
Die Vierschanzentournee erlebt bei ihrer 75. Auflage im kommenden Winter eine Premiere. Zwischen dem 27. Dezember 2026 und dem 6. Januar 2027 werden erstmals vier Frauen-Wettkämpfe in die traditionelle Skisprung-Serie integriert. Die schriftlichen Bestätigungen des Deutschen Skiverbandes (DSV) und seines österreichischen Pendants, des ÖSV, liegen seit Freitag vor.
„Wir können mit der Damen-Tournee starten. Das wird wegweisend für die weitere Entwicklung des Frauen-Skispringens sein“, sagte Sandro Pertile, der Renndirektor des Ski-Weltverbandes FIS für beide Geschlechter, der F.A.Z. Tournee-Präsident Manfred Schützenhofer befand: „Das wird ein Meilenstein für das Frauen-Skispringen. Eine größere Bühne gibt es nicht.“
40 Frauen in der Qualifikation, 30 im Wettkampf
Gesprungen wird auf denselben Schanzen, auf denen auch die Männer ins Tal segeln, und zwar in exakt derselben Reihenfolge: Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Die Frauen sind zeitlich vor der Qualifikation der Männer an der Reihe, die dem jeweiligen Wettkampf um einen Tag vorgelagert ist. Das ermöglicht auch bei schlechten Witterungsbedingungen einiges an Flexibilität bei der Programmgestaltung. Eine Männer-Qualifikation etwa ist grundsätzlich auch am Wettkampftag möglich.
Pertile erläuterte obendrein einige Details zu den geplanten Abläufen: „Bei der Tournee starten die 40 besten Frauen des Weltcups in die Qualifikation, 30 von ihnen sind dann im Wettkampf dabei.“ Bei den Männern ist die Teilnehmerzahl deutlich höher. Bisweilen melden sich um die 70 Springer an, von denen sich 50 für den ersten Durchgang qualifizieren müssen.
Die Planungen zogen sich jahrelang hin
Die Frauen ermitteln bei der Tournee wie die Männer zunächst in K.-o.-Duellen die Teilnehmenden für den zweiten Durchgang. Bei den Springerinnen bleiben für den finalen zweiten Durchgang 15 Zweikampf-Gewinnerinnen übrig, hinzu kommen die fünf besten Verliererinnen. Pertile rechnet bei der Damen-Premiere in Oberstdorf mit „15.000 bis 20.000 Zuschauern“.
Mit der Frauen-Tournee sei jetzt ein schönes Baby auf der Welt, sagt DSV-Vorstand Stefan Schwarzbach, „auch wenn es schon eher eine Zangengeburt war“. Denn so einfach, wie es sich nun anfühlt, war es nicht, eine gemeinsame Übereinkunft zwischen allen beteiligten Parteien – Verbänden und Organisationskomitees der Ausrichtergemeinden – zu finden. Diese Beratungen zogen sich jahrelang hin.
Viel Überzeugungsarbeit bei Sponsoren nötig
Das wichtigste Problem war schon Ende des vergangenen Jahres gelöst – eine Flutlichtanlage für den Bergisel in Innsbruck, die im kommenden Winter installiert sein wird. Bisher konnte auf der Schanze nur bis kurz nach 15.30 Uhr gesprungen werden. Die Lichtverhältnisse danach sind zu prekär. Der Zeitplan hatte deshalb keinerlei Lücken, um die Frauen ins Programm zu integrieren.
In wirtschaftlicher Hinsicht sei es bislang sehr schwierig gewesen, die bestehenden Partner und Sponsoren der Männer-Wettbewerbe davon zu überzeugen, sich zusätzlich im Frauen-Skispringen zu engagieren. „Die Frauen-Wettkämpfe, die am gleichen Wochenende und am gleichen Standort stattfanden, wurden häufig eher als eine Art Ergänzung oder Abrundung des bestehenden Herren-Sponsorings gesehen“, sagte Schwarzbach. Entsprechend seien viele Unternehmen bislang nur begrenzt bereit gewesen, zusätzlich in die Frauen-Wettbewerbe zu investieren.
Mit der neuen Tournee ändere sich diese Ausgangslage allerdings, sagte Schwarzbach: „Jetzt entsteht erstmals ein gemeinsames, eigenständiges Produkt, das hoffentlich nicht mehr nur als Anhängsel der Herren-Wettbewerbe wahrgenommen wird.“ Klar ist aber: „Das große Geschäft wird die Frauen-Tournee zunächst einmal sicher nicht werden.“ Aber man lasse ein zukunftsträchtiges Produkt vom Stapel, mit einer entsprechenden „Sogwirkung für den Nachwuchs“.
Schwierig gestaltet sich die Hotelsituation vor allem im Tournee-Auftaktort Oberstdorf. Kurz nach Weihnachten, in der Hochsaison, „zusätzliche Zimmer zu bekommen, ist nicht so leicht“, sagte Schwarzbach. Das habe in manchen Fällen eine etwas weitere Anreise zur Schanze zur Folge. Insgesamt gehe es darum, im kommenden Winter Erfahrungen zu sammeln und „nach der Premiere gegebenenfalls nachzujustieren“.
Auf lange Sicht ist es das Ziel der FIS, Weltcup-Wettbewerbe der Frauen und Männer, analog zum Biathlon, an denselben Orten auszurichten. In der kommenden Saison „haben wir dieses Ziel bereits zu 75 Prozent erreicht“, sagte Pertile.
