Im Jahre 1820 schrieb Ludwig Börne einen Artikel unter dem Titel „Ferien-Reise eines deutschen Journalisten“. Das Stück beginnt mit einer verwirrenden Passage, wo Börne, der sich zum Hypochonder erklärt, ironisch seine Leiden als Geisteskranker mit den Heldentaten eines preußischen freiwilligen Jägers aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon vergleicht und dann die Symptome seiner Verstörung beschreibt. Ich zitiere: „Heute redete ich mir ein, gläserne Hände zu haben und fürchtete beim leisesten Anstoße im Schreiben, mir die Finger zu zerbrechen. Den Tag darauf kam ich auf den lächerlichen Einfall, ich hätte einen Fehler an der Zunge und könnte das Wort 13 nicht aussprechen. [. . .] Dann träumte ich, Buonaparte hätte sich von der Insel Helena befreit, wäre mir vor dem Bockenheimer Tore zu Frankfurt begegnet, und hätte mich vertraulich gefragt, wo die große Eschenheimer Gasse wäre, er wolle dort sein Gebet verrichten.“
Börnes Lage verschlechterte sich zusehends. Er vereinsamte, weil er in Gesellschaft nicht mehr genießbar war: „Man floh meine Gegenwart, denn mit meinem Leiden stieg meine Unleidlichkeit.“ Bald sah er sich genötigt, einen Arzt aufzusuchen, den neunten, angeblich, den er seit einem Jahr zurate gezogen hatte. Dieser hörte sich die lange Erzählung der börneschen Träumereien geduldig an und formulierte eine Diagnose: „,Sie haben sich politischen Untersuchungen ergeben und dadurch die Schranke übertreten, die der Staat und die Natur den Menschen des dritten Standes angewiesen haben.‘ Nur den Adligen, fuhr er fort, sei es gegönnt, ohne ungesunde Anstrengungen des Geistes, die Tiefen der Politik zu ergründen. Sie, Mein Freund, Sie haben durch Frevelhaftes Eindringen in die Geheimnisse der Staatsweisheit ihre Gesundheit zerrüttet.“
Ein klassisches Beispiel schwerer Hypochondrie?
Um sie wiederherzustellen, sagte der Arzt, müsse Börne eine Zeit lang reisen. Eine etwa fünfjährige Bereisung der Hauptländer Europas müsste ausreichen. „Wenn Sie von dort zurückkommen“, versprach er seinem Patienten, „werden Sie heiter geworden sein und die schwarzen Bilder, die ihnen sonst im Vaterlande vor Augen standen, werden Sie dann hell finden, und es wird ihnen alles im glänzenden Lichte erscheinen.“
Dann reißt der Faden der Erzählung, und Börne schreibt davon, wie schmerzhaft es sei, sein Vaterland zu verlassen, seine Muttersprache nie zu hören, seine Gefühle in eine fremde Zunge einpferchen zu müssen. Er könne sich ohne Mühe im Restaurant Vol-au-vent à la financière bestellen. Aber wenn es ums Wesentliche ging, finde er nicht die Worte: „Wenn ich wortreichen feurigen Franzosen begegnen wollte, ihnen [. . .] begreiflich machen wollte, dass unsere Freiheit nicht gleich ihrer eine duftende Blume ist [. . .] sondern eine neu gepflanzte Eiche von der schützenden Vorsehung mit einem Dornenstrauche stechender Tyrannei umgeben [. . .]. Da ermangelte mir das Wort, und ich saß ohne Teilnahme still und betroffen da.“
Dies ist kein geradliniger Text. Doch bevor wir darüber nachdenken, was er bedeuten könnte, sollten wir den flatternden, nervösen Duktus der Schrift wahrnehmen. Sie bewegt sich mit der Spontaneität, Schnelligkeit und Leichtigkeit des Denkens selbst. Und wie das Denken, das sich in unseren Köpfen abspielt, überschreitet diese Form des Schreibens alle möglichen Grenzen: Die Erschütterungen und körperlichen Empfindungen der Gegenwart, Ängste vor der Zukunft, Erinnerungen an die Vergangenheit, Träume, Gespräche – all dies ist im Geflecht der Existenz miteinander verwoben.
