
Der Krieg in der Ukraine rückt näher an Finnland heran. Vor einigen Tagen wurden abermals zwei ukrainische Drohnen im Luftraum Finnlands gesichtet. Kurz zuvor waren mindestens vier Drohnen im Südosten des Landes beobachtet worden. Zwei davon stürzten nahe der Stadt Kouvola ab. Beide waren mutmaßlich ukrainischer Herkunft und mit Sprengladungen versehen. Eine davon explodierte vermutlich beim Aufprall, die andere wurde von den finnischen Behörden gezielt zur Explosion gebracht. Es handelte sich um Drohnen in der Größe eines Kleinflugzeugs.
Auch in den baltischen Staaten stürzten derartige Drohnen ab. Am vergangenen Donnerstag flogen mehrere aus Russland abgelenkte ukrainische Drohnen, ebenfalls mit Sprengstoff bestückt, über die lettische Grenze. Einige kreisten längere Zeit über der Stadt Rēzekne, bevor zwei davon dort über einem Öllager abstürzten und zwei leere Tanks beschädigten. Bewohner, die zuvor via Handy alarmiert worden waren, berichteten von beängstigenden Szenen. Am Sonntag trat der lettische Verteidigungsminister Andris Spruds zurück. Ministerpräsidentin Evikia Siliņa sagte mit Blick auf die Häufung solcher Vorfälle, sie habe das Vertrauen in den Minister verloren.
Die Ukraine greift derzeit vermehrt russische Energieinfrastruktur an, um die Finanzierung des Angriffskriegs zu erschweren. Auch in mehr als tausend Kilometern Entfernung von der Ukraine kommt es deswegen zu Explosionen, etwa in Ust-Luga und Primorsk, den beiden russischen Hafenstädten im finnischen Meerbusen. Sie sind entscheidend für den Export des russischen Erdöls, die meisten sogenannten Schattentanker brechen von dort auf.
Finnland hat bei den Drohnen nur schlechte Optionen
In Finnland gehen die Drohnen aus Sicht von Acuna mutmaßlich durch von Russland ausgehende gezielte Störungen des Navigationssystems GPS (Spoofing) nieder. Seit Langem ist das in der Region ein Ärgernis, gerade in der Luft- und Schifffahrt ist deswegen die Sorge vor Zwischenfällen groß. Teils konnten in Finnland Flugzeuge an bestimmten Flughäfen nicht landen.
Finnland und Russland verbindet eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze. In Helsinki hat man dem Nachbarn nie getraut, auch nach 1990 nicht. Zu gegenwärtig ist noch die Erinnerung an das Grauen des Winterkriegs, in dem die Sowjetunion den Nachbarn überfiel. Wohl auch deswegen zählt Finnland zu den treuesten Unterstützern der Ukraine.
Wegen der Drohnenzwischenfälle kritisierte die Regierung in Helsinki Kiew zuletzt jedoch ungewohnt deutlich. Ministerpräsident Petteri Orpo nannte das Eindringen in den finnischen Luftraum „inakzeptabel“ – bei allem Verständnis für den ukrainischen Abwehrkampf. Orpo sprach das Thema bei einem Zusammentreffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Armenien an. Verteidigungsminister Antti Häkkänen sagte, Finnland werde die Vorfälle nicht zulassen, die Ukraine müsse sicherstellen, dass das nicht mehr passiere.
Doch was aus dem Protest folgt, ist unklar. Niemand in Helsinki rief die Ukraine dazu auf, die Angriffe zu unterlassen. Die Drohnen seien nicht gegen Finnland gerichtet, sagt dessen Außenministerin Elina Valtonen bei einem Gespräch in Helsinki. Doch müsse man die Sache sehr ernst nehmen, aufgrund der Sprengsätze könne auch in Finnland Schlimmes passieren. Bei der Drohnenabwehr helfe die Ukraine Finnland.
