Wenn Nikolaus Harnoncourt als Gastdirigent zu den Berliner Philharmonikern kam, bewarben sich die Musiker der Staatskapelle Berlin als Aushilfe, um die Proben mitmachen zu können, erzählte der Geiger Lothar Friedrich einmal. Harnoncourts Arbeit, sein Reden über Musik, seine Fähigkeit, rein instrumentales Erzählen plastisch zu gestalten, waren so immens, dass auch professionelle Musiker immer wieder neu inspiriert wurden, so lange sie auch schon im Beruf sein mochten. Die Probenmitschnitte – etwa mit den Wiener Philharmonikern und Anton Bruckners fünfter Symphonie – sind auch für Hörer ein Vergnügen wegen der Prägnanz von Harnoncourts sprachlichen Formulierungen, die jeweils Wesentliches an der Musik treffen.
Jetzt ist der bislang unveröffentlichte ORF-Mitschnitt eines Konzerts vom Sommer 1999 mit dem Chamber Orchestra of Europe beim Festival Styriarte in Graz erschienen, in dem Harnoncourt, der 2016 starb, Kernstücke der deutschen Romantik dirigiert und für das Publikum kommentiert: die Konzertouvertüre „Die schöne Melusine“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, das Vorspiel zu „Tannhäuser“ sowie Vorspiel und „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner, dazu das „Requiem für Mignon“ von Robert Schumann. Alle Stücke kreisen für Harnoncourt um eine Grundkonstellation der Biedermeierzeit: die Begegnung des Spießers mit dem Phantastischen und Außeralltäglichen, mit dem Jenseits der verwalteten und domestizierten Welt.

Man hört das Publikum lachen, wenn Harnoncourt in Franz Grillparzers Drama von der „Schönen Melusine“ einführt und er den Ritter beschreibt als „Inbegriff des Spießbürgers, Beamter irgendeiner Landesregierung, Polizist, ein Eisenbahner, ein Musiker, was auch immer“, der verheiratet ist mit seiner Bertha, den es aber zum Wasserweib Melusine zieht. Und er schließt mit herrlich österreichischem Fatalismus: „Die Geschichten der Begegnung des Spießers mit dem Phantastischen enden immer mit Tod und Verzweiflung. Jedenfalls enden sie mit der Rückkehr zu Bertha“.
Erregend an Harnoncourts Interpretation ist die sinnfällige Übertragung klarer erzählerischer Vorstellungen in plastischen Klang. Die Trompeten im „Bacchanal“, das sich in der Pariser Fassung von 1861 ans „Tannhäuser“-Vorspiel anschließt, zeigen deutlich an, dass es sich um einen Krieg der Sinnlichkeit handelt. Harnoncourt inszeniert mit dieser Venusbergmusik ein Stroboskopgeflacker gewerblicher Sexualität – nicht übertrieben laut, aber scharf gezeichnet. Man hört plötzlich Schlagwerk und Militärsignale; der „kleine Tod“ des Orgasmus ist eingebettet in Schlachtenlärm. In Isoldes „Liebestod“, den Violeta Urmana mit weicher Fülle und mühelosem Leuchten singt, bringt ein transparenter Klang jedes Holzbläsersolo zur Geltung. Eigentlich ein Jammer, dass Harnoncourt, der als Spezialist für die Alte Musik von Monteverdi bis Mozart galt, nicht mehr Wagner dirigiert hat!
QR-Codes im Booklet ermöglichen via Internet den Einblick in Harnoncourts Notizen und seine Dirigierpartituren, wie sie jetzt an der Bruckner-Universität Linz verwahrt werden. Pfeile im „Liebestod“ zeigen an, wo die Musik hinzielt, wenn die nächste Takteins harmonisch ein solches Ziel definiert. Oft steht bei den Lautstärken „sparen“. Zugleich folgt Harnoncourt Wagners Selbstdeutung, wonach das Vorspiel bereits der „Liebestod“ sei, während der Schlussgesang „Isoldes Verklärung“ darstelle. Und so schreibt der Dirigent am Schluss des Vorspiels in die Noten: „zerteilte Melodie, weil sie tot ist“. Auch die punktierten Rhythmen der in Terzen geführten Bratschen am Anfang von Schumanns „Requiem für Mignon“ werden durch Harnoncourts Eintrag in die Noten gedeutet als „Trauermarsch“.
Der beredte Theoretiker und Praktiker von „Musik als Klangrede“ schließt seine Einführung mit den Worten: „Das musikalische Vokabular hat in keiner Zeit ausgereicht, eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte musste man kennen. Aber es hat ausgereicht, mehr zu erzählen, als man mit Worten ausdrücken kann. Heute kennen wir dieses Vokabular nicht mehr, das ist meine große Sorge als Musiker“.
Nikolaus Harnoncourt: Mendelssohn, Wagner, Schumann. Sony Classical 19802969402 (Sony)