Ludwig Börne (1786 bis 1837) wird in der Tat in der historischen und psychologischen Literatur häufig als klassisches Beispiel schwerer Hypochondrie angeführt. Er beschäftigte sich intensiv mit seinen eigenen körperlichen Empfindungen, insbesondere im Bereich seines Verdauungssystems. In seiner Überzeugung, mentale Zustände hingen überhaupt stark von Verdauungszuständen ab, nahm er das modische zeitgenössische Beharren auf der Bedeutung der Darmgesundheitspflege vorweg. Aber besonders interessant ist der gewagte Schritt, der aus diesem Interesse an der inneren Beschaffenheit der menschlichen Existenz als Bewusstsein und Erlebnis eine Art zu schreiben entwickelt. In dem berühmten, von Sigmund Freud bewunderten Artikel „Die Kunst, in drei Tagen Originalschriftsteller zu werden“ (1823) hat er das sogar als Methode formuliert und den jungen Schriftstellern anempfohlen. „Man hat nichts dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen“, schrieb er. „Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, [. . .] vom Jüngsten Gerichte, von euern Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!“
Die Freiwilligen als Stellvertreter der deutschen Nation
Dies ist nicht gerade Romantik. Es ist nicht die Öffnung der Seele für die höheren Mächte der Existenz. Es ist durchaus vorstellbar, dass Novalis die beunruhigende Abfolge von Träumen in der „Ferien-Reise“ beschrieben hätte; er hätte aber gewiss nicht die parodistische medizinische Diagnose hinzugefügt, die darauf folgt.
Die Schreibweise ist zwar peinlich genau, doch dies ist nicht die glänzende, ausgewogene Prosa von Voltaire oder Johann Wolfgang von Goethe. Ihre Präzision lässt mich vielmehr an Jean-Jacques Rousseaus „Einsamen Spaziergänger“ denken, den Icherzähler seines letzten Werks, entstanden in den späten Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts, als Rousseau, erschöpft von den Angriffen und Denunziationen seiner Zeitgenossen, sich in ein Haus am Rande von Paris zurückzog, um dort in Einsamkeit zu leben und zu schreiben: „Ich werde meine Gedanken schreiben, wie sie kommen, ja, mit ebenso wenig Verbindungen, als die Ideen des Morgens mit denen des Abends untereinander zu haben pflegen. [. . .] Ich will meine Seele wie nach dem Barometer prüfen, und diese Versuche werden durch zweckmäßige Richtung und öftere Wiederholung mir ebenso sichere Resultate verschaffen.“

Doch auch die Unterschiede sind wichtig. In den „Träumereien“ hat Rousseau das Sagen: Er ist der meisterhafte Lotse und Chronist seiner eigenen Seele. Der Szientismus Rousseaus findet sich bei Börne nicht wieder, und es wäre naiv anzunehmen, der Erzähler der „Ferien-Reise“ sei lediglich der unschuldige Aufzeichner geistiger Vorgänge.