Trotz allem vertraut die Außenministerin auf die Hilfe der USA
Valtonen strahlt eine in diesen Zeiten ungewohnte Zuversicht aus. Ihr Land ist seit 2023 NATO-Mitglied, Schweden trat ein Jahr später bei; doch angesichts des unberechenbaren Verhaltens des amerikanischen Präsidenten Donald Trump sind in beiden Staaten die Zweifel am Beistand der USA groß. Valtonen aber sagt, die NATO sei stärker als je zuvor, schließlich trügen Finnlands und Schwedens Beitritte erheblich zur Stärkung bei. Außerdem stiegen die Verteidigungsausgaben deutlich. Zudem sei mit den USA trotz aller Rhetorik weiterhin eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich. „Auf lange Sicht haben wir nichts zu befürchten“, sagt Valtonen. Sie ist sich sicher: Die Amerikaner würden im Ernstfall zu Hilfe kommen.
Janne Kuusela äußert sich gegenüber der F.A.Z. vorsichtiger. Was die Fähigkeiten und Investitionen angehe, sei die NATO stärker denn je. Ob das auch für die politische Einheit gilt? Das sei nicht an ihm zu bewerten, sagt der Verteidigungsstaatssekretär. Kuusela sitzt während des Gesprächs an einem langen Holztisch in den Räumen des Verteidigungsministeriums. Der Tisch hat sichtbare Gebrauchsspuren. Es handelt sich um den Kartentisch Carl Gustaf Mannerheims. Dieser leitete als Oberbefehlshaber die finnischen Truppen im Winterkrieg und im sogenannten Fortsetzungskrieg. Damals stand der Tisch in seinem Hauptquartier. Kuusela sagt dazu, immer wenn man im Haus nun schwierige Gespräche führe und gestritten werde, sage man sich: Schaut mal, wir haben weit Schwierigeres erlebt. Das helfe.
Wenn der Westen vereint und fokussiert bleibe, und wenn er weiter in die Verteidigung investiere, werde Russland einen Angriff nicht riskieren, sagt Kuusela. „Wir würden den Angriff abwehren.“ Der beste Weg sei, vereint zu bleiben. Und klar, es gebe Anlass zur Sorge. Europa brauche weiterhin die USA zur Verteidigung. Die Zusammenarbeit mit dem Pentagon sei weiterhin sehr gut, so Kuusela.
Zweifel über die Abwehrbereitschaft
Auch in den baltischen Staaten herrscht Verständnis für die ukrainische Lage. Solange die russische Aggression in der Ukraine andauere, bestehe das Risiko, dass sich fremde Drohnen dem lettischen Luftraum näherten oder diesen verletzten, teilten die lettischen Streitkräfte mit. Sowohl in Lettland als auch in Estland und Litauen sind mehrfach russische sowie ukrainische Drohnen aufgetaucht.
In Lettland kursieren nach dem Absturz am Donnerstag jedoch auch Zweifel über die Abwehrbereitschaft. Der Verteidigungssektor sei derzeit nicht in der Lage, fremde Drohnen zu landen oder abzuschießen, kritisierte Juris Maklakovs, ein ehemaliger Kommandeur der lettischen Streitkräfte, gegenüber der Nachrichtenagentur LETA. Diesmal sei es nur eine Handvoll Drohnen gewesen, so Maklakovs. „Aber was wird passieren und wie werden wir reagieren, wenn zehn Drohnen eintreffen? Ganz zu schweigen von mehreren Dutzend oder Hundert?“
Im vergangenen Herbst waren gut 20 russische Drohnen nahezu unbehelligt in den polnischen Luftraum eingedrungen, was eine Debatte über die Verteidigungsfähigkeit an der NATO-Ostflanke ausgelöst hatte. Es sei offensichtlich, dass die Luftverteidigung in der gesamten NATO eine Herausforderung sei, sagte der litauische Verteidigungsminister Robert Kaunas, nachdem Ende März binnen 48 Stunden Drohnen in allen drei Ländern niedergegangen waren.
