Der Schornstein war das Erste, was Peter Hoffmeister sah: eine Ruine in der Dresdner Johannstadt, zugewachsen, vergessen, einst eine Schokoladenfabrik. Für den Vorstandsvorsitzenden des Dresdner Kinderschutzbundes wurde sie sofort zum Symbol. «Als ich den Schornstein und auch die Mauern gesehen habe, dachte ich: Da kann man eine Schutzburg bauen, einen Schutzraum bauen für Kinder», sagt Hoffmeister heute beim Rundgang durch das Haus, das aus dieser Ruine entstanden ist. Von Weitem sichtbar sollte es sein und ein Ort für Kinder, Jugendliche und Familien im Stadtteil.
Seit etwa zweieinhalb Jahren gibt es sie nun. Für seine Vision hat sich Hoffmeister den Dresdner Architekten Alexander Pötzsch an seine Seite geholt und eine Ruine in eine Utopie verwandelt. Dafür wurden beide in dieser Woche mit dem Bundespreis Umwelt & Bauen ausgezeichnet, vergeben vom Umweltbundesamt und Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD). Der Weg dahin war alles andere als geradlinig, erinnert sich Hoffmeister.
Projekt stand auf Kippe wegen Geldnot und Kostenexplosion
Der Kaufpreis war günstig, doch was danach kam, war alles andere als einfach. Die erste Kostenschätzung lag bei 3,6 Millionen Euro – schon das war, wie sich zeigte, zu optimistisch. Die Bank bot maximal drei Millionen Kredit an, die Stadt zunächst eine halbe Million. Hoffmeister lehnte ab: Die Deckung würde so nicht funktionieren.
«Ich mache es nicht für die Summe», sagte er damals der zuständigen Stelle beim Stadtplanungsamt. Kurz darauf sei es zu einem Termin im sächsischen Innenministerium gekommen. Das Ergebnis: 2,3 Millionen Euro aus der Städtebauförderung von Bund, Land und Kommune. Dann kam die Corona-Pandemie und die Kosten explodierten. Es fehlte am Ende erneut Geld.
«Es war dann ein steter Kampf», sagt Hoffmeister. Am Ende nahm der Verein Schulden von gut 1,3 Millionen Euro auf, um das Projekt realisieren zu können. Ein kalkuliertes Risiko, da die Miete für die alten Räume gleichzeitig entfallen würde.
Von Anfang sei er dabei angefeindet worden dafür, dass er die zugewucherte Industrieruine, die zuletzt Teil des Plattenwerks Johannstadt gewesen ist, erhalten wollte. «Wir wurden massiv angegriffen: Wie blöd seid ihr denn? Warum reißt ihr nicht ab?», erinnert sich Hoffmeister. Die Bedingung war für ihn trotzdem klar: Das Haus bleibt stehen.
Kosten für Umbau niedriger als Abriss und Neubau
Für Architekt Alexander Pötzsch, dessen Büro den Auftrag 2019 übernahm, war das Projekt von Anfang an ein Bekenntnis: nicht abreißen, sondern anpacken. Die Auszeichnung in Berlin ist für ihn mehr als ein persönlicher Erfolg. «Es war das einzige ostdeutsche Projekt, das da ausgezeichnet wurde», sagt der Architekt.
Die Fabrikhalle aus dem 19. Jahrhundert blieb größtenteils erhalten. Für einen Innenhof wurde ein Hallendach entfernt. Auf dem historischen Bestand entstand ein Obergeschoss in Holzbauweise mit Räumen für eine Wohngruppe.
Das Gebäude kommt ohne aufwendige Haustechnik aus und setzt auf natürliche Belüftung, erklärt der Architekt. Offene Ziegelwände in Fluren und Treppenhaus erinnern an den ursprünglichen Fabrikbau. Historische Bauteile wie Tore und Fenster wurden aufgearbeitet und wiederverwendet. Der Boden des Innenhofs war teilweise kontaminiert und wurde mit einer Betondecke versiegelt.
Das alles war möglich mit einem Budget, das unter dem eines Neubaus gelegen hat, erklärt Pötzsch nicht ohne Stolz. «Um auch damit mal mit der Mär aufzuräumen, dass der Bau im Bestand immer teurer ist.» Der Bundespreis Umwelt & Bauen richtet sich explizit an solche Projekte und sende damit ein wichtiges Signal, findet der Architekt.
Der Bausektor sei in Deutschland einer der größten Verursacher von CO2-Emissionen, Abfällen und Rohstoffverbrauch, erklärt Pötzsch. Es ist nicht die erste Auszeichnung für das Familienzentrum: Bereits im vergangenen Jahr erhielt das Projekt den Erlweinpreis für beispielgebende Baukultur der Gegenwart der Landeshauptstadt Dresden.
«Dass wir Kinderschutz sichtbar machen – das ist wichtig»
Hoffmeister quittiert die Preise zwar mit Genugtuung, sieht in ihnen aber auch eine gewisse Ambivalenz. Der 70-Jährige arbeitet hauptberuflich als Unternehmensberater und engagiert sich seit 25 Jahren ehrenamtlich beim Dresdner Kinderschutzbund, seit langem als dessen Vorsitzender. «Mir ist es nicht wichtig für mich persönlich», sagt er. «Aber dass wir im Grunde genommen Kinderschutz sichtbar machen – das ist wichtig.»
Räumlich sei es gelungen. Was ihm fehlt: dass diese Sichtbarkeit auch politisch Widerhall findet. «Als der Dresdner Kinderschutzbund 20 Jahre alt war, haben wir ein schönes Fest gemacht. Von der Politik kam niemand», kritisiert er.
Für die Beteiligten ist das Haus heute weit mehr als ein architektonisches Projekt. Im Erdgeschoss nutzt die mobile Jugendarbeit ihre Kontakträume: Jugendliche können hier kickern, kochen, sich beraten lassen oder auch einfach nur sein, sagt Andreas Blume, Geschäftsführer des Dresdner Kinderschutzbundes.
Der Innenhof wird am Nachmittag zum Treffpunkt im Viertel. Unter dem Dach leben sieben Jugendliche in einer Wohngruppe. Hinzu kommen Beratungsangebote, die Vereinsgeschäftsstelle mit Konferenzräumen sowie das «Bibliotop», ein von Ehrenamtlichen betriebener Treffpunkt mit begehbarem Bücherschrank.
Seine Utopie sieht Peter Hoffmeister rund acht Jahre später weitestgehend erfüllt. Auch wenn sie eine Pflanze sei, die immer noch wachse. «Jedes Kind, das hier rauskommt und eine Perspektive hat, ist es wert, dass dieses Gebäude gebaut wurde», sagt Hoffmeister.
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