Man denke an jene drei Fieberträume: die gläsernen Hände, die kurz vor dem Zerbrechen stehen; die Unfähigkeit, die Zahl Dreizehn auszusprechen; die seltsame Begegnung mit einem Napoleon, der in der Eschenheimer Gasse beten will. Diese werden zwar spielerisch als mentale Ereignisse dargestellt, sind aber auch verschlüsselte Verweise auf die Gegenwart. Was könnte die Prekarität des Journalisten in einem Zeitalter der Zensur und Überwachung sowie der Polarisierung der Meinungen besser vermitteln als das Bild zerbrechender Hände. Es waren gefährliche Jahre für den politischen Journalismus. Nach der Ermordung von August von Kotzebue gab es eine bundesweite, von Metternich in Wien koordinierte Aktion, um die oppositionellen Netzwerke der Patrioten und Studenten sowie ihrer literarischen Förderer zu zerschlagen. Börne war 1819 nach Paris gereist und wurde bei seiner Rückkehr nach Frankfurt im Frühling 1820 verhaftet. Was seine Unfähigkeit betrifft, die Zahl Dreizehn auszusprechen, so könnte dies durchaus ein Hinweis auf das Jahr 1813 sein, das Jahr der großen Schlacht bei Leipzig. Doch das Jahr 1813 hatte mehr als nur eine Bedeutung. Die als „Dreizehner“ bekannten jungen Männer, die sich als Freiwillige im Kampf gegen Napoleon gemeldet hatten, waren in vielen Fällen zu politischen Aktivisten geworden. In einem faszinierenden Aufsatz aus den frühen Zwanzigerjahren mit dem Titel „Umtriebe“ reflektierte Carl von Clausewitz über dieses Problem. Die Kriege seien zwar vorbei. Napoleon sei „fest an sein Inselgefängnis gekettet“. Und damit sei der Moment gekommen, so Clausewitz, in dem „Frieden und Ordnung“ auf dem gesamten Kontinent hätten eigentlich einkehren müssen. Doch das Gegenteil sei eingetreten. Ein Geist fieberhafter Unruhe durchdringe das öffentliche Leben. Die Befreiungskriege, so stellte Clausewitz fest, hatten der deutschen Jugend ein Gefühl ihrer Macht vermittelt: Sie erinnerten sich an die Freiwilligen als Stellvertreter der deutschen Nation. Damit hat Clausewitz das Problem des Freiwilligen genannt: Niemand hat ihn gezwungen, zu fechten; wer sollte ihn also zwingen, aufzuhören?
Die Momente fesselnder Frische und Unmittelbarkeit.
Wie Börne allzu gut wusste, hegten viele dieser Patrioten gemischte Gefühle gegenüber den jüdisch-deutschen Zeitgenossen, ob diese nun konvertiert waren oder nicht. Bereits 1815 hatte der Schriftsteller und Buchhändler Saul Ascher über die Germanomanie nachgedacht, die so viele gebildete Deutsche erfasst hatte: „Der Fanatismus“, schrieb Ascher, „kennt keine Grenzen. Er blieb bei der Idee, die Juden seine Geißeln fühlen zu lassen, nicht stehen. Kaum war Frankreichs Despotismus gebrochen, so gingen unsere Germanomanen noch weiter [. . .]. Alles Fremdartige [sollte] von Deutschlands Boden entfernt [werden].“
Börne war vom patriotischen Eifer im Kampf gegen Napoleon mitgerissen worden, kam jedoch später zu der Ansicht, dass der Patriotismus in die falsche Richtung gelenkt worden sei. Und das wiederum ist der Schlüssel zum letzten Traum, wo ein verirrter Napoleon den Träumer um Rat bittet, weil er sein Gebet in der Eschenheimer Gasse gerne verrichten möchte. In der Eschenheimer Gasse hauste nämlich die Deutsche Bundesversammlung, die im November 1816 durch eine schlichte Zeremonie feierlich eröffnet worden war. Sie hatte kein eigenes Tagungsgebäude, sondern trat am Sitz der österreichischen Bundestagsgesandtschaft, dem Palais Thurn und Taxis, zusammen. Nach dem Erlass der Karlsbader Beschlüsse vom 20. September 1819 wurde diese fürstliche Botschafterkonferenz zum Hauptziel von Spott und Kritik. Liberale, Intellektuelle und Studenten sahen in ihr ein Instrument der Unterdrückung, das den erhofften deutschen Nationalstaat verhindere und liberale Bestrebungen mit Zensur und Verfolgung ersticke.
