
Doppelt hält besser. An dieses Motto wurden die Berliner schmerzhaft erinnert, als es vermeintlichen Klimaaktivisten nun zum zweiten Mal gelungen ist, die Stromversorgung für Tausende Menschen und Unternehmen tagelang zu stören, indem sie einzelne Masten und zuletzt eine Kabelbrücke zerstörten. Die Planer des Frankfurter Stromnetzes scheinen es besser beherzigt zu haben: „Eine Konstellation, die vergleichbar der Versorgung des betroffenen Bereiches in Berlin ist, weist unsere Netzstruktur nicht auf“, sagt eine Sprecherin des Energieversorgers Süwag, dessen Unternehmenstochter Syna das Verteilnetz in den westlichen Stadtteilen Frankfurts betreibt.
Für den – weitaus größeren – Rest der Stadt sind die zur Mainova gehörenden Netzdienste Rhein-Main (NRM) zuständig. Beide Betreiber versichern, dass ihre Leitungskreise zum größten Teil redundant ausgelegt seien: Komme es an einer Stelle zu einer Unterbrechung, könne der Strom über andere Leitungen zumeist schnell wieder fließen. Das zeige sich auch daran, dass in der Mainmetropole der Strom seltener ausfällt als anderswo im Land, sagt eine Sprecherin der Mainova. Die durchschnittliche Unterbrechungsdauer je Kunde habe in Frankfurt zuletzt bei acht Minuten und 33 Sekunden gelegen, während der Bundesdurchschnitt bei knapp 13 Minuten lag. Damit zähle das Frankfurter zu den zuverlässigsten Netzen Deutschlands.
Völlige Sicherheit schafft das natürlich nicht: Trotz teilweise mehrfach redundanter Versorgungsleitungen sei die Netzinfrastruktur nicht vollständig vor Sabotageakten zu schützen, betonen beide Betreiber. Wie sie ihre Kraft- und Umspannwerke, Leitungen und Strommasten im Einzelnen sichern, dazu wollen sich weder Süwag noch Mainova äußern. Die Syna setze auf ein mehrstufiges Sicherheitskonzept, wozu baulicher und Objektschutz und Zutritts- und Zugriffskontrollen gehörten. Es gebe Pläne für Alarmierungs- und Meldewege sowie interne Krisenprozesse, lässt die Süwag-Pressestelle wissen. Mit den Sicherheitsbehörden gebe es einen ständigen Austausch.
Mit Blick auf verschiedene Katastrophenszenarien hat die Stadt Frankfurt einen sogenannten Sonderschutzplan entwickelt. In die Vorkehrungen für großflächigere Stromausfälle sind Mainova und Süwag eingebunden. Im Ernstfall komme ein Krisenstab zusammen, der die Abläufe auch regelmäßig probt.
Sicherheitsmaßnahmen nach Anschlag in Berlin überprüft
„Wir überprüfen Schutzmaßnahmen laufend risikobasiert – und nach Ereignissen wie in Berlin findet naturgemäß eine zusätzliche Lagebewertung statt.“ Mehr könne und sollte man dazu öffentlich nicht sagen, heißt es von der zum Eon-Konzern gehörenden Süwag. Genauso hält es die Mainova, die mehrheitlich in Besitz der Stadt Frankfurt ist: „Wir sind mit den Behörden im regelmäßigen Austausch und prüfen, ob sich aus Berlin neue Erkenntnisse ergeben.“
Dass Frankfurt in zwei Stromnetzgebiete geteilt ist, sehen beide Anbieter nicht als Problem, sondern als Vorteil. Süwag verweist auf die organisatorische Entkopplung und die doppelten Ressourcen, die im Krisenfall hilfreich sein könnten. Man arbeitete eng zusammen, auch in gemeinsamen Krisenübungen. Auch den Status von Frankfurt als Stromkreuz, durch das die Hochspannungsleitungen von gleich zwei Betreibern laufen, werten die Versorger als Vorteil. Das sei ebenfalls eine Redundanz, die Frankfurt besser absichere, als es anderswo der Fall ist.
Beide Netzbetreiber verfügen auch über Notstromaggregate, wie sie am Jahresbeginn in Berlin zum Einsatz kamen. Sie sind aber gar nicht unbedingt für den Blackout, sondern in erster Linie für den punktuellen Einsatz gedacht, beispielsweise während Bauphasen. Eine Großstadt ließe sich damit kaum versorgen. „Mobile Aggregate sind keine Alternative zum Stromnetz für eine ganze Stadt“, sagt die Süwag-Sprecherin.
Zumal der Strombedarf in Frankfurt ganz besonders hoch ist: Frankfurt ist mit dem Industriepark Höchst, dem Flughafen und Dutzenden großen Rechenzentren einer der stromhungrigsten Standorte Europas. Mit der im Zuge der Energiewende zunehmenden Elektrifizierung aller Lebensbereiche werden die Auswirkungen von Stromausfällen womöglich noch gravierender. Ohne Strom bleiben Wohnzimmer- und Straßenbeleuchtungen dunkel, funktionieren Internet, Tankstellen, Ampeln und Geldautomaten nicht, selbst die gute alte Gastherme kann dann nicht arbeiten.
Entsprechend positiv bewerten beide Anbieter, dass der Bund mit einem KRITIS‑Dachgesetz den Schutz kritischer Infrastrukturen verschärfen will. Auch dass die sogenannte Transparenzpflicht überdacht wird, begrüßen sie. Bislang sei es zu leicht, sich die nötigen Informationen über den Verlauf von Stromtrassen zu beschaffen, hatten Frankfurter Experten im Gespräch mit der F.A.Z. schon im Sommer gewarnt. Auf der anderen Seite sei es unmöglich, die über das ganze Land verteilten Masten, Umspannstationen und Leitungen zu überwachen. Allerdings sollten die darin vorgesehenen Pflichten für Risikoanalysen und Meldepflichten noch einmal dahingehend geprüft werden, ob sie die Sicherheit tatsächlich verbessern und nicht nur Bürokratie erzeugen, wünscht man sich bei Mainova.
