Man muss ja mit der Zeit gehen, und die ist seit der Zeitenwende eine andere. Tempo ist jetzt angesagt in der Bundeswehr, es wird digitalisiert und optimiert, beschafft und ausgebildet! Da knöpft sich die Armee auch die Reserve vor, über die in der Politik rund 30 Jahre lang noch weniger nachgedacht wurde als über die aktive Truppe. Ohne sie kann sich Deutschland jedoch nicht lange verteidigen, da sind sich alle einig.
Verteidigungsminister Boris Pistorius wird nicht müde zu betonen, wie wichtig die Reservisten für den Schutz des Landes sind, um etwa Infrastruktur im Inland zu sichern oder Sanitätstrupps zu verstärken – und im Ernstfall mitunter die kämpfende Truppe zu verstärken. Neben den 260.000 aktiven Soldaten hat die Bundeswehr daher das Ziel ausgegeben, bis 2035 über 200.000 einsatzfähige Reservisten zu verfügen.
App „Meine Reserve“
Damit man diese Reservisten auch erreicht, wenn es drauf ankommt, hat sich die Bundeswehr eine App einfallen lassen. Sie trägt den eingängigen Namen „Meine Reserve“ und wurde im Oktober des vergangenen Jahres vorgestellt. Entwickelt wurde die App von der BWI, dem bundeseigenen IT-Dienstleister der Bundeswehr. Sie soll die Kommunikation mit Reservisten, die bisher vor allem postalisch funktioniert, schneller und unbürokratischer machen – unter anderem mit einer „Alarmierungsfunktion mit Push-Nachricht“ und der Möglichkeit, die Einsatzbereitschaft digital zu bestätigen. Die Reservisten können zum Beispiel angeben, in welchen Zeiträumen sie verfügbar sind und für welche Aufgaben sie sich interessieren.
Doch bisher wird die App von den Reservisten kaum genutzt. Bis Ende April 2026 haben sich lediglich 7300 Reservisten authentifiziert, wie eine Anfrage der F.A.S. beim zuständigen Personalamt der Bundeswehr ergeben hat. Bei einer Gesamtzahl von 60.200 beorderten Reservisten, wie es sie zum 31. Dezember vorigen Jahres gab, nutzt die App also gerade einmal knapp jeder Achte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dabei ist die Zahl der App-Downloads immerhin fast doppelt so hoch wie die der authentifizierten Nutzer, wie eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion ergab, die vor einigen Tagen die Bundesregierung beantwortete. Damit die Bundeswehr sichergehen kann, dass es tatsächlich ein Reservist ist, der sich einen Account anlegt, müssen sich die Nutzer authentifizieren. Das können sie entweder in einer Dienststelle der Bundeswehr tun. Oder sie lassen sich postalisch einen Code zusenden.
Woher also kommt die Diskrepanz zwischen Downloads und tatsächlichen Nutzern?
„Wie bei jeder neuen App können in der Nutzung Fehler auftreten“
Einen Hinweis gibt der Blick auf Bewertungen in gängigen App-Stores, denen der Ärger der Nutzer deutlich anzumerken ist. Zahlreiche Beschwerden beziehen sich auf technische Schwierigkeiten. 1,5 Sterne bei dem App-Dienst von Google werfen kein gutes Licht auf die Anwendung, für deren Betrieb und Weiterentwicklung laut Bundesregierung in den kommenden 20 Jahren Haushaltsmittel in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe vorgesehen sind. Das Personalamt der Bundeswehr schreibt: „Wie bei jeder neuen App können in der Nutzung Fehler auftreten, die behoben werden.“ Es gebe Anlaufstellen, bei denen Fehler angezeigt werden könnten, die dann im Zuge von künftigen Updates behoben würden.
Probleme gibt es in Teilen offenbar auch mit dem Prozess der Authentifizierung. Zwar schreibt die Bundeswehr, das Versenden der Postcodes erfolge binnen weniger Tage. Doch in der Realität können laut den Bewertungen mitunter mehrere Wochen vergehen. „Die Authentifizierung kann 14 Tage dauern, oder halt Monate“, schreibt ein Nutzer auf der Plattform Reddit. Er resümiert: „Unterm Strich wieder ein guter Gedanke mit deutlich ausbaufähiger Umsetzung.“
Nicht nur sicherheitspolitische Gründe
Für die Politik dürfte der mäßige Erfolg der App nicht nur aus sicherheitspolitischen Gründen ärgerlich sein. Das Verhältnis der Bundesregierung zu Reservisten ist ohnehin getrübt, wurden sie doch viele Jahre kaum beachtet. Erst kürzlich gab es wieder Anlass für Spannungen, als der Verteidigungsminister seine Strategie für die „Neue Reserve“ vorstellte. Das Papier mit gut einem Dutzend Seiten lässt viele Fragen offen. Und das Ministerium hielt es offenbar nicht für nötig, sich im Vorfeld mit dem Reservistenverband auszutauschen, wie die F.A.Z. berichtete. Die Organisation zählt als größte Interessenvertretung der Reservisten mehr als 100.000 Mitglieder.
Ein Ziel, wie viele Registrierungen die App bis Jahresende haben soll, will die Bundeswehr lieber nicht ausgeben. Sie betont die Freiwilligkeit der Nutzung: Auch über die bekannten Wege könnten die Reservisten weiter an Informationen kommen oder herangezogen werden. Anders geht es wohl auch gar nicht.