Man könnte Napoleons seltsames Auftauchen in Börnes Traum als Hinweis auf das zentrale Paradoxon sehen, nämlich dass die Befreiung Deutschlands von den Franzosen mit der Unterdrückung der politischen Freiheit in Deutschland einherging. Wie der französische Schriftsteller und Kritiker sowie glühende Bewunderer Börnes, Saint-René Taillandier, im Jahre 1849 bemerkte: „1815 hatten die Deutschen nicht nur Napoleon besiegt; sie hatten die Revolution besiegt, den Geist der Reform, sie hatten den Fortschritt der liberalen Zivilisation aufgehalten.“ „Die französische Niederlage“, schrieb Taillandier, „war für die Franzosen weniger schädlich als der deutsche Sieg für die Deutschen.“ Und Börne „gehörte zu den Ersten, die mit mutiger Entschlossenheit die Rolle verstanden, die nun denen auferlegt war, die nicht wollten, dass Deutschlands Sieg zum Untergang der Freiheit wurde“. Das war wohl der tiefere Sinn des gebeugten, ernüchterten Napoleon, der im Traum nach dem Weg zur Eschenheimer Gasse vertraulich gefragt hatte, um dort zu beten. Das sind mehr als nur Träume: Es sind straff konstruierte verschlüsselte Minidramen, kompakte politische Fabeln.
Man kann also nicht wirklich behaupten, dass Börne stets seinem eigenen Ratschlag gefolgt sei, seine Gedanken direkt und ohne Überlegung zu Papier zu bringen. Das mag für junge Schriftsteller ein guter Rat gewesen sein, doch Börne selbst fühlte sich nicht verpflichtet, ihn zu befolgen. Ja, es gibt Momente von fesselnder Frische und Unmittelbarkeit. Doch diese Momente, die sich so unmittelbar und spontan anfühlen, wechseln sich ab mit Momenten der Ironie und kritischen Distanz, der Parodie und des Pastiches. Die Oberfläche ist wechselhaft, vielfarbig, wie das Spiel des Lichts auf einem Öltropfen, der sich auf dem Wasser ausbreitet. Saint-René Taillandier hat dies treffend erfasst: „Der tiefgründige Gedanke schafft sich stets seine eigene Form, und der Stil von Louis Börne [. . .] – dieser neue, spontane, wahrhaft originelle Stil – wird sich plötzlich mit seinen strahlendsten Schätzen entfalten, wie die Frühlingsvegetation auf gut vorbereitetem Boden. Die Ironie verbirgt sich hinter einer launischen Verspieltheit; der gesunde Menschenverstand ist voller Fantasie und Anmut. [. . .] Louis Börne zeichnet sich in dieser Art von Polemik aus; er ist ein Meister dieser schwierigen Kunst, die Herr Heinrich Heine später mit blendender Gewandtheit wiederbelebte. Nie zuvor hat jemand den ahnungslosen Leser so gut verführt, um ihn dann plötzlich inmitten einer liberalen Predigt zu versetzen; nie zuvor wurde eine Falle mit genialerer Hinterhältigkeit gestellt.“
Sein Name zeigte eindeutig seine jüdische Herkunft
Wir sind weit entfernt von Rousseaus einsamem Träumer. Durch seine ausgeprägte Zeitgenossenschaft, seine Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment, sein Bestreben, die Struktur und das Tempo des Denkens einzufangen, sowie durch den Wechsel zwischen Tönen und Blickwinkeln schuf Börnes Schreibstil eine der Vorlagen für den modernen Feuilletonjournalismus. Es gab einen Moment im neunzehnten Jahrhundert, in dem Kritiker als Schiedsrichter der Gegenwart auftraten und eine Wissenschaft der Unterscheidung anwandten, deren Ziele nicht weniger ehrgeizig (und manchmal sogar ehrgeiziger) waren als die der Werke, die sie untersuchten. Börne gehörte zu den Hauptgestaltern dieses Moments. Und doch war er oft besorgt und unsicher, was sein Schreiben betraf. Es liegt vielleicht in der Natur dieser Art des Schreibens, dass es unter verschiedenen Bedingungen mit unterschiedlicher Kraft fließt, gerade weil es von den flüchtigen Energien momentaner Wahrnehmungen abhängt. Es gab häufige Schreibblockaden – als er einmal Mühe hatte, mit dem Schreiben seiner Zeitschrift „Die Waage“ Schritt zu halten, schrieb ihm seine lebenslange Freundin Jeanette Wohl einen Brief, der fast ausschließlich aus dem Wort „Waage“ bestand.
