
In Australien haben in dieser Woche die ersten öffentlichen Aussagen vor einer Kommission begonnen, die die Hintergründe des antisemitischen Terroranschlags am Bondi Beach untersuchen soll. Bereits in den ersten Sitzungsstunden hörte die Kommission zahlreiche Schilderungen einer zunehmend antisemitischen Stimmung, die sich insbesondere seit der Hamas-Attacke in Israel am 7. Oktober 2023 in Australien ausgebreitet habe. Ein jüdischer Zeuge nach dem anderen berichtete von verbalen und körperlichen Angriffen, Beleidigungen, Wandschmierereien und Sachbeschädigung. Einige wiederholten die Vorwürfe, Regierung und Sicherheitsbehörden hätten nicht entschlossen genug gehandelt.
Schon in ihren Eingangsbemerkungen sagte die Kommissionsvorsitzende und ehemalige Richterin am Obersten Gericht, Virginia Bell, der zunehmende Judenhass in Australien habe dem Terrorangriff an dem berühmten Strand außerhalb Sydneys den Boden bereitet. Der verbreitete Antisemitismus steht Bell zufolge in einem „deutlichen Zusammenhang zu Ereignissen im Nahen Osten“. Die Attacke, bei der ein 50 Jahre alter Mann und sein 24 Jahre alter Sohn gezielt eine Feier zum jüdischen Lichterfest Chanukka ins Visier genommen hatten, war die schwerste Gewalttat in Australien seit Jahrzehnten. Die vom „Islamischen Staat“ inspirierten Angreifer haben 15 Menschen ermordet und Dutzende weitere verletzt.
Vertreter der jüdischen Gemeinde in Sydney hätten angesichts der zunehmend antisemitischen Stimmung damals gewarnt, dass eine „Katastrophe“ bevorstehen könne, berichtete Bell weiter. Ihre Kommission hat vorige Woche ihren ersten Zwischenbericht vorgelegt. Demnach hatte nur wenige Tage vor dem Anschlag die jüdische Gruppe Community Security Group in einer E-Mail an die Polizei einen Terroranschlag im Bundesstaat New South Wales als „wahrscheinlich“ bezeichnet. Dem Zwischenbericht zufolge hatte die Polizei damals dennoch mitgeteilt, sie werde keine Einsatzkräfte zur Sicherung der Chanukka-Feier bereitstellen, sondern mobile Streifen entsenden.
Die jüdische Gemeinde sucht noch immer nach Antworten
Der Prozess, der in der Veröffentlichung eines Schlussberichts zum ersten Jahrestag des Anschlags am 14. Dezember münden soll, zeigt, wie schwierig sich Australien mit der Aufarbeitung der Ereignisse tut. „Fünf Monate nach dem Anschlag trauert die jüdische Gemeinde Australiens immer noch, leidet immer noch und sehnt sich immer noch nach Antworten“, sagte Ministerpräsident Anthony Albanese nach der Veröffentlichung des Zwischenberichts. Zwar versprach er, alle 14 in dem Dokument enthaltenen Empfehlungen umsetzen zu wollen. Schuldzuweisungen wies er aber von sich: Von seiner Regierung seien „keine dringenden Änderungen“ gefordert worden, äußerte er.
Die Reaktion der Regierung auf den Anschlag wird auch von manchen Mitgliedern der jüdischen Gemeinden kritisch gesehen. Sie hatte bereits im Januar als erste Reaktion auf den Anschlag eine Verschärfung der Waffengesetze verabschiedet. Ein neues Gesetz gegen Antisemitismus und andere Hassverbrechen wurde allerdings dafür kritisiert, dass es Einschränkungen der Rede- und Demonstrationsfreiheit nach sich ziehen könne. Einige Zeugen sagten außerdem aus, dass sich die Lage seit dem Anschlag teilweise sogar verschlechtert habe. So kursierten nun etwa Verschwörungstheorien, wonach die Terrorattacke vom israelischen Geheimdienst inszeniert worden sei.
Die Aussagen australischer Juden vor der Kommission führen dem Land schmerzvoll vor Augen, unter welchem Druck die jüdische Gemeinde Australiens in den vergangenen zweieinhalb Jahren gestanden hatte. Seit dem 7. Oktober 2023 hatten jüdische Organisationen mehr als 2000 antisemitische Vorfälle gezählt. Darunter waren Brandanschläge auf Synagogen, jüdische Restaurants und Autos mit sichtbaren jüdischen Symbolen in Sydney und Melbourne. Auf Protesten gegen das Vorgehen Israels im Gazastreifen hatten Teilnehmer judenfeindliche Parolen skandiert.
„Ich kann Juden riechen“, wurde ihren Kindern im Bus gesagt
Am Dienstag berichtete eine jüdische Mutter der Kommission, wie ihre Kinder in ihrem Schulalltag antisemitischen Beleidigungen, Hakenkreuz-Schmierereien und dem Hitlergruß ausgesetzt seien. „Die jüdische Gemeinschaft in Australien erlebt eine ganz andere Realität als der Rest der australischen Bevölkerung“, sagte die Frau. Eine Frau aus Melbourne hatte der Kommission am Montag berichtet, wie ihre Kinder, die Uniformen einer jüdischen Schule trugen, angefeindet wurden. „Sind hier Juden in diesem Bus? Wenn es Juden gibt, sollten wir ihn niederbrennen … Ich kann Juden riechen“, hätten andere Kinder zu ihnen gesagt.
Die Aussagen haben auch deutlich gemacht, wie in Australien Kritik an der Politik Israels mitunter in Antisemitismus umgeschlagen war. Benjamin Elton, Rabbiner in Sydneys größter und ältester jüdischer Gemeinde, nannte das Beispiel eines Protestbanners mit den Worten „Sanktioniert Israel“, das Demonstranten vor der Synagoge ausgerollt hätten. Auf diese Weise würden Australiens Juden für die Politik Israels verantwortlich gemacht. „Aus Hass auf Israel wird Hass auf Juden“, sagte Elton, „und dieser Hass führt letztlich zu Gewalt.“ Mehrere Zeugen berichteten, dass sie Pläne vorbereitet hätten, um Australien gegebenenfalls schnell verlassen zu können. „Ich habe Angst um meine Kinder und Enkelkinder“, sagte der 86 Jahre alte Holocaust-Überlebende Peter Halasz. Juden seien in Australien „zum Ziel geworden“.
