaturg und Autor, war einer der Wegbegleiter von Christoph Schlingensief bei „Ausländer raus!“, „Bambiland“ und „AREA 7“. Jan Christoph Gockels Inszenierung des 7-stündigen Schlachtfests „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen, bei der er mitarbeitete, wurde kürzlich beim Berliner Theatertreffen gefeiert.