Wir dürfen nicht vergessen, dass Börne in einer Zeit beispielloser Umbrüche und Veränderungen aufwuchs. Er wurde 1786 hier in Frankfurt als Juda Loeb Baruch geboren, in einer Stadt, die damals zu den freien Reichsstädten des Heiligen Römischen Reiches gehörte. Seine Familie lebte in der Judengasse der Stadt, einem streng kontrollierten und überbevölkerten Viertel, das im fünfzehnten Jahrhundert angelegt worden war. Im Jahre 1769, siebzehn Jahre vor seiner Geburt, war eine Petition der Juden, das Ghetto am Sonntagnachmittag verlassen zu dürfen, abgelehnt worden. Der Frankfurter Rat betrachtete schon das Gesuch als „Beweis für den grenzenlosen Hochmut dieses Volkes, das alle Mühe anwende, um sich bei jeder Gelegenheit den christlichen Einwohnern gleichzusetzen“.
Zu einer allmählichen Öffnung des Ghettos kam es erst 1796 nach der Beschießung der Stadt durch französische Truppen unter General Jean Baptiste Kléber. Vor allem der Nordteil der Judengasse wurde getroffen und geriet in Brand. Etwa ein Drittel der Häuser der Judengasse wurde vollkommen zerstört. Doch danach durften sich die betroffenen Bewohner im christlichen Teil der Stadt niederlassen. Damals war der Schriftsteller zehn Jahre alt. Ein seltsamer Gedanke, dass die Befreiung für viele in Form einer Bombardierung kam. 1806, als er zwanzig Jahre alt war, erschien der Erlass des von Napoleon eingesetzten Großherzogs von Frankfurt Carl Theodor von Dalberg, der den Juden Frankfurts den Zutritt zu den öffentlichen Promenaden, den Anlagen, erlaubte. Allerdings wurden die Restriktionen im folgenden Jahr durch die Stadt teilweise wieder in Kraft gesetzt. Erst 1811 kam es zur endgültigen Aufhebung des Ghettozwangs und der jüdischen Sonderabgaben – wofür die jüdische Gemeinde allerdings eine heftige Abschlagszahlung blechen musste. 1816, nach dem Sieg über Napoleon, kam es erneut zu einer gesetzlichen Beschränkung der bürgerlichen Rechte der Juden. Das ist der Hintergrund, vor dem Börne sich 1818 evangelisch taufen ließ, mit der Begründung, sein Name zeige zu eindeutig seine jüdische Herkunft und würde ihm bei seiner Herausgebertätigkeit schaden.
