Die USA wollen nicht nur eine gepanzerte Brigade aus Deutschland abziehen, sondern auch auf die Stationierung von weitreichenden Raketen und Marschflugkörpern verzichten. Das hat gravierende Folgen für die Abschreckung Russlands.
Warum hat sich Deutschland um US-Mittelstreckenwaffen bemüht?
Es war ein ziemlicher Coup, als die USA und Deutschland am 10. Juli 2024 die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland bekannt gaben. In Washington lief gerade der NATO-Gipfel, dafür hatten sich der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden die Nachricht aufgehoben. In Deutschland hatte der Kanzler niemanden vorher eingeweiht, auch nicht in seiner eigenen Partei. Prompt hagelte es Kritik vom linken Flügel, wo nicht wenige Politiker einst gegen den NATO-Doppelbeschluss demonstriert hatten, der auch die Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland vorsah. Diesmal sollten sie aber nur konventionell bewaffnet sein.
Die Bundesregierung verwies zur Begründung auf die „neue Bedrohungslage“ durch Russland, insbesondere durch Marschflugkörper des Typs SSC-8, die auch nuklear bewaffnet werden können. Sie wurden in der Oblast Kaliningrad stationiert, dem früheren Königsberg, und können von dort jeden Ort in Deutschland und weite Teile Europas erreichen. Mit konventionellen Sprengköpfen wurden sie auch schon gegen die Ukraine eingesetzt.
Deutschland und die NATO haben keine vergleichbare Waffe, weil sie sich – anders als Russland – an den INF-Vertrag gehalten haben, der Systeme mittlerer Reichweite verbannte. Deshalb war Berlin auf der Suche nach einer schnell verfügbaren Lösung, mit der es wenigstens die russischen Kräfte und Kommandostrukturen in der Region Moskau ausschalten könnte, um so eine gewisse Abschreckung des Kremls zu erreichen. Die Bundeswehr verfügt mit dem Taurus über ein Waffensystem, das nur gut 500 Kilometer weit reicht und dies von deutschem Boden aus nicht gewährleisten kann.
Was war der Stationierungsplan der USA?
Die Mitteilung im Juli 2024 enthielt nur wenige Sätze. Demnach wollten die USA im Jahr 2026 mit der „zeitweiligen Stationierung“ von „Fernfeuerfähigkeiten“ in Deutschland beginnen, „als Teil der Planung für eine dauerhafte Stationierung in der Zukunft“. Genannt wurden konventionell bewaffnete Waffen dreier Typen: der Marschflugkörper Tomahawk, der in seiner bodengestützten Variante bis zu 2500 Kilometer weit reicht; ballistische SM-6-Raketen mit mehr als 500 Kilometer Reichweite und Hyperschallraketen mit bis zu 3000 Kilometer Reichweite (Dark Eagle). „Der Einsatz dieser fortschrittlichen Fähigkeiten wird das Engagement der Vereinigten Staaten für die NATO und ihren Beitrag zur integrierten Abschreckung in Europa demonstrieren“, hieß es weiter.
Die Verlegung war als Teil der Multi Domain Task Force in Deutschland gedacht. Diese Einheiten werden seit 2017 aufgebaut und sollen US-Streitkräften weltweit Operationsfreiheit gewähren. Sie verbinden Aufklärung und elektronische Kampfführung mit Luftverteidigung sowie einem Bataillon, das auch Mittelstreckenwaffen einsetzen kann. Die deutsche Taskforce ist in Wiesbaden stationiert, beim Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Europa.
Bis wann gibt es eine europäische Lösung?
Einen Tag nach der Mitteilung mit den USA unterzeichneten Deutschland, Frankreich, Italien und Polen in Washington eine Absichtserklärung zur Entwicklung einer eigenen Abstandswaffe mit hoher Präzision. Die US-Waffen sollten das also nur überbrücken. Später schlossen sich auch das Vereinigte Königreich und Schweden dem Vorhaben an, das den Namen „European Long-Range Strike Approach“ und die Abkürzung ELSA bekam. Neben Kampfdrohnen geht es um die Entwicklung einer Waffe mit deutlich mehr als 1000 Kilometern Reichweite, die strategische Ziele in Russland ausschalten kann.
Ob dies ein Marschflugkörper oder eine ballistische Rakete sein soll, blieb offen, ebenso der zeitliche Rahmen. Bis heute ist auch nicht klar, welche Industriepartner das System entwickeln sollen. Frankreich, das Vereinigte Königreich und Deutschland verfügen zwar über Expertise bei Marschflugkörpern, doch stehen schwierige Verhandlungen über die Systemanforderungen und die Arbeitsteilung erst noch bevor.
Kann Berlin Tomahawks von den USA kaufen?
Im Juli 2025 hat Deutschland eine Anfrage für den Kauf des Startsystems Typhon an die amerikanische Regierung gerichtet, wie Verteidigungsminister Boris Pistorius nach einem Treffen mit seinem US-Kollegen Pete Hegseth mitteilte. Dieses System kann sowohl Tomahawk-Marschflugkörper als auch ballistische Raketen des Typs SM-6 verschießen. Der Schritt wurde von Fachleuten als Vorbereitung für den Kauf von Tomahawks gewertet. Der Marine-Inspekteur Jan Christian Kaack hatte im Mai 2025 angekündigt, dass man auch die Ausrüstung deutscher Schiffe mit seegestützten Tomahawks prüfe. Das sehe gar nicht schlecht aus, sagte Kaack.
Inzwischen hat sich die Lage wegen des amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran aber grundlegend geändert. Der Marschflugkörper gehört wie das Patriot-Abwehrsystem zu den meistgenutzten Systemen. So sollen in den ersten vier Kriegswochen nach US-Berichten mehr als 850 Tomahawks verschossen worden sein. Im Pentagon hat das zu Besorgnis geführt, weil die Industrie mit der Produktion nicht hinterherkomme. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass die USA in den nächsten Jahren eine größere Zahl dieses Waffensystems verkaufen können.
Ist eine Zusammenarbeit mit der Ukraine möglich?
Grundsätzlich unterstützt Deutschland schon jetzt die Entwicklung ukrainischer Fähigkeiten für Schläge in der Tiefe des gegnerischen Raums. Das betrifft weitreichende Drohnen, aber auch Marschflugkörper. Mit der Kooperation wird in Berlin gerne begründet, warum die Ukraine den Taurus gar nicht mehr brauche. Sie könnte möglicherweise ausgebaut werden, doch wird Kiew bis auf Weiteres neue Systeme für seine eigene Verteidigung benötigen.
