Wenn Georgia Stanway tätowiert, ist sie in ihrem Element. Dann zählt nichts außer dem, was vor ihr liegt – nur die Nadel, die Haut und der Moment. „Man muss im Tunnel sein, sich auf das Ergebnis konzentrieren und auf jedes einzelne Detail achten“, sagt die Mittelfeldspielerin des FC Bayern, die selbst mehr als 100 Tattoos hat. In dieser Hinsicht sei ihr Hobby dem Fußball ähnlich: Auch vor Spielen gehe es darum, sich so gut wie möglich vorzubereiten, den Gegner zu analysieren und sich zu überlegen, wie man ihn schlagen kann. „Dieses eine Prozent macht den Unterschied.“
So wie Stanway sicherstellt, dass alles bereit ist, um der Person vor ihr das bestmögliche Tattoo zu geben, wird sie sich an diesem Donnerstag (16 Uhr im ZDF und bei Sky) ein letztes Mal auf ein Spiel mit dem FC Bayern vorbereiten. Im Finale des DFB-Pokals gegen den VfL Wolfsburg kann sie ihren achten Titel mit den Münchnerinnen gewinnen. Danach will sie nochmals etwas Neues ausprobieren.
Es ist der Abgang einer Spielerin, die nicht einfach zu ersetzen ist – nicht für den FC Bayern und nicht für den deutschen Frauenfußball.
Der richtige Schritt für Stanway
Als Stanway im Sommer 2022 als Europameisterin in die Bundesliga wechselte, galt diese noch als eine der besten der Welt. Für die damals 22-Jährige war es ein bewusster Schritt auf ein neues Level. Bei ihrem damaligen Verein Manchester City war sie immer wieder auf anderen Positionen eingesetzt worden. In München ging es ihr darum, mehr Beständigkeit zu erreichen. „Ohne den Schritt zum FC Bayern wäre ich nicht die Spielerin und die Person, die ich heute bin“, sagt sie.
Gleich in ihrer ersten Saison gewann Stanway den Meistertitel – und diesmal nicht als Ergänzungsspielerin, sondern als Führungsspielerin. Bis heute sei dies ihr prägendster Moment in München: weil es das erste Mal gewesen sei, dass sie wirklich gespürt habe, wie es sich anfühlt, die Liga zu gewinnen. Bei ihrem ersten Titel mit Manchester City war Stanway noch sehr jung und kaum daran beteiligt gewesen. In München bestritt sie jedes Spiel und erzielte wichtige Tore. „Direkt nach der EM war es mir wichtig, diesen Schwung mitzunehmen – und das ist mir gelungen.“
Unter dem damaligen Bayern-Trainer Alexander Straus übernahm Stanway in den folgenden Spielzeiten eine Rolle, die sie sich nicht ausgesucht hatte, aber in die sie hineinwachsen sollte: die einer Anführerin. „Er mochte die Art, wie ich spiele und wie ich auf dem Platz vorangehe.“ Sie habe ein gutes Gespür für die Spielweise und sei selbstbewusst genug, dies auch zu kommunizieren. Sie versuche, ihre Mitspielerinnen durch Leistung mitzunehmen, „durch entscheidende Aktionen, durch Zweikämpfe, durch Energie“.
„Dieses Gefühl will ich nie wieder haben“
Dann kam ein Einschnitt, der Stanway prägen sollte. Sie erlitt einen Außenbandriss, musste erstmals längere Zeit aussetzen. Stanway ging die Verletzung genauso an wie ein Tattoo: mit Vorbereitung, mit Disziplin und mit dem Willen, am Ende einen sauberen Strich zu ziehen. Sie wurde gerade noch rechtzeitig für die EM 2025 fit, bei der England abermals den Titel gewann. „Es war eine Lernchance, um zu verstehen, wie es sich anfühlt, verletzt zu sein und Spiele zu verpassen“, sagt sie: „Dieses Gefühl will ich nie wieder haben.“
Als Lena Oberdorf und Sarah Zadrazil wegen eines Kreuzbandrisses und Arianna Caruso wegen einer Schulterverletzung fehlten, war Stanway in dieser Saison zeitweise die einzige verbliebene Spielerin auf der Sechser-Position. Sie war das Gerüst, das alles zusammenhielt, während sich Bayerns Offensive über die Liga hermachte.
Und doch wird Stanway den FC Bayern zum Saisonende verlassen. Wohin, ist noch offen, aber eine Rückkehr nach England gilt als wahrscheinlich. Bereits im Januar hatte Stanway verkündet, ihren im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Nach München zu wechseln, sei eine der besten Entscheidungen gewesen, die sie jemals getroffen habe, sagte Stanway Ende März im Interview mit dem „Kicker“. „Ich habe mehr über mich selbst gelernt, als ich es jemals hätte tun können, wenn ich in England geblieben wäre.“
Die Champions League gewinnen andere
Aber nach vier Jahren in München, in denen sie mit dem FC Bayern vier Meisterschaften, den DFB-Pokal sowie zwei Supercups gewonnen hat, sei der richtige Zeitpunkt gekommen, um die eigene Komfortzone zu verlassen. Stanways Begründung ist ehrlich: Sie will die Champions League (und die WM) gewinnen und glaubt offenbar nicht, mit dem FC Bayern diese Chance zu haben – zumindest noch nicht.
Der deutsche Frauenfußball steht vor einer Frage, auf die er noch keine überzeugende Antwort gefunden hat: Wie gelingt es, Spielerinnen von Stanways Niveau zu halten? Im Dezember haben die Vereine einen eigenen Ligaverband gegründet, der mit Investitionen zwischen 700 und 800 Millionen Euro die Professionalisierung des deutschen Frauenfußballs vorantreiben soll. Der FC Bayern hat mit dem Sportpark Unterhaching eine neue Heimstätte für seine Frauen erworben, in der ab der kommenden Saison die Spiele in der Champions League ausgetragen werden.
Doch immer öfter wechseln auch deutsche Nationalspielerinnen ins Ausland: Jule Brand zu Olympique Lyon, Lea Schüller zu Manchester United, Vivien Endemann zum FC Liverpool. Auch Selina Cerci, Elisa Senß und Nicole Anyomi könnten nach der Saison nicht mehr in Deutschland spielen. Die Bundesliga werde im Ausland „sehr unterschätzt“, sagt Stanway: „Ich würde jedem raten, nach Deutschland zu gehen.“ Doch die Zeit, als die Bundesliga der Schritt nach vorne war, den Spielerinnen für ihre Entwicklung gesucht haben, könnte vorbei sein.