Was die ukrainischen Drohnenangriffe angehe, werde Russland dadurch dort getroffen, wo es das Land schmerze, sagt der Finne Kuusela. Deswegen nutze die russische Propaganda nun die Vorfälle in Finnland und den baltischen Staaten, um zu behaupten, die Länder arbeiteten bei den Angriffen mit der Ukraine zusammen und erlaubten, ihren Luftraum zu nutzen. „Das machen wir natürlich nicht. Das würde uns zum Teil des Konflikts machen.“
Russland wirft Finnland und Baltikum Komplizenschaft vor
Der Sekretär des russischen Sicherheitsrats, Sergej Schojgu, hatte Finnland und den drei baltischen Staaten Mitte April Unterstützung für die ukrainischen Drohnenangriffe unterstellt und mit militärischen Schritten gedroht. Entweder sei die Flugabwehr dieser Staaten „äußerst ineffektiv“ oder sie stellten bewusst ihren Luftraum für Angriffe auf Russland zur Verfügung. „Dann werden sie offen zu Teilnehmern einer Aggression gegen Russland“, sagte Schojgu und verwies auf das „Selbstverteidigungsrecht“ seines Landes. Auch Nikolaj Patruschew, ein Berater des russischen Herrschers Wladimir Putin mit Geheimdiensthintergrund, warf Finnland und den baltischen Staaten vor, „Komplizen“ der „Verbrechen“ zu sein, als die er die ukrainischen Drohnenangriffe auf die Ostseeölhäfen darstellte.
Diese russische Kampagne hatte Ende März begonnen: Das mit Putins Sicherheitsdiensten verbundene Portal Mash behauptete belegfrei, die baltischen Staaten hätten ihren Luftraum für ukrainische Drohnenangriffe auf Sankt „Petersburg, das Leningrader Gebiet und Russlands Nordwesten offiziell geöffnet“. Anfang April machte sich dann das russische Außenministerium die Geschichte zu eigen, „warnte“ die baltischen Länder und drohte ihnen mit einer russischen „Antwort“.
Nach innen präsentiert Moskau auf diese Weise Schuldige für die Probleme der eigenen Luftabwehr damit, die ukrainischen Drohnen abzufangen. Nach außen geht es offenkundig um eine Spaltung der NATO, indem die nordöstlichen Mitgliedsländer und nicht das gesamte Bündnis oder gar Trumps USA für die Drohnenangriffe verantwortlich gemacht werden. Dabei überwachen in der NATO-Mission Baltic Air Policing verschiedene Mitgliedstaaten den Luftraum der baltischen Staaten. Eine Entscheidung, wie sie Moskau behauptet, müsste innerhalb des Bündnisses abgestimmt sein und könnte nicht geheim bleiben.
„Das Ergebnis russischer elektronischer Kriegsführung“
Estland, Lettland und Litauen weisen die Anschuldigungen Russlands immer wieder zurück. „Die baltischen Staaten haben nie die Nutzung ihrer Territorien und ihres Luftraums für Drohnenangriffe auf Ziele in Russland genehmigt“, heißt es etwa in einer gemeinsamen Erklärung von Ende März, und weiter: „Trotz der offiziellen Reaktion lügt die Russische Föderation weiter.“ Vielmehr seien die Drohnenvorfälle im Baltikum eine direkte Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, erklärte der estnische Außenminister Margus Tsahkna.
Janne Kuusela beschreibt die finnische Drohnenabwehr als gut. Er erklärt, dass bei einem Vorfall die ukrainischen Drohnen aus den Augen verloren wurden. Die Lokalisierung der Drohnen sei schwierig gewesen, da viele Gänse in ähnlicher Richtung, Geschwindigkeit und Höhe wie die Drohnen geflogen seien. Nach diesem Vorfall beschlossen die Streitkräfte demnach, die Einsatzbereitschaft auf eine höhere Alarmstufe anzuheben. Aus Sicht von Kuusela hat Finnland eine der besten Drohnenabwehrfähigkeiten in Europa. Im Zuge der Vorfälle investiert das Land nun weitere 50 Millionen Euro in ein Drohnenabwehrsystem.
Auf die Frage, ob Finnland eine effektive Drohnenstrategie hat, antwortet der frühere CIA-Mitarbeiter Acuna: „Wenn Finnland eine hat, wäre das Land das einzige.“ Er warnt, eine effektive Drohnenabwehr koste sehr viel Geld. Vielen sei derzeit nicht klar, was genau gebraucht werde, daher werde viel gekauft, und nicht alles funktioniere richtig. „Aber hoffen und beten ist keine Strategie“, sagt Acuna. Auch der Kauf eines Systems für Hunderte Millionen Euro sei noch keine Strategie. Das System könne rasch überholt sein angesichts der enormen Fortschritte in der Drohnentechnologie. „Du musst dir dauernd Gedanken darüber machen, ob du mit der Bedrohung da draußen mithältst.“ Acuna rechnet damit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es zu einem großen Zwischenfall kommt.
