„Au!“ – Regalmeter sind mit Dissertationen über die Bedeutung von Romananfängen gefüllt, Anfänge von Bühnenwerken haben kaum vergleichbare Wirkung. Anders in Ewald Palmetshofers jüngstem Stück. Dessen Beginn kann es in Karin Henkels Inszenierung am Burgtheater mit großen ersten Romanworten durchaus aufnehmen. „Au!“ ruft da also Falstaff aus dem Off, weil er sich seinen Zeh in der Dunkelheit angeschlagen hat. Und Falstaff, der Trunkenbold und Tuzugut, das ist die Minichmayr. So shakespearehaftem Komödiantentum folgend, werden in den kommenden drei Stunden Grundsätzlichkeit und Trivialität des Lebens im Inneren politischer Macht von einem herausragenden Ensemble gegeneinander ausgespielt.
Viele lebende Autoren, die die Burgtheaterbühne füllen könnten, hat die österreichische Dramatikerlandschaft aktuell nicht im Angebot. Umso erfreulicher, dass nun nach vier Jahren Entstehungszeit ein Stück eines ihrer herausragenden Vertreter in Wien auf die Bühne kommt. Es ist die österreichische Premiere ein Jahr nach seiner Uraufführung in München. Palmetshofer hat eine Polit- und Zeitgeistkomödie vorgelegt und streut münchnerisch wie wienerisch lokalkolorierte Prisen Sozialsatire über die Schilderung des vor sich hin schimmelnden Machtsystems von Heinrich, genannt Heinz, der Quasi-König.
Überkommene Machtsysteme
Von Shakespeares „Heinrich IV.“ hat Palmetshofer hauptsächlich die Handlungsstruktur übernommen und erzählt auf drei Ebenen von drei Protagonisten des Königsdramatikers: von der Machtsicherung Heinrichs IV., vom Einfluss des heimlichen Helden John Falstaff und von der Rolle des Thronfolgers Harry. Der ist in „Sankt Falstaff“ die verbindende Figur: Täter und Opfer des überkommenen Machtsystems seines Vaters, von Palmetshofer jedoch schon in der Personenangabe durch ein das Ypsilon ersetzendes I ins Perspektivlose gezogen: Harri. Während sein Vater nicht von seiner Regentschaft lassen will, steigt die Anzahl der Nachfolgeinteressenten und ihrer mit Nutznießertum kalkulierenden Protektoren.
Im Oben wie im Unten sind wir in einem Innenraum der Macht. Bühnenbildner Thilo Reuther hat die Bühne beeindruckend mit Rippen überwölbt, entlang der Deckenmitte laufen arthritische Wirbel und enden an der Brandmauer vor einem schiefsitzenden Skelettkopf. Dass alles aufgezeichnet wird, ist klar, auch wenn die aufgetürmten Bühnenmonitore mehr installativen Charakter besitzen. Am Ende entfleucht dem Staatskörper ein letzter Atemzug, hinterlässt Tote und Untote. Die letzte Hoffnung bewahrt Falstaff, der Harri zeigt, wie es geht, nicht giftig zu werden in dieser Welt.

Dreh- und Angelpunkt des dramaturgisch durchaus komplizierten Plots ist eine etwas spät im Stück platzierte gewalttätige Geldübergabe in einer Parkgarage an der Oper, die den gut Betuchten an Isar wie Donau ihr unterirdisches Betreten ermöglicht. Dort wird der arme Falstaff derart übel von Harri und dessen dummem Kumpel Ed vermöbelt, dass dem Falstaff die Watte aus dem Dickbauch quillt. Das Geld dient der Bestechung für Gesetze, und bis zum Ende ist nicht ganz klar, von wem für wen es gedacht war, eigentlich von jedem für jeden, der anderen hätte dienen wollen.
Auf ihre Verwirrtheit konzentriert
Doch der Plot ist nicht so entscheidend, er hat durchaus auch Längen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Palmetshofers in zweihebigen Versen funkelnde Sprache und vor allem auf die sie zum Klingen bringenden Schauspieler. Im Grunde ist egal, was passiert, Hauptsache, sie hören nicht auf, Palmetshofers Zeitgeistanalysen und Pointen im Spiel zu halten, dessen Konstruktionsanleitung sich ganz auf die von Machtsehnsucht und Machtverachtung getriebenen Figuren und ihre Verwirrtheit konzentriert. Auch dieses Stück ist eine Nabelschau, aber eine, die die Selbstkorrumpierung manchen gegenwärtigen politischen Machtsystems persifliert, ohne sich zu ernst zu nehmen.
Der Club als Ort ohne soziale Hierarchien
So stellt es sich jedenfalls in Karin Henkels Inszenierung dar, die auch der Vorgabe des Autors, Mehrfachbesetzungen vorzunehmen, klug und gewitzt nachgeht. Außer Tristan Witzel, der ausschließlich den Harri spielt, und das so konzentriert, wie ein Verwirrter sein kann, hat jeder zwei sehr gegensätzliche Rollen. Oliver Nägele spielt Vorsitz und Puppe, als wäre er nie etwas anderes als ein machtbesessener Geiferer beziehungsweise eine schief singende Schabracke gewesen. Maria Happel spielt die Wirtin Frau Flott in der Etage der Subversion, im Club, diesem letzten Ort ohne soziale Hierarchien, der nur dank dem Regiment der Wirtin noch existiert.
Bei ihr, wo sonst, in der Pissrinne, treffen sich Gossenkönig Falstaff und Thronfolgerprolet Harri, woraus sich ein so wundervoll unterkühlt und subtil gespieltes Irgendwas-mit-Liebe-und-Unverträglichkeit-Verhältnis zwischen ihnen entspinnt, dass man Minichmayr und Witzel nicht mehr von der Bühne lassen will. Maria Happel spielt aber auch den Quasi-König auf eine Art, nach der man sich keine anderen Trump-Meloni-Orbán mehr vorstellen muss. Besonders die drei großen Schauspielerinnen Minichmayr, Happel und auch Bibiana Beglau dringen durch die vielen Silben ihrer Rollen hindurch, lassen sich durch die Sprache im Wortsinn fast verformen (Choreographie: Sabine Molenaar).
Einem Stück, das sich einer grotesken Überhöhung der Wirklichkeit widmet, droht eine kurze Halbwertszeit. Die Gefahr läuft dieses Schauspielertheaterstück nicht: Es setzt auf Ironie, auf die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten und nicht zuletzt auf die reformerische Kraft des heiligen Narrentums. Ein großartiger Theaterabend!