Nicht nur ein Stil, sondern eine Form der Wahrnehmung
Was mich an seiner Geschichte beeindruckt, ist, dass sie sich vor dem Hintergrund beispielloser Umbrüche entfaltete. Die Französische Revolution (1789 bis 1799) und ihre napoleonischen Nachwirkungen (1800 bis 1815) waren die einleitende, alles prägende Krise des neunzehnten Jahrhunderts in Europa. Sie veränderten die Landkarte. Sie zerstörten alte administrative und politische Strukturen und brachten Millionen von Europäern neue. Sie zogen eine beispiellose Zahl von Zivilisten in die Wirren des Krieges hinein und veränderten das Verhältnis zwischen den Staaten und den Menschen, die in ihnen lebten. Sie schufen neue politische Kulturen und brachten Verfassungen auf dem gesamten Kontinent hervor. Sie inspirierten, zogen an, stießen ab und traumatisierten Frauen und Männer und verliehen ihnen einen Impuls an Gedanken, Gefühlen und Handlungen, der den Sturz Napoleons noch lange überdauern sollte. Die Umwälzungen waren ebenso fruchtbar wie traumatisch. Religiöse Massenbewegungen, radikale Insurrektionen, ein reichhaltiges Biotop konservativer und sozialistischer politischer Visionen sowie die Mobilisierung patriotischer, nationalistischer und chauvinistischer Gefühle gediehen alle auf dem von Revolution und Krieg aufgewühlten Boden. Niemand war besser platziert, um die Ambivalenzen und Risiken dieser Übergangszeit und den nicht linearen Charakter des historischen Wandels jener Zeit zu erkennen, als die Juden in den deutschen Staaten.
Wir betrachten die Zeit nach 1815 als eine Restauration. Mir jedoch erscheint es, als blickten wir auf eine zerrissene, eine gesprengte Welt. In den Lebenswelten, welche die Menschen bewohnen, lassen sich zerstörte Dinge nicht wiederherstellen – zumindest nicht in einem Sinne, der die Gewalt ungeschehen machen würde. Doch die Fragmente, die bei einer Explosion verstreut werden, können genutzt werden, um etwas Neues zu erschaffen, auch wenn dieses Neue zunächst jenseits des Horizonts derer liegt, die eine Ära des Umbruchs und der Transformation überlebt haben. In seinem rätselhaften Roman „Bekenntnisse eines Kindes des Jahrhunderts“, der 1836 erschien, stellte Alfred de Musset fest, dass die Männer und Frauen seiner Generation, die in den Jahren der Revolutions- und Napoleonischen Kriege geboren wurden, nur auf „eine für immer zerstörte Vergangenheit“ zurückblicken konnten. Was sie in der Gegenwart umgab, war etwas „Vages und Schwebendes, ein aufgewühltes Meer voller Trümmer“.
Hierin liegt, so scheint es mir, der tiefere Sinn jenes Stils, für den Börne so bekannt wurde. Dieser nervöse Wechsel von Stimmungen und Perspektiven, der rasche Wechsel der Tonlagen, die Bereitschaft, kunstvoll mit disparaten Fragmenten zu arbeiten, in einem Moment mit atemberaubender Direktheit und im nächsten indirekt und verschlüsselt zu sprechen und die Argumentation niemals auf einen einzigen Fluchtpunkt auszurichten, sondern mehrere Blickwinkel im Spiel zu lassen – das war mehr als das Repertoire eines Stils, es war eine Form der Wahrnehmung, die von einem und für einen bestimmten historischen Moment geschaffen wurde.
Deshalb zieht Börnes Schreiben heute noch unsere Aufmerksamkeit auf sich. Seine erträumte Begegnung mit einem verirrten Napoleon lenkt unseren Blick auf eine Welt, in der ein großer Sieg zu einer großen Niederlage zu werden drohte. Auch in unserer Zeit fragen sich viele, was aus jenem Triumph des „Westens“ geworden ist, den Francis Fukuyama in seinem unvergessenen Essay über das Ende der Geschichte so eloquent gefeiert hat. Sensibel, nervös, in sich gekehrt, ängstlich und stets bemüht, den inneren Sinn der Turbulenzen seiner Zeit zu erkennen – auch heute liest sich dieser große deutsche Journalist wie ein Zeitgenosse.
Christopher Clark, Königlicher Professor für Geschichte an der Universität Cambridge, hielt diese Rede gestern bei Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche.
