
Der nächste vermeintliche Traumpartner für Thyssenkrupps Stahlsparte sagt leise Ade: Der indische Konzern Jindal Steel und der Essener Industriekonzern verhandeln vorerst nicht weiter über einen Verkauf der in der Sanierung befindlichen Stahltochtergesellschaft Thyssenkrupp Steel an die Inder. Das gab das Unternehmen am Samstag in einer Mitteilung bekannt.
Schon länger hatte sich abgezeichnet, dass die Verhandlungen stocken, jetzt „pausieren“ sie offiziell. Und zwar nicht – so jedenfalls der offizielle Grund –, weil es so schlimm stünde um die Stahlsparte der Essener. Im Gegenteil: Wie von Investoren zuletzt lautstark gefordert, möchte Thyssenkrupp seine Tochtergesellschaft nicht verramschen. „Die ursprünglichen Grundannahmen und Voraussetzungen für eine mögliche Veräußerung von Thyssenkrupp Steel haben sich in den vergangenen Monaten deutlich geändert“, schreibt das Unternehmen. Es gebe ein „deutliches Wertsteigerungspotential“ und „verbesserte Rahmenbedingungen“.
Wichtige Sanierungsschritte eingeleitet
Tatsächlich hatten mehrere Entwicklungen zuletzt dazu geführt, dass der Verkaufsdruck gesunken ist: So war es Thyssenkrupp im vergangenen Jahr gelungen, mit der IG Metall einen Sanierungstarifvertrag abzuschließen, dem zufolge die Produktionskapazitäten sinken und bis 2030 insgesamt rund 11.000 Stellen gestrichen oder ausgelagert werden sollen; auch die verbleibenden Beschäftigten akzeptieren Einschnitte. Der Stahlbereich wird somit tendenziell wieder profitabler.
Zudem gelang es Thyssenkrupp, sich mit dem Konkurrenten Salzgitter auf einen Verkauf der sanierungsbedürftigen Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) an die Niedersachsen zum kommenden Juni zu einigen. Damit erspart sich Thyssenkrupp teure Schließungskosten und muss Stahl von HKM, den es nicht mehr benötigt, nicht mehr so lange abnehmen wie vertraglich eigentlich vorgesehen. Auch das spart Geld.
Neues Selbstbewusstsein auch durch politische Rahmenbedingungen
Als dritten Punkt verweist Thyssenkrupp auf die politischen Rahmenbedingungen, die sich absehbar verbessern werden. So werde die EU die Importkontingente für Stahl verschärfen, die Schutzzölle bei Überschreitung dieser Kontingente verdoppeln, ein CO₂-Grenzausgleichssystem (CBAM) einführen und einen EU-Aktionsplan Stahl aufstellen. Das „grundlegend vorteilhaftere regulatorische Umfeld“, existiere nun „trotz des aktuellen Energiepreisschubs durch den Irankrieg“.
In Summe lässt Thyssenkrupps Vorstandschef Miguel López keinen Zweifel daran, dass er die Verhandlungen mit breiter Brust verlässt: „Wir haben immer gesagt: Stahl ist Zukunft. Und ein zukunftsfähiges Geschäft ist ein werthaltiges Geschäft“, lässt er sich zitieren.
Selbständig werden soll der Stahl weiterhin
Das neue Selbstbewusstsein verstärkt haben könnte auch der vergangene Woche verkündete Verkauf von Thyssenkrupp Elevator (TKE) an das finnische Unternehmen Kone für rund 30 Milliarden Euro – auch wenn Thyssenkrupp selbst in den Verkauf nicht involviert ist. Thyssenkrupp gehören noch 16 Prozent an TKE. Sollte der Deal tatsächlich klappen, würde der Wert dieser Beteiligung in den Büchern des Industriekonzerns beträchtlich steigen. Dies bleibt aber vorerst nur ein Hoffnungswert, da der TKE-Verkauf längst nicht in trockenen Tüchern ist und die Kartellbehörden noch zustimmen müssen.
An seinen Plänen für eine Verselbständigung des Stahlsegments hält Thyssenkrupp jedenfalls fest. Der Konzern möchte sich mittelfristig zu einer Finanzholding weiterentwickeln und alle seine Sparten abspalten. Für den Stahl könne man sich eine „eventuelle Minderheitsbeteiligung“ der Thyssenkrupp AG vorstellen, heißt es.
Gemischte Gefühle bei der IG Metall
Arbeitnehmervertreter reagierten mit gemischten Gefühlen auf das vorläufige Scheitern der Gespräche mit Jindal. Die Gewerkschaft IG Metall, die anfangs voll des Lobes über die Verhandlungen gewesen war, hatte zuletzt zwar ihren Enthusiasmus weitgehend verloren. Sie plädiert jetzt allerdings für einen deutlichen Schnitt anstelle einer vagen Gesprächspause.
„Nach der Episode mit dem Investor Daniel Křetínský droht sich nun der geplante Einstieg von Jindal Steel International zur nächsten Hängepartie zu entwickeln“, sagte der stellvertretende IG-Metall-Chef Jürgen Kerner, der zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp ist. „Wir teilen die Analyse von Herrn López zu den Zukunftsaussichten von Thyssenkrupp Steel“, so Kerner. Mit der Neuaufstellung des Stahlbereichs entstehe ein wirtschaftlich stabiles Unternehmen. Er forderte, „zeitnah in Gespräche mit der IG Metall einzutreten, um eine tragfähige Lösung für eine Verselbständigung des Stahlbereichs aus eigener Kraft zu entwickeln“.
